So bin ich bei dem Verpacken meiner Sammlungen, von denen die früher gesandten Lasten in den Magazinen des Bezirksamts ein beschauliches, nur von zahllosen Ratten gestörtes Dasein geführt hatten, auf mich und meine Leute angewiesen. Zu diesen zählt einstweilen auch noch Nils Knudsen, der wacker mit zufaßt, trotz seines stets verdrießlichen Antlitzes. Es gefällt ihm an der Küste nicht; ihr feuchtes Klima sei ihm zu weich, und mit den Weißen vermöge er sich nicht zu stellen, behauptet er; er sei mehr an die Schensi dahinten gewöhnt, die ärgerten ihn nicht und guckten auch nicht auf ihn herab; er wolle bloß abwarten, bis ich nach Norden abgedampft sei, dann wolle er gleich wieder nach Westen ziehen, um Antilopen und Elefanten zu jagen.
„Nun, ich dächte, von der Sorte hätten Sie gerade genug“, sage ich wohlmeinend zu dem kühnen Jäger und werfe einen Blick auf seinen rechten Arm, von dem er behauptet, er könne ihn noch immer nicht recht wieder gebrauchen. Es ist aber auch eine schreckliche Geschichte gewesen.
Ich sitze eines Mittags gerade bei Tisch und quäle mich mit einem Gericht herum, dessen Natur ich nicht recht ergründen kann; es ist der Inhalt einer portugiesischen Konservenbüchse, doch habe ich die Aufschrift nicht übersetzen können. „Mach es nur zurecht, Omari“, habe ich zum Koch gesagt und mir nichts weiter gedacht. Jetzt schwimmen vor mir in einem gelbbraunen Meer von Brühe ovale dunkle Scheiben herum; zwischen ihnen tauchen hie und da gallertartige, molluskenhaft weiche Inseln auf; das Ganze schmeckt greulich, wie ein Gemisch von Schwefelsäure, Rüböl und Mostrichsauce. Endlich gelingt es mir, eine der Scheiben zu isolieren: eine Saubohne ist’s, die Inseln aber sollen den Speck bedeuten. Heiliger Vasco da Gama, nun kommst du auch mir noch in die Quere!
Ingrimmig male ich mir gerade aus, wie der alte Entdecker vor 400 Jahren als vorsichtiger Mann hier an der sichern Lindibucht ein Depot von Nahrungsmitteln errichtet hat, da erschallt Moritzens näselndes Organ: „Bwana mdogo anakuja, Herr Knudsen kommt.“ Ich drehe mich um; schleppenden Schrittes wankt die sonst so stattliche Gestalt des Wikingersohns daher, die Kleider zerrissen, über und über bestaubt; den rechten Arm aber trägt er in der Binde.
„Na, alter Nimrod, Sie hat wohl der Elefant gespießt?“ rufe ich ihm launig zu.
„Das nicht, ich bin bloß gefallen und habe den Arm gebrochen, aber mein Wanduwandu ist tot. Eben ist er gestorben, dort hinten bringen sie ihn.“ Tatsächlich sieht man in diesem Augenblick an der engen Bomatür eine Menschengruppe mit irgend etwas beschäftigt; was sie treibt, ist in dem rasch anwachsenden Schwarm der Hinzuströmenden nicht zu erkennen. Ich habe jetzt anderes zu tun, mit Gamas Saubohnen mag sich vergiften, wer da will; ich nehme den arg geschwollenen Arm des Jägers her und suche die Bruchstelle festzustellen. Nichts zu finden außer eben dieser starken Geschwulst, kein Knick, kein Splitter; also kalte Umschläge und Hochlagerung. Bassi, Schluß! Knudsen fällt wie ein Klotz in seinen Stuhl und versinkt sogleich in dumpfes Brüten, ich aber suche die Leiche. Unter einem breitschattigen Baum, ganz am andern Ende der Boma, haben sie sie aufgebahrt auf einer Kitanda, dem landesüblichen Bettgestell. Der Tote ist nur notdürftig zugedeckt, der Mund weit geöffnet; die gebrochenen Augen starren leer ins Weite. Hemedi Maranga tritt heran und drückt sie zu, während ich den Körper genauer untersuche; keine wesentliche Verletzung, nur die Fingerspitzen blutig und zerschlagen; sonst nur eine leichte Abschürfung an der linken Schläfe und darunter eine mäßige Schwellung. Dennoch kommen der Wali und ich überein, daß hier die Todesursache zu suchen sein wird; ein Abtasten des Kopfes läßt deutlich einen Schädelbruch fühlen; es muß ein furchtbar wuchtiger Hieb gewesen sein, dem der Mann zum Opfer gefallen ist. Aber ein Hieb mit weicher Waffe; ein harter Gegenstand würde die Außenteile zerschmettert haben.
