Eins hätte ich beinahe vergessen, Ihnen zu berichten. Was sind die berühmten Botokuden mit ihren Lippenscheiben gegen die Völker des Südens von Deutsch-Ostafrika! Schon in Lindi hatten die Herren mir den Mund wässerig gemacht mit Erzählungen von dem abenteuerlichen Äußern der Wamuerafrauen. Aber wie weit sind jene Schilderungen hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben! Bilder sagen hier mehr als lange Worte, sie sprechen klarer und verständlicher; schauen Sie, Herr Geheimrat, sich demnach lieber die Typen an, die ich Ihnen gleichzeitig mitsende. Daß das Makondeplateau und seine Umgebung mit zu dem großen Bezirk des Pelēle, der Lippenscheibe, gehört, habe ich bereits seit langer Zeit gewußt, aber eine brauchbare Abbildung hatte ich in der Literatur bis zu meinen eigenen Aufnahmen noch nirgends entdecken können. Es scheint in der Tat so, als wenn meine Vorgänger hier im Lande entweder nicht haben photographieren können, oder aber, als wenn ihre Apparate bereits vor der Erreichung des Pelelegebietes dem Klima zum Opfer gefallen seien!
Muerafrau.
Das Pelele oder, wie es im Kimuera heißt, Itona, ist auf das weibliche Geschlecht beschränkt, bei ihm aber ist es allgemein. Es ist ein Pflock, bei älteren Individuen auch eine wirkliche Scheibe aus schwarzem Ebenholz oder einem hellen, mittels geschlämmter Tonerde schneeweiß gefärbten anderen Holz, die sich in die durchlochte und ausgeweitete Oberlippe zwängt. Selbstverständlich läßt sich nicht sogleich eine talergroße Itona in diesen Körperteil einfügen, sondern man fängt mit einem winzig kleinen Fremdkörper an, um im Laufe langer Jahre das Maximum des Pelele und damit auch den höchsten Grad landesüblicher Schönheit zu erreichen. Die erste Durchlochung der Oberlippe erfolgt schon im frühen Mädchenalter, zwischen dem 7. und 9. Jahre; sie geschieht mit dem ahlenförmig zugespitzten Ende des Rasiermessers. Man versteht die Wunde am Zuheilen zu verhindern, indem man dünne Fremdkörper, einen Strohhalm oder dergleichen, einfügt. Systematisch vergrößert man die Zahl dieser Halme und damit die ursprünglich so enge Öffnung. Später fügt man in sie den spiralförmig zusammengerollten Blattstreifen eines Palmfieders hinein. Der ist elastisch und treibt die Öffnung von selbst auseinander. Schließlich erfolgt die Einfügung des ersten massiven Pflockes. Bei den Wamuera schwankt dessen Durchmesser zwischen der Stärke eines Fingers und dem eines Zweimarkstückes; bei den Makonde hingegen sollen diese Oberlippenscheiben bei älteren Frauen bis zu doppeltem Durchmesser vorkommen. Sie können sich denken, wie gespannt ich auf dieses Volk bin. Überhaupt freue ich mich unbändig auf das Makondeplateau; für unsere Wissenschaft ist es tatsächlich noch eine völlige terra incognita. Was wird dort alles zu finden sein!
Muerajüngling.
Mit der Itona haben die Frauen indessen in der Ausschmückung ihres eigenen Ich noch nicht genug getan; sie ist gleichsam nur die Krönung des ganzen, großen Gebäudes menschlicher Eitelkeit, das zu allen Zeiten und von allen Gliedern der Spezies Homo sapiens aufgerichtet worden ist und immer noch weiter ausgebaut wird, um die eigene Individualität unter allen Umständen aus der Schar der übrigen Stammesgenossen herauszuheben; zum stillen oder ausgesprochenen Neid der eigenen Geschlechtsgenossen, zur Bewunderung für das andere Geschlecht. Zur Itona tritt bei alten Frauen hier und da zunächst ein Unterlippenpflock, Nigulila genannt. Lang und schlank, in ein rundes Knöpfchen auslaufend, ragt er aus der welken Haut hervor; er soll die Aufmerksamkeit von dieser ablenken und den Beschauer vergessen machen, daß für die Trägerin dieses Schmuckes die Tage der Schönheit und der Liebe längst vergangen sind. Ganz allgemein sind dann große Scheiben oder Pflöcke in den aufgeweiteten Ohrläppchen. Weiterhin aber sieht der verwunderte weiße Beschauer das Antlitz dieser Schönen mit auffallenden Gebilden bedeckt. Von ferne gesehen, haben mir diese Frauen den Aufenthalt in einer deutschen Universitätsstadt vorgetäuscht, wie sie sich in einer hoffentlich nie erscheinenden Zukunft darbieten könnte. Als flotter Bursch von Göttingen und Leipzig habe ich zu meiner Zeit auch ausgesehen wie ein wandelndes Beefsteak, wie man bei uns zu sagen pflegt, aber gegen diese prachtvollen, schön breit aufgelaufenen Schmisse der weiblichen Wamueraburschen hätte ich nicht anzukämpfen vermocht; im Zeitalter der Asepsis findet man dergleichen bei uns überhaupt nicht mehr. Kommt man dann dem Trupp der Frauen näher, so lösen sich die Terzen und Quarten zu tausend Einzelheiten auf; lang ziehen sich die Reihen der Narbenkeloide über Stirn und Wange dahin, verlaufen wagrecht oder senkrecht, oder bilden die verschiedensten Figuren. Im einzelnen besteht jedes dieser Muster aus vielen, vielen Hautschnitten, die, einander parallel, meist senkrecht verlaufen. Man hat sie seinerzeit am Verheilen verhindert, indem man sie während der Schorfbildung immer wieder von neuem aufgeschnitten hat. So sind sie im Laufe von Wochen und Monaten zu merkbaren Wulsten geworden, die in ihrer Gesamtheit die ganze Physiognomie in entscheidender Weise beeinflussen.
