Große Ngoma in der Boma von Mahuta.
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GRÖSSERES BILD
Luagala mag strategisch gut gelegen sein, hydrographisch liegt es unglücklicher als irgendein Makondeweiler. Vier volle Marschstunden sind augenblicklich zum Herbeischleppen des Trinkwassers nötig. Und dabei grünt der Wald so schön und frisch, daß es eine Lust ist, nach der reichlich schweren Sitzung, die mir Leutnant Spiegel aus Freude über den Europäerbesuch bereitet hat, in seinem Schatten zu wandern. Es geht erst langsam, dann rascher abwärts; endlich klettert die Karawane den fast senkrechten Steilabsturz zum Kiheru hinunter. Das Flüßchen führt silberklares Wasser; so etwas ist in Ostafrika immer erfreulich, und schon will ich den Becher zum Munde führen. „Chungu-Bwana, es ist bitter, Herr“, sagt in dem Augenblick Hemedi Maranga, und ich lasse den Arm sinken.
Saidi Kapote ist schon ganz wieder typische Tieflandsiedelung, weitzerstreute, große, rechteckige Häuser mit schwerem Satteldach. Auch in bezug auf den abendlichen Fallwind gleicht es aufs genaueste den übrigen Siedelungen am Fuß des Hochlandes. Bis jetzt ist der Rückmarsch eine Reise mit Hindernissen gewesen; jeden Morgen die schreckliche Trägernot, so daß der Abmarsch erst in später Morgenstunde hat erfolgen können. Auch hier sind die am Vortag gedungenen Makonde wieder spurlos verschwunden; zwar gelingt es dem Akiden, durch Stellung einer Anzahl von Ersatzleuten unserer größten Not zu steuern, einige wertlosere Lasten indessen müssen einstweilen zurückbleiben; der Mann verspricht, uns diese nachtragen zu lassen.
Der vorletzte Marsch beginnt; es geht immer nach Osten, die langgezogenen Höhenzüge entlang, die sich zwischen Kiheru und Lukuledi in endloser Einförmigkeit erstrecken. Die Karawane ist jetzt sehr zahlreich, wohl über 100 Köpfe stark; in den hiesigen Sandmassen zieht sie sich zu unübersehbarer Länge auseinander. Dennoch geht es unverdrossen vorwärts, Stunde um Stunde; am Lukuledi eine kurze Rast, dann heißt es von neuem weiter. Endlich, erst gegen die Mitte des Nachmittags und nach mehr als achtstündigem Dauermarsch, machen wir unter ausgedehnten Palmen- und Mangohainen eine kleine Stunde westlich von Mrweka halt. Alles ist zum Umfallen müde und abgespannt, aber selbst der stumpfsinnigste Askariboy wälzt sich unruhig in seinen Träumen: schon morgen wird er in Lindi sein; welche Herrlichkeiten und Genüsse wird ihm diese Weltstadt diesmal bringen!
Unter dem Gefunkel des tropischen Sternenhimmels sind meine braven Krieger zum letztenmal angetreten, zum letztenmal ist das Getöse der aufbrechenden Karawane über das tiefeingeschnittene Lukuledital hinüber in das schweigende Pori gedrungen. In der Inderstraße von Mrweka fahren verschlafene Männer, nasenringbehängte Frauen und schreiend aufgeputzte Babys erschrocken hoch, als die furchtbaren Töne meiner Expeditionstuthörner ihnen ins Ohr gellen. Rasch wird es lichter, eine gelbbraune Gestalt fällt meinem Maultier in die Zügel; Herr Linder ist’s, der treffliche Wirtschaftsinspektor von Lindi. Er hat mir damals den letzten Europäergruß von Ruaha aus mitgegeben, er drückt mir nun auch als erster Kulturträger bei der Heimkehr die Hand. Seine Anwesenheit hier ist die Folge des „Booms“, er vermißt irgendwelche neuen Plantagengelände. Doch rasch geht es weiter, einen flachgeneigten Abhang zur Linken hinunter; die Spitze stutzt, alle Folgenden stauen sich auf, ein breiter Meeresarm dehnt sich vor uns aus. Ich bin landfremd und muß in diesem Fall einmal meinen Leuten folgen. Diese sind, die Kleider bis an die Schulter emporhebend, langsam in die Flut hineingeschritten; mein Maultier ziert sich noch ein Weilchen — es ist ja ein Fräulein —, dann aber stapft es mutig hinterdrein. Ohne jeden Unfall langt alles drüben am Ufer an, ein kurzer Sammelhalt, und im Geschwindmarsch geht es weiter auf Nguru Mahamba zu, das die Springflut bis fast in die Häuser hinein unter Wasser gesetzt hat.
Aus ist’s in diesem Moment mit der Wildnis. Der im Juli noch unfertige Weg stellt sich jetzt als die idealste Kunststraße dar; ihr fehlt nur das Auto, um das Kulturbild des zwanzigsten Jahrhunderts zu vollenden! Am Fuß des Kitulo der letzte große Halt; mich bannt Nils Knudsen auf die Platte, einen riesenhaften Baobab als Hintergrund; ich müsse mich auch im Kostüm des Afrikaforschers der Nachwelt erhalten, meint er; meine Leute aber machen Einzugstoilette. Es ist ein unsagbar malerisches Bild, wie die Kerle sich dort aufgebaut haben, auf Kisten und Lasten gekauert; mit einem Eifer, der so manchem guten deutschen Volksgenossen nur anzuempfehlen wäre, putzen und schaben sie an ihrem auch sonst schon so glänzenden Gebiß herum; spannenlang und daumendick ragt die „Swake“, die Zahnbürste Afrikas, zwischen den Lippen hervor, einer riesigen Zigarre gleich. Sie ist hygienisch einwandfrei und gut, diese Zahnbürste des Negers, ein simples Stück sehr faserigen Holzes, das in jede Ritze des Gebisses eindringt, ohne doch den Schmelz zu verletzen. Und überalt wird sie auch nicht, der Mann ist stets in der Lage, eine neue in Gebrauch zu nehmen.
Einzugstoilette. Zähneputzen meiner Begleitmannschaft.
Ich habe soeben den Scheitelpunkt des Kitulo erreicht; gerade werfe ich den letzten Blick auf den Teil Innerafrikas zurück, an dem nun auch ich in mühseliger, schwerer Arbeit Forscherrechte errungen habe, da brüllt mir Omari, der Koch, der keuchend den Berg herauf eilt, schon von weitem entgegen: „ndege amekwenda, der Vogel ist weggeflogen“. In der Tat ist der Käfig des kleinen Sängers leer; ein Stäbchen hat sich ein wenig gelockert, das war die Pforte zur Freiheit. Wie hat der kleine, bunte Vogel, eine Art Zeisig, die ganzen Monate hindurch unseren staubigen, heißen Rasthäusern durch sein schmetterndes Lied wenigstens etwas von ihrer schauderhaften Unwohnlichkeit und Ungastlichkeit genommen, und wie dankbar ist er für die paar Hirserispen gewesen, die sein Unterhalt gekostet hat. Jetzt ist er davon, genau in dem Augenblick, wo ich mir Sorge machen mußte, wohin mit dem kleinen Freund; das rauhe Klima des Nordens wird ihm kaum zusagen; soll ich ihn also dem ersten besten Europäer anvertrauen? Seine rechtzeitige Flucht hat mich des Dilemmas in einfachster Weise enthoben.