Unter Palmen.
Mein Kraftmesser, der schon auf dem Dampfer im Roten Meer so gute Dienste zur Herstellung freundschaftlicher internationaler Beziehungen getan hat, bewährt auch hier wieder seine Zauberkraft. Weiß ich mit meinen Leuten und ihren Freunden, die sie sich inzwischen in Lindi erworben haben, gar nichts mehr anzufangen, so drücke ich dem wackern Pesa mbili, der natürlich in allem den Vorrang haben muß, das Stahloval in die Hand. Dann drückt er, und mit ihm schaut die ganze dichtgedrängte Schar der schwarzen Kameraden gespannt aufs Zifferblatt nach der Kraftleistung, gleich als verständen sie die geheimnisvollen Zeichen zu deuten, die dort auf dem Messingbogen eingraviert sind. Verkündige ich dann nach einem Blick meinerseits auf die Skala das Ergebnis, selbstverständlich mit der bloßen Zahl und unter Weglassung der Kilogramme, bei denen sich die Naturkinder doch nichts denken könnten, so wird dieses erste Ergebnis mit einem gewissen, aber wohl erklärlichen Gefühl der Unsicherheit entgegengenommen. Man weiß ja noch gar nicht: ist das viel, oder ist das wenig, da noch der Maßstab des Vergleichs fehlt. Erst beim Zweiten werden subjektive Empfindungen ausgelöst; hat er statt der 35 Kilogramm seines Vorgängers deren nur 30 gedrückt, so ergießt sich über ihn schon ein Gelächter milden Spottes; übertrifft er aber den Rivalen, so ist er ein Mwenyi mguvu, ein Starker, dem man Bewunderung zollt, die er mit lächelnder Würde entgegennimmt.
So geht das Spiel reihum; man kann es stundenlang mit den Leuten betreiben, ohne daß sie müde würden. Nur eins fehlt den Intelligenteren unter ihnen; zwar interessiert es sie zu wissen, wer unter ihnen selbst der Stärkste oder Schwächste ist, aber um eine höhere und die eigentliche Vergleichsmöglichkeit mit sich selbst zu gewinnen, möchten sie doch gar zu gerne erfahren, was ihr Herr und Gebieter zu leisten vermag. Selbstverständlich tue ich ihnen zum Schluß den Gefallen und drücke rechts und drücke links. Wenn dann von meinen Lippen das Ergebnis ertönt, an dem ich zu meiner Genugtuung nicht einmal etwas zu mogeln brauche, so erschallt einhellig aus aller Munde ein lautes, bewunderndes „Aah — Bwana kubwa!“, wörtlich: „Aah — du großer Herr“, dem Sinne nach etwa: „Was bist du für ein großer Riese!“
Tatsächlich nehmen wir Europäer, was die Fähigkeit spontaner Kraftentfaltung anlangt, neben dem Neger den Rang von Riesen ein. Ich habe mir die Einzelzahlen der Leute ziemlich genau gemerkt, auch für ihre wiederholten Druckübungen, so daß das Moment der Ungewohntheit und der Ungeübtheit auch bei ihnen ausscheidet; aber wie fallen sie gegen uns ab! Über 35 Kilo rechts und 26 Kilo links ist mit Ausnahme eines einzigen, der 40 und mehr Kilo drückte, niemand hinausgekommen, während ich auch hier in der feuchtwarmen Küstentemperatur nach wie vor 60 und mehr Kilo rechts und 50 und mehr Kilo links erziele. Und dabei sind meine Leute fast alle stramme Berufsträger mit mächtigem Thorax, breiten Schultern und prächtiger Oberarmmuskulatur. Ihnen fehlt eben, worauf ja schon sooft hingewiesen ist, die Fähigkeit, ihre Körperkraft zeitlich zu konzentrieren, während gerade die Wanyamwesi durch ihre fabelhafte Ausdauer förmlich berühmt geworden sind.
