Eng aufgeschlossen, die Krieger in Sektionskolonne, die Reichsdienstflagge im frischen Seewind breit entrollt, geht es nach Lindi hinein. Meine Träger sind fremd, deswegen sind die Frauentriller, die sonst den Einzug jeder Expedition begleiten, nur dünn gesät. Stramm schwenken die Askari auf dem Bomaplatz ein, steif vom langen Ritt steige ich vom Tier, da endlich naht der erste Weiße. Die Begrüßung ist freundlich, die Freude ehrlich. Jetzt tritt der zweite herzu: „Herrgott, sehen Sie schlecht aus! Und Ihr Maultier erst, das geht doch noch heute ein; ums Bezahlen werden Sie wohl nicht herumkommen!“ Weg sind alle Illusionen; ich wende mich ab und lasse den Gefreiten, der in strammer Haltung abseits gestanden hat, nähertreten. „Ihr seid gute Soldaten gewesen, und du, Hemedi Maranga, bist der beste von allen; ich werde euch ein großes Fest geben. Aber jetzt geht heim zu euren Frauen.“ Ein Händedruck, ein paar kurze Kommandos, im nächsten Augenblick verschwinden die zwölf in ihrem Kasernenhof; ich selbst aber steige in meine alte Klause nach oben. Nils Knudsen hat recht: bei den Schensi ist es doch besser!
Von meinen Trägern habe ich in den wenigen Tagen, die ihnen in Lindi noch verblieben, nur wenig gesehen; um so mehr aber sind sie zu hören gewesen. Jetzt ist ihre Stunde gekommen; frei schwingt der „Kaiser Wilhelm“ draußen auf dem Strom um seine Ankerkette. Morgen früh bei Tagesanbruch soll die Reise nordwärts gehen, heute abend um Sonnenuntergang sollen meine Leute an Bord. Für 5½ Uhr habe ich sie vor das Posthaus, in dessen Oberstock ich ein nüchternes Zimmer bewohne, bestellt; ich will sie doch lieber selbst zum Hafen bringen. Die festgesetzte Zeit ist gekommen, aber kein Träger ist da; es wird 5¾ Uhr, schon werde ich unruhig, da erschallt immer näher ein so furchtbares Getöse, daß die Diagnose ohne weiteres gegeben ist. Aber haben sich die zwei Dutzend auf das Dreifache vermehrt? Ein dichtes Rudel tobt und wallt dort unten auf dem Platz herum, Bässe grölen, Triller schwirren; Ausschreitungen kommen nicht vor, wie ich das auch gar nicht anders erwartet habe. Regellos zieht der Haufe hinter mir her, die wenigen hundert Schritte zum Wasser hinunter; dort liegt schon der Fährmann bereit. „Bwana, ich möchte doch lieber hier bleiben“, sagt Kasi uleia, der Hübsche, und wirft einen zärtlichen Blick auf die dunkle Schönheit an seiner Seite. „Tu’, wozu dein Herz dich treibt, mein Sohn“, antworte ich milde. „Und das hier ist mein Boy, Herr“, sagt Pesa mbili II., der jetzt wieder sehr rundliche Jüngling aus Manyema. Die Bibi, die sich etwas verlegen hinter seinem breiten Rücken verbirgt, stellt er mir aber nicht vor.
Der Verfasser im Porikostüm.
„Nun singt sie noch einmal, die schönen Lieder!“
In geschlossenem Kreis stehen die Mannen um mich herum. „Kulya mapunda“ geht ganz gut, sonor klingt die gefällige Weise über den rauschenden Lukuledi dahin. Auch bei „Dasige murumba“ zieht sich der Sängerkreis noch leidlich aus der Affäre; als nun aber das Standardlied anhebt: „Yooh ndērule“, da erscheint mir der Kreis recht verdünnt und lückenhaft; dafür erschaut mein Auge im Dämmerlicht in den Nischen des Ufergebüsches einzelne Pärchen. „Aha, Abschiedsszenen“, denke ich, stelle aber sofort fest, daß ich mich gründlich geirrt; nichts von Zärtlichkeit, sondern wie die Wölfe haben sich diese Materialisten über das letzte Liebesmahl hergemacht, das ihnen eine zarte Hand für die Seereise zugedacht. „Wohl bekomm’s“, sage ich halblaut und konstatiere zu meiner Befriedigung, daß auch beim Neger die Liebe durch den Magen geht.
Ungeduldig meldet sich der Fährmann; ich treibe den hagestolzen Teil der Sänger ins flache Wasser hinein. Lustig plätschernd waten sie von dannen; rasch ist es dunkel geworden, kaum unterscheide ich noch die weißen Gestalten, als sie ins Boot klettern. Yooh nderule, yooh nderule, wabwana mkubwa nderule — lang und gedehnt klingen die vertrauten Laute aus Pesa mbilis Kehle über die schweigende Flut — kubwa sumbana wogi nderulewa, yooh nderule hallt der Chor verklingend nach. Das Boot ist im Dunkel der Nacht verschwunden; ich wende mich der Messe zu, zur Hauptmahlzeit des Tages; in diesen Räumen gehöre ich wieder ganz zur Vollkultur — die Expedition Weule ist zu Ende.
Am Eingang in das Rote Meer. Der Fels von Aden.