An Bord des Reichspostdampfers „König“.
Im Mittelmeer, vor den Nilmündungen,
20. Januar 1907.
Herrn Geheimrat Kirchhoff, Mockau bei Leipzig.
Vor wenigen Stunden haben uns die Palmen von Port Said den letzten Gruß Afrikas herübergewinkt. Jetzt ist der flache, sandige Strand des ägyptischen Deltagestades längst den Augen entschwunden, und graue Wasserwüste liegt vor dem Schiff, das immer mühseliger gegen den rasch aufkommenden Nordwestwind ankämpft. Überhaupt das Mittelmeer zur Winterszeit! Wo ist der ewig klare Himmel unserer Schulweisheit in Wirklichkeit! Kapitän Scharf, der es doch wissen muß, sagt, daß er diese Meeresstrecke um diese Jahreszeit gar nicht anders kennt als immer kalt, immer stürmisch, kurz, als einen unangenehmen Übergang von der herrlichen Temperatur des winterlichen Roten Meeres zu dem nordischen Klima des Atlantischen Ozeans und der Nordsee. Wir werden unmittelbar an Kreta entlang fahren müssen und werden so dicht an Griechenland vorüberkommen, daß die schneeigen Gipfel der Gebirge Spartas zu uns herüber grüßen, so schwer legt sich das Wetter gegen den breiten Bug unseres etwas altmodischen Dampfers, der für ein modernes Beförderungsmittel merkwürdig wenig Fahrt macht. Um so mehr Muße hat der Reisende, im behaglichen Rauchsalon in sich zu gehen und das Fazit zu ziehen aus alledem, was er in den letzten dreiviertel Jahren gesehen, gehört und gelernt hat.
War das ein vergnügter Abend am 2. Dezember an Bord des „Kanzler“ auf der Reede von Lindi! Man begriff kaum, woher mit einem Male die vielen weißgekleideten Europäer kamen. Ein Witzbold meinte, das eisgekühlte Pilsner, das Ewerbeck und ich in froher Abschiedslaune in unbegrenzten Mengen spendeten, sei der Magnet; doch das ist ein schlechter Witz gewesen. Die Anwesenheit eines deutschen Dampfers im Hafen ist in diesen Breiten immer ein Fest, das männiglich feiert wie es fällt. Mit Recht, denn nichts ist tötender als das Einerlei des Werktagslebens in Afrika.
Was den Dämpfling „Rufidyi“ mehr als drei Tage angestrengtester Arbeit gekostet hatte, der schnellfahrende „Kanzler“ hat es in einem Tage gemacht. Schon am 4. Dezember früh stiegen Ewerbeck und ich in Daressalam wohlgemut ans Land, Ewerbeck, um sich für immer vom Schutzgebiet zu verabschieden, ich, um über den verwaltungstechnischen Teil meiner Expedition höheren Orts Rechenschaft abzulegen. Für einen Neuling wie mich ist jener Aufenthaltswechsel belanglos gewesen, den Kaiserlichen Bezirksamtmann hingegen bewegten sichtlich ernsthafte und wehmütige Gedanken; er hatte den besten Teil seines Lebens, mehr als fünfzehn Jahre, an die Entwicklung gerade des Südostens von Deutsch-Ostafrika gesetzt; da geht man nicht gleichgültigen Herzens von dannen.