Somit bieten die Schwarzen unstreitig ein Gesamtbild dar, dem man gewisse psychologische Reize nicht absprechen kann; aber fast noch interessanter als sie sind mir während meines nunmehr bald anderthalbmonatigen Aufenthalts an der Küste die Weißen erschienen. Daressalam ist groß genug und beherbergt so viele Angehörige unserer Rasse, daß sich dort die Rassengegensätze zwischen Schwarz und Weiß der Beobachtung durch den Neuling leicht entziehen; die Gegensätze aber unter der weißen Bevölkerung selbst gleichen sich auf dem weitgedehnten Raum der großen Siedelung wenigstens bis zu einem bestimmten Grade aus. Das ungleich kleinere Lindi bietet zu keiner der beiden Möglichkeiten den Raum; in der Enge seines Milieus und der Einförmigkeit seines Lebens prallen hier die persönlichen Gegensätze unvermindert und unabgeschwächt aufeinander, und in erschreckender Klarheit kann man gerade in einem solchen Nest die ungeheuer rasche und starke Einwirkung des Tropenaufenthaltes auf das seelische Gleichgewichtsvermögen einer landfremden Rasse studieren. Es ist nicht meines Amtes, auf die zum mindesten kuriosen Auswüchse unseres deutschen Klassen- und Kastengeistes hinzuweisen; wie er selbst hier unter dem halben oder ganzen Dutzend Europäern seine wenig genießbaren Früchte zeitigt; wie das durch die soeben erfolgte Einführung der Zivilverwaltung „entthronte“ Militär über diese Zivilverwaltung lächelt; und wie durch Hinüberspielen des Sachlichen auf das Persönliche schließlich jedes Zusammenleben und, was schlimmer ist, auch jedes Zusammenarbeiten unterbunden werden kann. Dem Neuankömmling, der seine Verwunderung über solche Verhältnisse äußert, sagt man mit einer Gelassenheit, die mit der sonstigen dauernden Gereiztheit merkwürdig kontrastiert: „Ach, was wollen Sie denn; das ist doch nicht bloß hier so; das finden Sie überall.“ So scheint es in der Tat zu sein, nach allem zu urteilen, was ich in diesen lehrreichen Wochen vernommen habe. Ich hoffe indes, daß auch diese unliebsame Erscheinung nur eine von den vielen Kinderkrankheiten ist, die schließlich jedes Kolonialvolk einmal durchzumachen hat.
Völlig verständnislos aber stehe ich dem furchtbaren Jähzorn gegenüber, mit dem jeder auf einen längern Aufenthalt im Lande zurückblickende Weiße behaftet erscheint. Ich versuche einstweilen, ohne Schimpfwörter und ohne Ohrfeigen meinen Weg zu gehen, aber man sagt mir einhellig, ich würde im Laufe der nächsten Monate schon eines Besseren belehrt werden. Jetzt kann ich in der Tat noch nicht beurteilen, ob es wirklich nicht ohne Prügel geht: aber ich hoffe es doch.
Bewunderungswürdig ist bei den tiefen Schatten, die das Bild des Europäerlebens hierzulande verdunkeln, die Virtuosität, mit der sich die Herren wirtschaftlich zu behelfen wissen. Schon in dem Kulturzentrum Daressalam denke ich mir das Ehrenamt eines Messevorstandes nicht ganz leicht, trotzdem es dort Bäcker, Schlächter und Läden aller Art in Hülle und Fülle gibt; aber wie muß in dem entlegenen Küstennest der unglückliche Junggeselle sein Hirn zermartern, um den hungrigen Magen seiner Tischgenossen nicht nur stets etwas Neues, sondern überhaupt etwas bieten zu können! Der deutschen Hausfrau, die bloß über die Straße zu schicken oder gar nur ans Telephon zu treten braucht, mag es, wenn das Schicksal sie an der Seite des Gatten in einen solchen Winkel Afrikas verschlagen hat, zunächst seltsam vorkommen, wenn sie auf sichere Lieferung von Fleisch und Gemüse, von Kartoffeln und Brot überhaupt nicht rechnen kann, sondern sehr bald merkt, wie weitschauend für alle die tausend Kleinigkeiten, die von unserm Wirtschaftsbetrieb unzertrennlich sind, vorgesorgt werden muß. Konserven allein tun es nicht, das verbietet schon der Preis; da heißt es denn auf Tage, ja unter Umständen auf Wochen und Monate im voraus disponieren, und außerdem noch aus den wilden Kräutern, die der schwarze Koch und sein Küchenboy ins Haus schleppen, genießbare Gerichte herstellen. An der Küste sichert der Reichtum der Gewässer an eßbaren Fischen noch immer einige Abwechselung; im Innern fällt auch das weg. Und wenn es dann vorkommt, wie gerade jetzt, daß selbst der Standard- und Charaktervogel Afrikas, das Huhn, und sein Produkt, das Ei, versagen, dann steht es schlimm, und die Fürsorge für eine größere Menschenzahl wird zu einem Problem.
