Erfreulicherweise nähert sich mein unfreiwilliger Küstenaufenthalt jetzt seinem Ende. Vor wenigen Tagen ist Herr Bezirksamtmann Ewerbeck aus dem Innern zurückgekehrt; er ist liebenswürdigerweise bereit, mit mir schon übermorgen wieder aufzubrechen, um mich mit einem Teil der Polizeikompagnie durch das Aufstandsgebiet der Wamuera bis Massassi zu geleiten. Im mittlern Lukuledital gibt es für ihn noch mancherlei zu tun; die meisten Rädelsführer aus dem Aufstande sind zwar bereits längst gefangen und zieren als „Kette“ die Straßen von Lindi; nach anderen wieder wird noch immer gefahndet. Das wird noch manches Schauri kosten. Von Massassi muß Herr Ewerbeck sofort wieder nach Lindi zurück, um hier die Reichtagsabgeordneten feierlich zu empfangen, die im August auf ihrer vielbesprochenen Studienreise nach Ostafrika auch den Süden der Kolonie auf kurze Zeit besuchen wollen. Möge die koloniale Idee im deutschen Volk durch diesen Besuch der acht Männer immer festeren Fuß fassen, dann soll es an einer Zukunft dieses Landes nicht fehlen!
Mein erster Blick in das Innere war übrigens keineswegs freundlich. Im Laufe des Reitkursus, den Herr Hauptmann Seyfried mir seit einiger Zeit erteilt, sind wir eines Abends auch auf den Kitulo geritten. Es ist ein langgestreckter, ziemlich steiler Höhenzug von 175 Meter Seehöhe, der sich unmittelbar hinter Lindi erhebt und die schmale Sandebene, auf der die Stadt liegt, vom Innern des Landes trennt. Als Wahrzeichen unserer Kultur trägt dieser Kitulo bereits seit Jahren einen Aussichtsturm. Als ich diesen auf einer allerdings etwas gebrechlichen Leiter erstieg, war die Sonne bereits untergegangen, und der ganze Westen, also gerade der Teil des dunklen Kontinents, in den ich in den nächsten Tagen eindringen will, breitete sich als eine dunkle, drohende Masse vor mir aus. Einen Augenblick nur wollte es unheilverkündend in mir aufsteigen, doch rasch besann ich mich auf mein altes Glück, das mich noch niemals verlassen hat. „Ach was, ich zwinge dich doch“, sagte ich halblaut, steckte mir mit philosophischer Ruhe eine neue Zigarre an und erkletterte zum Heimritt den Rücken des mir von der Schutztruppe in liberalster Weise auch für die Expedition zur Verfügung gestellten Maultiers.
Die Ngoma Liquata, wie sie von mir kinematographiert wird. Zeichner der Trägerführer Pesa mbili, ein Mnyamwesi (s. [S. 451]).
Fünftes Kapitel.
Einmarsch ins Innere. Die ersten Eindrücke.
Massassi, 20. Juli 1906.
Herrn Geheimrat Kirchhoff, Mockau bei Leipzig.
Ihnen, Herr Geheimrat, traue ich zu, zu wissen, wo mein gegenwärtiger Aufenthaltsort auf der Karte zu finden ist, vielen andern im Lande der Dichter und Denker allerdings nicht, denn mit den topographischen Kenntnissen ist es bei uns, das wissen Sie als alter Hochschullehrer noch viel besser denn ich als junger, selbst bei der akademischen Jugend gar schlimm bestellt. Und doch könnte mancher Kolonialinteressent sehr wohl selbst über die Lage eines Ortes wie Massassi unterrichtet sein, denn in seiner Art ist es ein kleines Kulturzentrum. Seit fast einem Dritteljahrhundert wirkt hier die englische Mission, und seit der Niederschlagung des Aufstandes behauptet auch ein schwarzer Gefreiter mit einem Dutzend schwarzer deutscher Soldaten in einer eigens dazu angelegten Boma tapfer das Feld gegen etwaige neue Kriegsgelüste unserer schwarzen Brüder.
Makua-Frauen aus dem Lukuledi-Tal.