Wanduwandus Grab.

Für Nils Knudsen hat erst nach jenem Tage das Trauern angehoben. In seiner grüblerischen Weise hat er zunächst nach der Todesursache geforscht; der direkte Urheber des Unglücksfalles ist natürlich der Elefant, das unterliegt keinem Zweifel. Es war ein Alleingänger gewesen, ein riesiges Tier, auf das zunächst Knudsen ein paar Schüsse abgegeben hatte, worauf seine Begleiter, Leute aus der Niederung von Nkundi, aus ihren Vorderladern eine ganze Salve auf das unglückliche Tier losgedonnert hatten. Dieses war zwar in die Knie gesunken, hatte sich aber mit dem Rüssel an einem starken Baum wieder emporgezogen und die Jäger angenommen. Alles war bis zu dem verabredeten Sammelpunkt geflohen, nur der weiße Jäger war gestürzt, hatte dabei sein Gewehr weit weggeworfen und sich den Arm vestaucht. Erst nach unbestimmter Zeit bemerkt man das Fehlen Wanduwandus; Knudsen geht zurück und vernimmt auf dem Schlachtfelde von vorher ein dumpfes Stöhnen. „Na, den haben wir“, denkt er und meint den Elefanten; aber nicht das schwerverletzte Wild ist es, sondern der treue Wanduwandu, der unter einem Haufen von Geäst und Zweigen besinnungslos daliegt. Ob die Fährte des Elefanten unmittelbar an jenem Ort vorübergeführt hat, ist von Knudsen nicht beachtet worden, eine genaue Erinnerung an jenen schrecklichen Vorgang hat er bis heute überhaupt noch nicht. Nach Lage der Dinge wird man mit Sicherheit annehmen können, daß Wanduwandu, der im Ruf eines sehr tapferen, ja fast tollkühnen Jägers stand, dem wütenden Tier in die Quere gekommen und von ihm niedergeschlagen worden ist. Die starke Schweißspur des Elefanten hat sich im Busch verloren.

Dies ist also die direkte Todesursache; uns nüchtern denkenden Europäern würde sie genügen, hierzulande reicht sie nicht aus. „Das verfluchte dicke Frauenzimmer ist schuld daran, sie hat ihn früher schon einmal betrogen, und jetzt wird es wohl nicht anders gewesen sein“, das ist des völlig zur Negerdenkweise bekehrten Nils Diagnose. Ich weiß schon aus meinen früheren Jagdstudien von Chingulungulu her, daß in der Tat folgender Glaube allgemein besteht: Zieht der Mann hinaus ins Pori, um den Elefanten zu jagen, und die Frau daheim vergibt sich etwas im Punkt der ehelichen Treue, so rächt der Elefant das unweigerlich am betrogenen Ehemann selbst; er nimmt ihn an und schlägt ihn nieder; eine ganze Reihe von Beispielen, solche mit Namennennung sogar, hat man mir erzählt. Nun ist Wanduwandus Frau ein außerordentlich stattliches, für Negerbegriffe sogar bildschönes Weib; ihr Nasenpflock ist von außergewöhnlicher Größe und sehr zierlich ausgelegt, sie selbst von geradezu beneidenswerter Fülle; größte Rundlichkeit und höchste Schönheit aber sind hierzulande identische Begriffe. Erklärlich ist es darum, daß die Dame viel umworben wurde; diesen Umstand mit dem typischen Jägertod des Gatten in Verbindung zu bringen und ganz logisch den Schluß daraus zu ziehen: der Mann ist erschlagen worden, folglich muß ihn die Frau betrogen haben, ist für die Negerseelen, Nils Knudsen eingeschlossen, eins.

Erklärlicherweise habe ich mich dieser Deutung gegenüber sehr skeptisch verhalten, doch ich muß offen gestehen, es ist wirklich etwas daran; nur folgen die einzelnen Momente zeitlich in etwas anderer Reihe. Das Weib ist tatsächlich die indirekte Todesursache; Knudsen erinnert sich jetzt, daß Wanduwandu während des ganzen Jagdzuges seltsam aufgeregt und unvorsichtig gewesen ist; von anderer Seite habe ich gehört, daß die dicke Frau immer sehr stark kokettiert und daß unmittelbar vor dem Abmarsch zwischen den beiden Eheleuten eine sehr heftige Szene stattgefunden hat. Damit haben wir ohne weiteres den Schlüssel zum ganzen Rätsel: der Elefant hat den in völliger Verwirrtheit vor ihm herumstolpernden Jäger nicht umgebracht, weil dessen Frau sich gerade in diesem Augenblick mit anderen einläßt, sondern weil das Verhalten der Frau vorher den Mann bis zur Unvernunft erbost und kopflos gemacht hat. Aber es ist immerhin doch außerordentlich lehrreich zu sehen, wie leicht und allgemein sich Vorkommnisse solcher und ähnlicher Art, sofern sie nicht vereinzelt bleiben, zu Glaubensmaximen verdichten können.