Daressalam war noch entzückender als im Juni; jetzt gab es „Embe“ in Mengen, in jeder Größe und jeder Beschaffenheit. Embe? Was ist Embe? Nun, für den Nordländer, der auf sein prächtiges Obst stolz sein kann, auf unsern unvergleichlichen Apfel, die saftige Birne, das große Heer unseres herrlichen Beerenobstes und was unser Garten an Köstlichkeiten sonst alles zu bieten gewohnt ist, für den ist Embe ein leerer Schall; wer aber dauernd in der Tropenregion des Indischen Ozeans lebt, für den ist diese Frucht der Inbegriff alles Herrlichen und Schönen. Die Mango ist es, jene indische Frucht, die seit langer Zeit ihre zweite Heimat in Äquatorial-Ostafrika gefunden hat. Der Baum ist gleichsam der Vorläufer jener ungezählten menschlichen Bewohner der großen Halbinsel zwischen dem Arabischen Meer und dem Bengalischen Golf gewesen, die heute alle größeren Orte in Britisch- und Deutsch-Ostafrika, im portugiesischen Gebiet und selbst auf der Südspitze des Erdteils als mehr oder minder unwillkommene Eindringlinge bevölkern. Angenehmer als der Inder niederer Kaste ist der Mangobaum allerdings; er gleicht im Habitus einigermaßen unserer Linde und verleiht jeder Siedelung etwas Anheimelndes und Gemütliches.
Und seine Frucht erst! Wie sie schmeckt, wenn sie vom Baume kommt, kann ich mit dem besten Willen nicht sagen; der weiße Bewohner von Daressalam genießt den großen Vorzug, in einem Kulturzentrum zu leben, wo man gewohnt ist, die fast kindskopfgroße, saftige Frucht nur auf Eis gekühlt serviert zu bekommen. In dieser Aufmachung ist die Embe allerdings ein Genuß, den man dem der Ananas fast an die Seite setzen könnte. „Embe“ ist denn auch das Schlagwort, das man vom Weißen beim Frühstück, beim Mittag- und beim Abendessen zum Boy hinüberrufen hört; ich glaube, die Weißen träumen in dieser Zeit sogar von jener Frucht.
Wie ein Blitz aus heiterm Himmel ist in dieses Schlaraffenleben die Kunde von den Ereignissen des 13. Dezember gefahren. Unmittelbar vor meiner Rückkehr nach Daressalam war dort der „Kaiserhof“ eröffnet worden, ein vortreffliches, erstklassiges Hotel, unter dessen erste Gäste zu gehören ich das große Vergnügen hatte. Man erstickte förmlich in Komfort: elektrisches Licht, vor jedem Zimmer eine breite, schattige Barasa, neben jedem Wohnzimmer die bequemste Badegelegenheit, eine mehr als üppige Verpflegung — nach den mageren Monaten in Busch und Pori war das des Guten eigentlich zuviel. Erfreulicherweise gewöhnt sich der Mensch jedoch an alles, selbst an ein gutes Leben.
In diese Ruhe und Behaglichkeit, die über der ganzen großen, beneidenswert behäbigen Beamtenstadt lagerte, schlug die Kunde von der jähen Auflösung des Reichstags wie eine Bombe ein. Selten habe ich so viele lange Gesichter gesehen wie in jenen Tagen; es war, als ob jeder einzelne Europäer bis zum letzten kleinen Unterbeamten hinunter persönlich von dem Geschehnis betroffen worden sei; in allen Messen und an allen Stammtischen ertönten die Unkenrufe über die schwarze Zukunft oder richtiger über den Mangel jeder Zukunft der Kolonie, deren ruhmloses Ende jetzt auch schon deshalb über jeden Zweifel erhaben schien, weil jeder von uns bei den Neuwahlen im Januar mindestens hundert „Sozi“ in den Reichstag einziehen sah. „Und mit dem Bahnbau ist es natürlich ein für allemal zu Ende“, das war der stereotype Refrain aller dieser Klagelieder, die man in gerechter Betrübnis in einem Meer von Whisky-Soda ertränkte. Ich persönlich bin der Überzeugung, daß es ganz so schlimm gar nicht werden wird, sondern daß auch der nächste Reichstag zum mindesten das gleiche koloniale Verständnis entwickeln wird wie sein Vorgänger; hoffentlich noch mehr. Am 25. Januar soll unser guter „König“ in Genua ankommen; das ist der Termin der Reichstagswahlen; am nächsten Tage wird man im großen und ganzen schon ersehen können, wie diese Wahlen zu einem Teil ausgefallen sind, zum anderen ausfallen werden, und wie sich das Schicksal unserer Kolonien für die nächste Zukunft gestalten wird.