GRÖSSERES BILD

Ich habe es vorgezogen, mich bei den Soldaten einzuquartieren; nicht etwa aus unkirchlichem Sinn und aus unfrommem Geiste heraus, sondern weil die beiden Reverends auf der etwa eine Stunde von uns entfernt gelegenen Missionsstation schon bejahrt und der Schonung bedürftig sind. Zudem hat man ihnen die Station während des Aufstandes niedergebrannt, so daß sie augenblicklich in ihrem frühern Kuhstall ein mehr idyllisches als angenehmes Dasein führen. Trotzdem fühlen sich die beiden alten Herren, wie ich mich bei zwei längeren Besuchen überzeugt habe, außerordentlich wohl, und besonders Reverend Carnon, der jüngere von beiden, interessierte sich für den „Emperor and his family“ so lebhaft, als wenn er nicht in einem weltverlassenen Negerdorf, sondern vor den Toren Londons mitten in der Kultur lebte. Nur Mr. Porter läßt etwas nach; er ist aber auch schon hoch in den Siebzig und seit Jahrzehnten im Lande. In früheren Jahren hat gerade der ältere der beiden Missionare sich nachdrücklich mit dem Volkstum seines Missionsgebiets, mit der Volkskunde der Wanyassa, Yao und Makonde beschäftigt, so daß ich bis gestern hoffte, von ihm und seinem regsameren Amtsbruder für meine Studien viel zu profitieren. Aber ich habe eine Enttäuschung erlebt; sooft ich bei dem solennen und durchaus nicht dürftigen Frühstück, das die beiden Geistlichen uns zwei Weltkindern, Herrn Ewerbeck und mir, darboten, auf die Völkerverhältnisse der Umgebung zu sprechen kam, erfuhr das Gespräch unweigerlich eine Ablenkung in dem Sinne, daß man wieder zur „Family“ des deutschen Kaisers zurückkehrte, und vor allen Dingen natürlich zum Emperor selbst. Er muß doch auch den anderen Nationen mächtig imponieren!

Aber Sie, Herr Geheimrat, wollen erklärlicherweise mehr von Afrika und seinen schwarzen Leuten hören als von den weißen Eindringlingen, und seien sie selbst in der friedlichen Gestalt des Missionars gekommen.

Mit meiner Landung in Lindi am 22. Juni war mein Reiseplan im Grunde genommen von selbst gegeben. Wenn man einen Blick auf die Karte Ostafrikas wirft, findet man, daß die äußerste Südostecke bevölkerungsstatistisch sich wie eine Insel aus der völkerleeren Umrandung heraushebt. Wirklich ist auch, wie das der leider zu früh verstorbene Geologe Lieder so treffend geschildert hat, das Gebiet nördlich vom mittleren und zum Teil auch des oberen Rovuma, bis weit über den Umbekuru und bis hoch in das Hinterland von Kilwa hinauf, auf Hunderte von Kilometern hin schweigendes Pori, menschenleere Wildnis, in der heute kein Negerdorf mehr von der friedlichen, dichten Bevölkerung zeugt, die noch Roscher, Livingstone und von der Decken vor nahezu einem halben Jahrhundert in diesen Gebieten vorgefunden haben. Nur ein schmales, der Küste in einiger Entfernung entlang laufendes Band verknüpft diese Völkerinsel mit dem Norden; ein anderes, ungleich schwächeres verbindet es den Rovuma hinauf mit dem Nyassagebiet.

Mueramann und Yao.

In dieser räumlichen Umgrenztheit ist der Südosten, d. h. das Makondeplateau, das nördlich davorliegende Lukuledital und die weite Ebene im Westen jenes Hochlandes, das idealste Arbeitsfeld für einen Mann, der wie ich nur verhältnismäßig wenig Zeit zur Verfügung hat, in dieser beschränkten Zeit aber doch etwas Abgerundetes liefern möchte. Die Wamuera, die eigentlich als erstes Ziel gedacht waren, habe ich zu meinem Kummer einstweilen zurückstellen müssen. Mit dem kaiserlichen Bezirksamtmann Herrn Ewerbeck bin ich am 11. Juli von Lindi abmarschiert. Ngurumahamba, der erste bemerkenswerte Ort an der Lukuledistraße, hat noch ganz Küstencharakter; selbst ein Steinhaus befindet sich dort unter den Suahelihütten. Aber schon am zweiten Marschtage kommt man bei Mtua zu dem Völkerstamm der Yao. Sie stellen den ersten ethnischen Gruß aus dem fernen Innern dar, denn sie sind der äußerste Vorposten auf der großen Wanderung, die dieser tatkräftige Völkerstamm seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus seinen Ursitzen im südöstlichen Nyassagebiet in der Richtung nach der Küste des Indischen Ozeans ausgeführt hat und noch weiter ausführt. In bezug auf die Technik der Völkerwanderungen klammern wir uns immer an das in dieser Allgemeinheit sicherlich nicht richtige Bild, das uns von den frühesten Schuljahren an über die Völkerwanderung par excellence, die große Westbewegung unserer Altvorderen vor anderthalb Jahrtausenden, entworfen wird. Wir denken an Mann und Roß und Wagen, an eine geschlossene dichte Völkerwelle, die sich schwerfällig, aber unwiderstehlich über die Länder dahinwälzt. Hier nichts von alledem. Zwar sind diese Yao von Mtua wanderungstechnisch nicht typisch für ihre Stammesgenossen, denn sie sind vor etwa einem Jahrzehnt durch Hauptmann Engelhardt den Wangoni oben am Ostufer des Nyassa abgejagt und hierher verpflanzt worden; aber sonst vollzieht sich das Eindringen landfremder schwarzer Elemente hier im Süden ganz lautlos, fast unmerklich: ein Trupp, eine Horde, eine Gruppe von Familien, im besten Fall unter der Führung eines Häuptlings, ist eines schönen Tages da, macht sich im Pori an geeignet erscheinender Stelle ein Fleckchen urbar, baut ein paar lustige Hütten, und die Einwanderung ist vollzogen. Mehr oder minder blutige Kämpfe zwischen Autochthonen und Eindringlingen mögen in früherer Zeit wohl vorgekommen oder gar die Regel gewesen sein, heute hört man nichts davon. Ob der Neger toleranter geworden ist, oder ob die feste deutsche Hand, der natürlich jeder Bevölkerungszuwachs nur lieb sein kann, eine Sinnesänderung bewirkt hat, muß ich dahingestellt sein lassen.