Wanduwandus Tod hat an dem einmal festgesetzten Abmarschtermin nichts geändert; gleichwohl ist zu merken, daß es selbst unsere Leute noch stärker als vorher von dannen treibt. Für Knudsen hat seit jenem tragischen Ereignis ein hartnäckiger Kampf mit der Wittib begonnen. Diese nützt die Konjunktur aus und sucht den guten Nils unter dem Hinweis darauf, daß eigentlich doch nur er an dem Tode des Gatten schuld sei, auf einen Lieferungskontrakt von jährlich sechs neuen Kleidern festzulegen. Auf dem anderen Flügel seiner Schlachtordnung wird Nils von den Vettern und Verwandten des Verstorbenen attackiert; wie die Aasgeier sind sie plötzlich in ganzen Schwärmen herbeigeströmt und heischen nunmehr den rückständigen Lohn des verstorbenen Dieners für sich. Doch Bauer gegen Bauer, Nils ist ebenso zäh wie die anderen; schließlich kommt er zu dem Entschluß, der Witwe den Lohn zu verabfolgen. „Dann schlagen sie sie tot, noch ehe sie unten in Mchauru ist“, sage ich zu Knudsen und gebe ihm den Rat, das Geld durch einen Boten bei Matola, als dem Akiden von Wanduwandus Heimatsbezirk, zu deponieren; dort mag die Dicke die ungeheuere Summe von 4,75 Rupien — um diesen Riesenbetrag von 6,33 Mark handelt es sich bei der Erbschaft — nach Belieben abheben. Diesen Zahlungsmodus muß das Weib wohl nicht begriffen haben, denn als am Morgen nach dem Tage, an dem Knudsen ihr rundheraus erklärt hatte, auf den Kleidervertrag nicht eingehen zu wollen, ihr Abmarsch festgestellt wird, bemerkt der Koch Latu das Fehlen einiger Kostbarkeiten aus Knudsens Besitze: eines Quantums Erdnüsse und irgendeines anderen Genußmittels. „Nun soll sie mir aber noch mal wiederkommen“, sagt Nils, äußerlich sehr entrüstet, innerlich aber sichtlich beruhigt. Er kann wirklich ruhig sein; eine solche Schönheit läuft hierzulande nicht lange ungefreit herum, nach meiner Schätzung ist sie schon jetzt wieder verheiratet. Trotzdem drängt auch Nils von dannen.

Mir selbst läßt ein anderer Umstand Mahuta immer weniger anziehend erscheinen. Schon in Nchichira hatte mir der dortige Akide arg zugesetzt. Kaum graute der Tag, da begann auch schon das von tiefen Kehllauten begleitete Hersagen der Koransuren. Sprang man dann entrüstet aus dem Zelt heraus, so exerzierte schon die ganze Garde des Islam, am rechten Flügel der alte Akide, links an ihn angereiht die übrigen Moslim. Das ging morgens so und mittags und abends. Hier in Mahuta ist die Gemeinde des Propheten noch größer, ihr Glaube noch inniger und fester; zudem kommen wir immer tiefer in den Ramadan hinein. Huldigt mir mein Gesangverein durch seine Lieder, oder ergötzt sich die Schar der Träger und der Soldaten an immer neuen Ngomentänzen, in deren Erfindung sie wahre Virtuosen sind, so übertönt unser Kelele das Gemurmel und Geplärr der 17 bis 20 frommen Beter drüben unter der Barasa des Wali; haben diese aber das Wort allein, so ist es einfach schrecklich. Oberpriester ist der Wali; sein Organ ist an sich schon nicht melodisch, bewegt es sich jedoch in der Sprache des Koran, so kann einem das Nervenzufälle verursachen, zumal, wenn diese Exerzitien sich bis tief in die Tropennacht, bis über 10 Uhr hinaus, ausdehnen. Leider ist ein Eingreifen meinerseits ganz ausgeschlossen, selbst wenn ich nicht so tolerant wäre. Gegen die Gewohnheit des Wali indessen, nach der Entlassung seiner Gemeinde sich noch geraume Zeit mit lautester Stimme zu unterhalten und wahre Wasserstrahlen mitten auf den Bomaplatz zu spucken, habe ich sehr bald energisch und mit durchschlagendem Erfolge Front gemacht. Solange ich da sei, sei ich der Bwana kubwa, da habe ich zu bestimmen, was Desturi, was Sitte sei, und ich wünsche durchaus nicht, daß er meine Nachtruhe noch weiter störe.

