In das Leben der Binnenlandstämme habe ich in der kurzen Zeit noch nicht viele, aber doch recht interessante Einblicke zu tun vermocht. Völkerpsychologisch bemerkenswert war mir während des Marsches nach Massassi die Beobachtung, daß überall da, wo die Eingeborenen sich aktiv am Aufstand beteiligt hatten, die Wege in tadelloser Ordnung waren, während im Gebiet unserer Bundesgenossen hohes Gras, ja selbst ganze Büsche die Barrabarra nur schwer passierbar machten. Die Braven und Artigen pochen nun auf ihre Verdienste und sagen sich: „Wir können es uns jetzt einmal eine Zeitlang leisten; uns wird der Mdachi, der Deutsche, so leicht nichts tun, nachdem wir so wacker zu ihm gestanden haben.“ Herr Ewerbeck hat aber trotz alledem den Akiden und den Jumben, den Bezirkschefs und Ortsvorstehern, recht energisch den Standpunkt klargemacht. Diese Organe sind nämlich für die Ordnung innerhalb ihres Bezirks verantwortlich.

Lichte Baumgrassteppe mit Barrabarra in der Gegend von Chingulungulu.


GRÖSSERES BILD

Einen großartigen Anblick gewährt Afrika bei Nacht. Saß man während des Hermarsches im Lager vor seinem Zelt, oder trete ich jetzt abends vor die Tür der Barasa, des Rasthauses, in dem ich meinen Wohnsitz aufgeschlagen habe: wohin auch das Auge schaut, ringsum am Horizont wälzen sich rote Gluten durch die weite Ebene. Das ist das afrikanische Brennen, ein Verfahren, das die Neger schon seit Jahrtausenden geübt haben und welches Ihnen, Herr Geheimrat, als dem ausgezeichneten Kenner der Geographie der Alten, schon seit Ihrer Jugendzeit, wenn auch vielleicht unbewußt, geläufig ist. Sie wissen ja, als der alte Karthager Hanno an der Westküste Afrikas gen Süden fuhr, erschreckte ihn und seine Mannschaften nichts so sehr und nachhaltig als glühende Feuerströme, die nachts von den Küstenbergen zur Ebene niederflossen. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung haben diese Feuerströme absolut nichts mit dem Vulkanismus gemein, wie man sooft behauptet hat, sondern es sind dieselben Brennprozesse gewesen, die von den Bewohnern des schwarzen Erdteils zur Trockenzeit noch jetzt allnächtlich veranstaltet werden.

Über den Nutzen oder Schaden dieses Brennens ist in unserer Kolonialliteratur schon viel geschrieben worden; die einen verurteilen es, weil es den Baumwuchs schädige, die anderen stellen sich auf die Seite der Eingeborenen und sagen: nur dadurch, daß man das dichte, hohe Gras und das Unterholz des afrikanischen Urwaldes in regelmäßigen Zwischenräumen durch Feuer vernichte, könne man des Ungeziefers, das sich sonst zu Myriaden vermehren würde, einigermaßen Herr werden; zudem sei die Asche einstweilen noch das einzige Düngemittel großen Stils. Ich halte mich nicht für berechtigt, den Streit der Meinungen zu entscheiden; mich fesseln viel mehr allabendlich die prachtvollen Leuchteffekte der nahen und fernen Flammenherde, die sich in der dunstigen Atmosphäre in verschiedenster Helle und Farbe widerspiegeln. Für den Reisenden gefährlich ist übrigens keiner dieser Brände; wo die Flamme eine Partie vollkommen trocknen Grases erfaßt, da rauscht sie wohl mit dem Knattern eines lebhaften Kleingewehrfeuers darüber hin; aber sonst und im allgemeinen müssen die Menschen sogar noch durch zielbewußtes Weitertragen des Feuerbrandes nachhelfen. In jedem Fall haben sie Richtung und Ausdehnung des Feuers völlig in der Hand.

