Es ist die Apotheose des Reisens an sich, also des Lebenselementes, das dem Mnyamwesi ebenso Bedürfnis ist wie sein Ugali: „O du Reise, du Reise mit dem großen Herrn, du (schöne) Reise. Die Jünglinge bekommen Zeug von ihm; o du Reise, du schöne Reise!“
Lang, fast klagend sind die tiefen Baßtöne verklungen; die vordem so glänzenden Augen meiner zwei Dutzend Getreuen sind immer kleiner geworden; es geht bereits stark auf zehn, und das ist eine Stunde, in der die Söhne Unyamwesis, in ihre dünne Matte gerollt, sonst längst von ihrer Heimat träumen. Ein fragender Blick von Pesa mbili herüber, ein kurzer Wink, im nächsten Augenblick ist die ganze Schar fast unhörbar verschwunden. Der Mond hat sich hinter einer dichten Wolke versteckt, bleich schimmern die weißen Gewänder meiner Braven noch einmal von ihrer Hütte herüber, dann bin ich allein. Wirklich allein, denn Knudsen ist wieder nicht zu halten gewesen und liegt schon seit einigen Tagen drunten im Tal der Jagd ob. Es seien gar zu viele Elefanten drunten, haben ihm die Leute von dort übermittelt, und da ist er im Sturmschritt von dannen gezogen; kaum daß sein Koch Latu und sein Diener Wanduwandu, dieser prächtige Yaorecke, ihm haben folgen können. Wo er nur bleibt? Er wollte doch schon heute mittag zurückkehren.
Die lichte Baumgrassteppe und ihre Tierwelt. Zeichnung von Salim Matola (s. [S. 452]).
Neunzehntes Kapitel.
Zur Küste zurück.
Lindi, ausgangs November 1906.
Mein Feldbett in allen Ehren, aber auf dem meterbreiten, von einem geräumigen Moskitonetz überspannten Lager, auf das mich das kaiserliche Bezirksamt bettet, schläft es sich doch weit behaglicher und schöner. Seit rund einer Woche wird mir dieser Genuß von neuem zuteil; am 17. November bin ich nach sehr strammen, anstrengenden Märschen hoch zu Maultier mit fliegender Fahne in Lindi eingezogen.
Äußerlich ist das Städtchen ganz das alte geblieben. Im ewigen Wechsel rauschen die blauen Fluten des Meeres vom offenen Ozean her den Lukuledi aufwärts, das weitverzweigte Ästuar bis in die fernsten Krieks hinein füllend; sechs Stunden später strömt all dieses Wasser wieder zurück, dem Osten zu; es ist wie ein ruhiges Atmen des Meerriesen. Gleichmäßig und leise rauschen auch die Palmen über den niederen Hütten der Schwarzen, den winkeligen, schmutzigen Anwesen der Inder und den wenigen Häusern der Europäer. Unter diesen haben die verflossenen Monate bedeutende Veränderungen mit sich gebracht. Von den alten Säulen des Deutschtums hier im äußersten Süden ist fast niemand mehr vorhanden; dafür sind neue Landsleute eingetroffen, und zwar gleich so viel, daß es fast schwer hält, eine Wohnung zu bekommen. Wären wir in einer englischen Kolonie, so würden wir sagen, in Lindi herrscht ein „Boom“; so sagen wir weniger drastisch: das Kapital hat den Süden entdeckt und beginnt ihn wirtschaftlich zu erschließen; alles gute Land soll dem Vernehmen nach schon in festen Händen sein, so daß die Nachkömmlinge wohl oder übel schon zu weiter im Innern gelegenen Geländen werden greifen müssen. Ich persönlich freue mich über diesen Aufschwung des mir liebgewordenen Südens, im übrigen habe ich jedoch genug mit meinen eigenen Angelegenheiten zu tun.
Zunächst das Ablohnen der zahlreichen Hilfsträger, die ich für den Transport der vielen in Mahuta zusammengebrachten Sammlungsgegenstände hatte dingen müssen. Es sind geringe Beträge gewesen, denn ihre Empfänger hatten nicht übermäßig viel zu leisten gehabt. Im ganzen Bereich des Makondeplateaus war es Regel gewesen, daß die am Morgen beim Abmarsch eingestellten Träger zwar bis zum Tagesziel mitmarschiert waren, daß aber am nächsten Morgen regelmäßig von ihnen nichts mehr zu sehen war; trotz des Postens, der das Lager umkreiste, waren die schwarzen Gestalten in der dunkeln Tropennacht unbemerkt entwichen. Mir hat diese Unzuverlässigkeit viel Ärger und Verdruß und natürlich auch Zeitverlust gebracht, da ich stets erst neue Leute suchen lassen mußte; andererseits habe ich unter diesen Umständen auch keinerlei Gelegenheit gefunden, den Deserteuren den ihnen zustehenden Tageslohn auszuzahlen. Erst vom Yaogebiet im Kiherutal an ist es besser geworden; die Leute von dort sind willig mitgegangen.
Meine Träger sind bereits am 23. von hier abgereist. Auf der Reede von Lindi, dort drüben dicht unter dem steilen Bergeshang, lag ein schönes, großes Schiff, viel größer als die Nußschale von ehedem, auf dem die Landratten von Unyamwesi so schreckliche Tage hatten durchmachen müssen. Auf dieses stolze Schiff habe ich die zwei Dutzend Getreuen gesetzt, und dann sind sie von neuem gen Norden gefahren, in ihren Träumen wohl die Rückkehr nach der Heimat planend, um das viele Geld, das jeder von ihnen sorgsam in das Hüfttuch geknotet bei sich trug, verständig anzulegen, in Wirklichkeit aber wohl, um schon am Tage nach der Ankunft im „Hafen des Friedens“, mit der schweren Safarikiste bepackt, in der Expedition irgendeines andern Weißen nach einer entlegenen Gegend der riesigen Kolonie auf sandiger Barrabarra dahinzutrollen. Es ist dicht vor der Regenzeit, da sind die Träger rar.