Ein fernerer Anlaß für die baldige Rückkehr zur Küste ist die günstige Fahrgelegenheit für die Träger gewesen. Nach dem Fahrplan der Dampferflottille der Regierung, die aus den beiden Riesenkähnen „Rovuma“ und „Rufidyi“ und dem „Kaiser Wilhelm II.“ besteht, muß der letztere kurz nach dem 20. November von Lindi nach Daressalam gehen; kann ich meine Leute mit ihm nach Norden schicken, so habe ich für sie alle freie Fahrt, wenn ich sie aber bis zu meinem geplanten Abfahrtstermin am 2. Dezember bei mir behalten muß, so habe ich erstens noch eine Menge Lohn zu zahlen, außerdem aber, da mein Dampfer nicht der Regierung, sondern der Ostafrikalinie gehört, eine schwere Summe als Fahrpreis zu erlegen. Zu guter Letzt hat mich die Absicht an die Küste zurückgetrieben, in Lindi die Strafakten des Bezirksamtes durchzustudieren; gerade die Kriminalpsychologie ist ja für die Kenntnis der Völker wichtig.

Der Spektakel am Morgen des 12. November ist größer gewesen denn je. Wie wildgewordene Hammel springen meine Leute in der Boma umher, kaum, daß sie das „Los“ des weißen Führers abwarten können. Der Wali läßt es sich nicht nehmen, uns eine Strecke weit das Ehrengeleit zu geben; nicht so sein Sohn. Und wenn ich alt werden sollte wie Grillparzer, deiner werde ich nie vergessen, du holder Sprößling aus edlem Geschlecht. Unvergeßlich wirst du mir bleiben mit deinem abendlichen Tun; du bist nicht für die Arbeit, den ganzen Tag lungerst du umher, den anderen helfend, die auch nichts tun. Da sinkt der Sonnenball im Westen rasch hernieder, faulen Schrittes bist du auf die hohe Flaggenstange zugeschritten, an deren Gipfel im frischen Abendwind das schwarz-weiß-rote Symbol der Fremdherrschaft flattert. Einen letzten Blick wirft das Tagesgestirn noch auf Mahuta zurück, dann sagt es auf zwölf Stunden Lebewohl. Langsam gleitet das bunte Tuch am hohen Mast herunter, schon hältst du es mit beiden Händen gefaßt, ein scheuer Blick ringsum; der Bwana mdogo weilt in seinem Zelt, der andere aber, der Bwana Picha, der sitzt wieder über seinen Bildern dort am Tisch. Eine rasche Aufwärtsbewegung, — krachend explodiert das Riechorgan des Schmierlümmels in das Tuch hinein; es ist aber auch ein zu schöner, weicher Stoff, und so etwas wird selbst dem Sohn des Wali nicht geboten, da heißt es die Gelegenheit benutzen!

Der Marsch bis Luagala bietet wenig Bemerkenswertes. So eben wie auf einer Billardplatte zieht sich der Weg dahin; nur ist die Vegetation hier tausendmal schöner als im Süden des Plateaus. Ein wundervoller Hochwald zieht sich viele Meilen weit zur Linken und zur Rechten des Weges dahin; menschliche Siedelungen und der von ihnen untrennbare scheußliche Busch treten auf diesen zwei Tagemärschen zurück. Erst kurz vor Luagala wird es bergiger; bevor der Reisende aber zu der von einer halben Kompagnie besetzten, von einem kaiserlichen Leutnant befehligten Boma hinaufsteigt, durchreitet er erst noch ein seltsames Gefilde: Mangohaine mit Zehntausenden von Früchten, soweit das Auge zu schauen vermag, aber keine menschliche Seele dazwischen zu entdecken, nur verkohlte Häusertrümmer hier und da. Das ist Machembas altes Reich, jenes merkwürdigen Yao, der ganz ähnlich wie der berühmte Mirambo von Unyanyembe es verstanden hat, durch den Nimbus seines Namens ganze Scharen wagemutiger Männer um sich zu sammeln, das ganze Makondeplateau zu tyrannisieren und mehrfach selbst den deutschen Truppen die Spitze zu bieten; noch heute zeigt man dem Fremdling die einzelnen Gefechtsfelder. Machemba hat es vor fast einem Jahrzehnt aber doch vorgezogen, den deutschen Boden zu verlassen; seitdem sitzt er drüben auf dem andern Rovumaufer, fast in Sicht von Nchichira, und jagt zur Abwechselung den Portugiesen einen dauernden Schrecken ein. Der alte Krieger muß im übrigen ein ausgezeichneter Organisator gewesen sein; ein Dummkopf würde es kaum verstanden haben, auf dem Sande gerade dieses Plateauteiles eine solche Kultur erstehen zu lassen.