Dieses Brennen ist, soweit ich ein Urteil zu fällen berechtigt bin, nur bei der ganz merkwürdigen Vegetationsform möglich, die den größten Teil Afrikas charakterisiert und die auch die große, weite Ebene hier im Westen und Nordwesten des Makondeplateaus in ihrer ganzen Ausdehnung bedeckt. Das ist die „lichte Baumgrassteppe“, wie der Geologe Bornhardt sie treffend genannt hat. In der Tat ist diese Vegetationsform weder ganz Wald, noch ganz Steppe, sie vereinigt vielmehr beides. Denken Sie sich einen besonders stark verwilderten bäuerlichen Obstgarten bei uns daheim im deutschen Vaterlande, wo man leider noch viel zu wenig Gewicht auf diesen Teil des Feldbaues legt, und setzen Sie unter die struppigen, vereinzelt stehenden Apfel-, Birnen- und Zwetschenbäume statt des bescheidenen deutschen Grases dieses zwei, auch drei Meter hohe, fast rohrähnliche afrikanische; untermischen Sie es dann mit einem dornigen, aber ebenfalls nicht sehr dichten Unterholz, und verbinden Sie schließlich die Kronen der nicht übergroßen, d. h. sicherlich nicht über 10 bis 12 Meter hohen Bäume, die trotz aller Varietäten doch ziemlich allgemein den Eindruck unseres Ahorns erwecken, durch ein System luftiger Lianen. Haben Sie das alles getan, so haben Sie, ohne weitere Betätigung Ihrer Phantasie, diese Vegetationsform, die man hier mit dem allgemeinen Namen Pori bezeichnet, während im Norden der Name Myombowald vorwaltet. Während der Regenzeit und unmittelbar nach ihr muß dieses Pori seine unleugbaren Reize haben, ja Ewerbeck und sein Begleiter Knudsen singen für diesen Zeitraum sein Lob in den höchsten Tönen. Jetzt, im Juli hingegen, ist es alles andere als schön; weder imponiert es durch die Zahl und Stattlichkeit seiner Bäume, noch erquickt es durch irgendwelchen Schatten, noch bringt die Eintönigkeit des Geländes Abwechselung in dieses ewige Einerlei, welches den Reisenden gleich hinter Nyangao und nach dem Übergang auf das rechte Lukulediufer begrüßt und welches ihn erst nach mehrwöchigem Marsch hoch oben am oberen Rovuma freigibt. „Das also ist die Üppigkeit der Tropen, und so sieht ein immergrüner Urwald aus“, dachte ich, nachdem ich einen Tag lang diesen Genuß gekostet hatte. Genau wie in bezug auf die angebliche Appetitlosigkeit des Weißen in den Tropen, müssen wir also auch bezüglich der allgemeinen Vorstellungen von der vermeintlichen Üppigkeit Äquatorialafrikas für eine bessere Belehrung unserer Volkskreise sorgen. Sie machen sich sonst von der Zukunft Deutsch-Ostafrikas übertrieben glänzende Vorstellungen.

Geradezu unangenehm wird dieses Pori überall dort, wo die Herren des Landes unmittelbar vorher gebrannt haben. Links und rechts vom Wege nichts als eine dicke, schwarze oder graue Aschenschicht; darüber hingelagert der Leichnam eines vom Sturm gefällten Baumes, der munter weiterglimmt und glüht; über der Erde aber ein nunmehr durch kein Gras mehr behinderter, tiefer Einblick in die vordem so undurchsichtige und undurchdringliche Baumweite. Für den Jäger bedeutet dieser Zustand eine Lust, denn nun kann er das Wild auf weite Entfernungen erspähen; für den Wanderer, zumal den mit einer großen Karawane behafteten, ist er eine Qual. Weniger in der Frühe des Tages; denn dann bindet der starke Taufall die feinen Staubteilchen noch fest zusammen. Steigt die Sonne aber höher, so entwickeln sich starke Luftdifferenzen auf engem Raum; harm- und arglos wandelt man in der glühenden Mittagshitze fürbaß, da wirbelt’s unversehens vor den Füßen auf; eine schwarze Schlange steigt in rasenden Spiralen senkrecht empor, tänzelt in koketten Kurven um den in reinstes Khaki Gekleideten herum und verschwindet dann rasch, mit leisem Kichern, als wollte sie sich über den Fremdling lustig machen, seitwärts hinter den Bäumen. Den schwarzen Begleitern hat die Schlange nichts getan, denn sie sind ja von ihrer Farbe. Doch wie sieht der Expeditionsführer aus! Zwar ist er nicht zum waschechten Neger geworden, doch sieht er einem Mohren immerhin ähnlich; unter diesen Umständen werden die beiden Getreuen, Moritz und Kibwana, im Lager nachher nichts Eiligeres zu tun haben, als dem Herrn das Bad zu bereiten und ihn vom Scheitel bis zur Sohle gründlich abzuseifen. Und „das hat mit ihrem Wehen die Poriwindhose getan!“