Muerafrau mit Unterlippenpflock (s. [S. 77]).
Und selbst hiermit ist dem Schönheitsbestreben der Wamuerafrauen noch nicht genug getan. Wenn das Brust und Rücken umhüllende Tuch einmal zur Seite gleitet, sei es durch eine unbeabsichtigte Bewegung der Frau selbst oder durch das Vorrücken des von ihr unzertrennlichen Babys von dem gewöhnlichen Ruhesitz auf dem Rücken der Mutter nach der Hüfte oder gar nach der Vorderseite, so sieht das erstaunte Auge auch diese Körperflächen mit denselben oder ähnlichen Mustern übersät wie das Gesicht. Selbst Gesäß und Oberschenkel sollen von solchen Ziernarben nicht frei sein. O menschliche Eitelkeit, was treibst du doch für Blüten! ruft da der Ethnograph. Wollte er aber hinzufügen: Da sind wir Wasungu doch bessere Menschen, so möchte er sich wohl am besten unterbrechen. Denn zunächst tragen auch unsere Töchter, Frauen und Schwestern noch immer recht hübsche Überlebsel genau der gleichen Sitte in Gestalt ihrer Ohrringe; sodann aber dürfte unser Korsett, soweit es von seiner Trägerin zu dem Zweck angelegt wird, die Vorzüge der Figur zu heben, ebensosehr der Diskussion unterliegen wie die geschilderten Schönheitsmittel der Afrikanerinnen. Ich hebe das Korsett ausdrücklich als problematischen Schmuck hervor, und auch nur so weit, als es unsere Mädchen und Frauen verleitet, durch unvernünftiges Schnüren die inneren Organe zu schädigen und dadurch vielleicht verhängnisvoll auf die Nachkommenschaft einzuwirken. Als Bestandteil unserer europäischen Kleidung halte ich es dagegen nicht nur für berechtigt, sondern sogar für nötig, denn es scheint mir den Zug der mannigfaltigen Gewänder immer noch besser zu verteilen als ein Paar den Hosenträgern der Männer entsprechende Schulterbänder. Ein ganz klein wenig muß ich schließlich sogar meinem Kollegen Max Buchner in München zustimmen, der auch aus ästhetischen Gründen das Korsett verteidigt. Buchner hat seine berühmte Reise zum Muata Jamvo tief unten im Kongobecken gemacht; er hat auch andere Teile Afrikas studiert, die Südsee in den verschiedensten Richtungen durchkreuzt, kurz, einen großen Teil von der Welt unserer heutigen Naturvölker mit eigenen Augen gesehen; ihm steht also wohl ein maßgebendes Urteil zu. Der Münchner Ethnograph meint nun, daß es auch den Negerinnen und den übrigen mehr oder minder unbekleideten Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts auf der Erde ganz dienlich sein würde, ihrerseits zu einem unserem Korsett entsprechenden Gerät überzugehen. Er wünscht es für diese Frauen nicht als Kleidungs- und nicht als Schmuckstück, sondern lediglich als Büstenhalter. Und da hat er ganz recht; so anmutig, vielleicht gar schön der schlanke Körper der jugendlichen Negerin mit seinen zarten Formen uns berührt, so widerwärtig wirkt bei den späteren Jahrgängen die durch mehrfache Geburten und das überlang ausgedehnte Stillen der Kinder bewirkte Mißbildung der Brüste. Sie sind wahrlich ein nichts weniger als schöner Anblick, und wenn auch Buchner selbst nicht im mindesten daran denkt, allen Negerinnen, Indianerinnen und Ozeanerinnen als höchstes und mit allen Kräften anzustrebendes Ziel unseren europäischen Frauenpanzer zu wünschen, so ist allen Verfechterinnen unseres viel angefeindeten Korsetts in dem Münchner Gelehrten doch unstreitig ein ausgezeichneter Sekundant erstanden.