Doch es ist merkwürdig, selbst die hartgesottensten Junggesellen unter den deutschen Herren wissen dieses Problem zu lösen, nicht immer elegant und sicherlich auch nicht immer zur vollkommenen Zufriedenheit kritisch veranlagter Vorgänger im Amte, aber doch so, daß zum mindesten der Neuling des Staunens und der Bewunderung voll ist. Eine Berühmtheit in der ganzen Kolonie ist auf kulinarischem Gebiet seit langem Dr. Franz Stuhlmann, der Begleiter Emin Paschas auf dessen letzter, verhängnisvoller Reise, ein tüchtiger Ethnograph und seit langem der Hüter und Pfleger der afrikanischen Pflanzenwelt, soweit sie in den Dienst des Menschen gestellt werden kann. Stuhlmann steht im Ruf, aus jedem Unkraut am Negerpfad ein wohlschmeckendes Gericht herstellen zu können; er gilt als lebendiges Kochlexikon für die Tropen. Andere haben es noch nicht soweit gebracht, doch erscheint mir noch immer erstaunlich, was z. B. der Hauptmann Seyfried aus den elementarsten Ingredienzien zu schaffen vermag, wie er salzt und pökelt, wie er selbst bei der jetzigen Wärme vollwertige Gelees herzurichten weiß, und wie vielgestaltig stets seine Tafel gedeckt ist.
Mit einem Irrtum der Heimat möchte ich gleich hier endgültig aufräumen. „Herrgott, bei der Hitze kann man doch sicherlich nichts essen“, das ist ein Ausspruch, der uns in Deutschland in Gesprächen über die Tropen auf Schritt und Tritt an die Ohren schlägt. Und doch, wie ganz anders liegen die Verhältnisse in Wirklichkeit! Zunächst einmal ist die Hitze durchaus nicht so unmenschlich groß, wie man das bei uns so annimmt, wenigstens nicht während der Trockenzeit, wo an der Küste bei Tage stets eine frische Seebrise weht; sodann aber ist der Stoffwechsel in den Tropen ungleich reger als bei uns. So wundert es nicht einmal den Neuling, wenn er sieht, daß die alten „Afrikaner“ schon in aller Frühe ein sehr umfangreiches erstes Frühstück zu sich nehmen, bei dem Fleisch verschiedener Zubereitung, aber auch Früchte keine geringe Rolle spielen. Mittags tut es auch der kleine Beamte dort nicht unter zwei Gängen und Nachtisch, und abends nach dem Dienst folgt dann bei allen Ständen und Berufen eine Mahlzeit, die wir bei uns zulande hier dreist als Festdiner bezeichnen würden. Diese ganze, anscheinend so üppige Lebensweise verdient aber alles andere als Tadel und Mißbilligung; sie ist im Gegenteil physiologisch durchaus berechtigt und notwendig, soll der Körper den nachteiligen Einwirkungen des Klimas auf die Dauer widerstehen. Den Neuankömmling wundert dieser Appetit deswegen nicht, weil er ihn unbewußt teilt. Ich schlage in dieser Beziehung schon in Europa eine ganz gute Klinge, aber was ich hier leiste, würde mich sicherlich zum Schrecken mancher deutschen Hausfrau stempeln.
Nur mit dem Alkohol will es nicht recht. So gern und mit soviel Verständnis ich daheim mein Glas Bier oder mein Glas Wein zu würdigen weiß, und so eifrig wir Reisenden auch noch an Bord den Vorräten des „Prinzregent“ an Münchener und Pilsener zugesetzt haben, seitdem ich an Land bin, habe ich Bier überhaupt nicht mehr, Wein aber nur in ganz geringen Quantitäten getrunken; an das Nationalgetränk der weißen Deutsch-Ostafrikaner aber, Whisky und Soda, habe ich mich noch nicht gewöhnen können. Für Lindi ist diese Enthaltsamkeit verständlich, denn hier gibt’s kein Eis; doch auch in Daressalam, wo die Bierbrauerei von Schultz die ganze Stadt täglich mit Eis versorgt, habe ich den alkoholischen Getränken keinen Geschmack abgewinnen können. Für meine Reise ins Innere gereicht mir dies sehr zum Vorteil, denn ich bin unter diesen Umständen der Mitnahme irgendwelcher Flaschenbatterien überhoben.