Der Nachmittag hat viel Arbeit gebracht. Altgeheiligtem Brauch zufolge hatte ich mein Quantum Sanda mitgenommen, nicht ahnend, daß der leichte Stoff nun doch noch seinem eigentlichen Zweck dienstbar gemacht werden würde. In ein großes, weißes Stück hat man den Toten eingenäht, während andere draußen, hart über dem Bergesrand, dem jäh Verblichenen das Grab schaufelten. Gegen Sonnenuntergang hatte ich das Begräbnis angesetzt; um drei Uhr mußte ich schon meinen schnellsten Läufer entsenden, um die Leiche an ihren alten Standort zurückbringen zu lassen; die Stammesgenossen und Freunde Wanduwandus hatten die Zeit nicht abwarten können. Gegen sechs aber stand meine ganze Truppe in Leichenparade da. Auch hier wieder der Takt des Naturmenschen: jeder meiner Krieger hatte ohne Befehl meinerseits seinen Paradeanzug angelegt, Hemedi Marangas breite Brust aber zierte die Tapferkeitsmedaille. Von allen Eingeborenen, mit denen ich in Berührung gekommen bin, ist mir Wanduwandu der sympathischste gewesen; eine prachtvolle Figur, die einzige, auf die die so oft mißbrauchte Redensart vom herkulisch gebauten Neger paßte; dabei ruhig, still, gemessen und doch seiner Kraft vollauf bewußt. So hatte er die Expedition Monate hindurch begleitet, von allen geschätzt, von niemand gehaßt. Ich habe es für ganz selbstverständlich gehalten, daß auch ich dem Mann, trotzdem er „nur“ ein Neger war, in reinem, weißem Anzuge das letzte Geleit zu geben hatte.
Yaogräber habe ich eine ganze Reihe gesehen und im Bilde festgehalten. Doch neben aller menschlichen Teilnahme mußte es mich fesseln, einmal einem Begräbnis als Zeuge beizuwohnen; ich habe aus diesem Grunde nicht im mindesten in die Maßnahmen der Eingeborenen eingegriffen. Das Grab hatte die Form des europäischen, nur war es weit flacher, wenig mehr als ein Meter tief; zudem hatten die Männer es viel zu kurz bemessen. Ein paar Hilfsbereite sprangen zwar sogleich herzu, um es noch angesichts des Toten zu verlängern, aber wenn in späteren Zeiten an jener Stelle einmal gegraben werden wird, dann wird man dort ein Skelett fast in der Form des liegenden Hockers vorfinden. Über den Toten hat man Matten als Schutz gebreitet; der Eingeborene liebt es nicht, selbst im Tode mit der bloßen Erde in Berührung zu kommen. Doch nun kommt etwas Fremdes in die Zeremonie; seit Tagen weilt der schwarze Prediger Daudi von Chingulungulu bei mir. Ich habe mit ihm noch manchen Punkt in meinen Aufzeichnungen durchzusprechen gehabt und daher habe ich ihn brieflich entboten. Wanduwandu ist Heide gewesen; Knudsen und ich haben ihn oft geneckt, ob er nicht lieber Moslim werden wolle oder gar ein Christ; aber überlegen hat er stets das Haupt geschüttelt, er wolle bleiben, was er sei, bei seinen Vätern sei er auch ganz gut aufgehoben. Daudi spricht am offenen Grabe ein paar Worte in Kisuaheli; unverkennbar hebt sich in ihnen die Stelle: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ von den übrigen ab; sodann ertönt, von einigen wenigen Christenknaben, die es also in Mahuta doch geben muß, leise gesungen, ein ernster, kurzer Gesang der Feuerglut der scheidenden Sonne entgegen; ein leises Gebet von Daudis Lippen, klatschend fallen die ersten Schaufeln gelben Sandes auf die Sanda da unten. Strammen Schrittes marschieren meine Krieger davon, unter Lachen und schlechten Scherzen trollt die andere Gesellschaft hinterdrein. Der Tod? Was ist das weiter? Das kann jeden Tag passieren; zu ändern ist nichts dabei. Kismet!
Heute wird der Besucher von Mahuta über jener Stelle eine einfache, niedrige, aber gutgebaute Hütte finden, ein von sechs Pfählen getragenes Dach, das genau von Westen nach Osten gerichtet ist; von seinem First flattern Stücke bunten Zeuges lustig im Winde. Das ist Wanduwandus Grab.