In ihrem Äußern unterscheiden sich diese Yao kaum merklich von den Suaheli der Küste; sie sind in genau dasselbe Kanga, den bekannten, in Holland gefertigten Baumwollstoff mit den lebhaften Mustern gekleidet wie die Küstenfrauen, wenn auch nicht so kokett, sauber und modern wie die Mädchen der Modestadt Daressalam, allwo die Modemuster einander rascher jagen denn selbst in Paris; und sie tragen auch alle denselben koketten, kleinen Pflock im linken Nasenflügel wie die Damen der Küste. Ursprünglich indisch, hat dieses „Kipini“, im Kiyao, dem Idiom der Wayao, Chipīni genannt, seinen Siegeszug über die ganze Ostküste Afrikas gehalten, und jetzt ist es im besten Begriff, als Sinnbild höherer Bildung und feinerer Zivilisation auch die fortschrittlichen Stämme des Innern zu erobern. In einfachster Form ein bloßer Zylinder aus Pflanzenmark, wird es je nach dem Reichtum der Trägerin in den besseren Exemplaren aus Ebenholz gefertigt oder gar aus Zinn oder Silber hergestellt. Die Ebenholzpflöckchen sind fast immer in sehr zierlicher, geschmackvoller Weise mit Zinnstiftchen ausgelegt. Nach unseren Begriffen stellt das Chipini zunächst keine Verschönerung des menschlichen Antlitzes dar; hat man sich aber erst einmal an den Anblick gewöhnt, so findet man es doch ganz nett und ansprechend, denn es verleiht dem braunen Gesicht der Trägerin unstreitig etwas Kokettes.

Recht schlimm sieht es im Gegensatz zu der gutbebauten küstennahen Zone im weiteren Hinterlande bei den Wamuera aus. Symptomatisch für das ganze Unheil, welches der von den Negern so kurzsichtig heraufbeschworene Aufstand über diesen Teil Afrikas gebracht hat, ist schon der Zustand von Nyangao. Es ist die Missionsstation der Benediktiner. Patres und Schwestern wirkten hier bis zum Hochsommer 1905 einmütig an der Bekehrung und Unterweisung der Schwarzen. Dann drang das Majimaji-Gift, die Zauberwasser-Idee, auch aufs Rondoplateau und ins mittlere Lukuledital, und ehe die arglosen Glaubensboten sich des nahenden Unheils versahen, war es schon da. Das Missionspersonal ist damals nach hartnäckigem Kampf und unter Verlust einer der Schwestern vertrieben worden, der umfangreiche Gebäudekomplex aber fiel der Zerstörung durch die Aufständischen anheim. Wie Nyangao augenblicklich aussieht, zeigt Ihnen die umstehende Photographie. Jetzt sitzen die drei Väter, die es gewagt haben, auf den alten Arbeitsplatz zurückzukehren — sie sind mir übrigens vom „Prinzregent“ her liebe Bekannte — mitten auf dem Trümmerhaufen einsam in dem ehemaligen Schwesternhause; unverdrossen aber und ungebrochen haben sie ihr so jäh gestörtes Bekehrungswerk von neuem aufgenommen.

Der Majimaji-Aufstand bildet am Lagerfeuer und in den Gesprächen der Neger noch immer den Hauptgegenstand der Unterhaltung, trotzdem der Lindibezirk längst wieder beruhigt ist. Seiner Entstehung nach gehört er zu den interessanteren Erscheinungen der menschlichen Kriegsgeschichte, lehrt doch auch er, wie allgemein und wie rasend schnell selbst große Bruchteile einer ganzen Rasse von einer einmal aufgekommenen abergläubischen Idee ergriffen und zu einer von hoher Begeisterung getragenen Einheit werden können. Soweit man heute bereits ersieht, ist die dem Aufstande zugrunde liegende Idee die Abschüttelung des Jochs der Weißen, das Mittel dazu die Aufrüttelung der gesamten einheimischen Bevölkerung. Ohne „Daua“, ohne ein Zaubermittel, ist diese Aufrüttelung beim Neger nur schwer oder gar nicht zu erzielen. Daher kam auch ganz ohne Frage das Zurückgreifen der Anstifter dieses verhängnisvollen Krieges auf die Zauberwasser-Daua. Über diese sind verschiedene Versionen in Umlauf. Nach der einen wohnte der eigentliche Anstifter an den Panganischnellen des Rufidyiflusses. Er lehrte, er sei ein Abgesandter Gottes, mit dem er durch die Vermittlung einer in den Schnellen wohnenden Schlange verkehre. Diese habe ihm geheißen, allen Männern das heiße Wasser der Quellen bei Kimambarre zu reichen; dann würden sie Kraft und Mut bekommen, die Deutschen in den Ozean zu werfen. Das Wasser aber mache zugleich alle Kämpfer gegen die Kugeln der Europäer unverwundbar.