Tröstlich ist in diesen kleinen Nöten des Marschlebens der unverwüstliche Frohsinn der Eingeborenen. Im ehemaligen Aufstandsgebiet der Wamuera herrschte wenig Stimmung zu Tanz und Lustbarkeit, dazu erging es den Leuten doch zu schlecht; überall sonst entwickelte sich, sobald unser Lager nur halbwegs eingerichtet war, unter den stets scharenweise herbeigeströmten Landeskindern ein in seinem allgemeinen Verlauf stets gleiches, in seinen Einzelheiten jedoch stets wechselndes Bild. Der Neger muß wohl tanzen. Wie der Deutsche, sobald ihn nur irgend etwas über das Stimmungsniveau des Werkeltags hinaushebt, den unbezwinglichen Drang zum Singen in sich fühlt, so schart sich der Neger bei jeder Gelegenheit zu seiner Ngoma zusammen. Ngoma heißt zunächst nichts anderes als Trommel; in übertragener Bedeutung bezeichnet das Wort jede Festlichkeit, die zum Klang dieser Trommel gefeiert wird. Diese Festlichkeiten haben vor den unseren den unbestreitbaren Vorzug voraus, daß bei ihnen Musik, Tanz und Gesang gleichzeitig ertönen. Die Kapelle trommelt, improvisiert aber auch zuweilen eine Art Schnadahüpfl; der Kreis ringsum bildet den Chor; zum Rhythmus des Gesanges bewegt er sich gleichzeitig um die Kapelle herum. Das ist das gewöhnliche Bild. Es ist bei aller Fremdartigkeit so reizvoll, daß in den Küstenstädten selbst die „ältesten Afrikaner“ es nicht für unter ihrer Würde halten, von Zeit zu Zeit diesem Ausdruck autochthonen Volkstums die Ehre einer wenn auch nur kurzen Anwesenheit angedeihen zu lassen. Andere, weniger angekränkelte Weiße sind bei diesen Volksfesten hingegen förmliche Habitués, die keinen Sonnabend abend — Sonnabend ist der gesetzlich freigegebene Ngomentag — vorübergehen lassen, ohne sich stundenlang in den Dunstkreis der schwitzenden, keuchenden Menge zu stellen.

Außerordentlich ansprechend ist eins dieser Reigenspiele, das von den Frauen aller Gegenden, die ich bisher berührt habe, bei jeder nur denkbaren Gelegenheit ausgeführt wird. Es hat den Namen Liquata, das Händeklatschen. Die Frauen und Mädchen treten zusammen und stellen sich, die Gesichter nach innen, im Kreise auf. Plötzlich fliegen die Arme in die Höhe, der Mund öffnet sich, die Füße zucken zum ersten Takt. Im gleichen Takt und im gleichen Rhythmus setzt nun alles ein, Händeklatschen, Gesang und Tanz. Mit der eigentümlichen Grazie, die alle Bewegungen der Negerin kennzeichnet, bewegt sich der ganze Kreis nach rechts; zuerst erfolgt ein relativ großer Schritt, dem drei merklich kleinere folgen; diesem Rhythmus ist das Händeklatschen nach Intensität und Takt genau angepaßt, desgleichen auch der Gesang, den ich sogleich wiedergeben werde. Plötzlich, bei einem bestimmten Takt, lösen sich aus der Reihe der Tänzerinnen zwei Figuren los; sie tänzeln in die Mitte des Kreises hinein, bewegen sich dort in bestimmten, dem Auge leider nur zu schnell entschwindenden Figuren umeinander herum und treten dann wieder an bestimmte Stellen des Kreises zurück, um im gleichen Augenblick zwei anderen Solotänzerinnen Platz zu machen. So geht das Spiel reihum; unermüdlich, ohne auszusetzen und ohne Abschwächung setzt es sich Stunde um Stunde fort; unbekümmert auch um die Babys, die in dem unvermeidlichen Rucksack auf dem Rücken der Mama alles mitmachen müssen. In dem engen, heißen und oft genug auch schmutzigen Behälter schlafen, wachen und träumen sie, während die Mutter die derbe Mörserkeule schwingt oder den schweren Läufer zur Mehlbereitung über den Reibstein führt; während sie die Felder hackt, das Unkraut jätet und die Ernte einholt; während sie den schweren Tonkrug vom weitentlegenen Quell auf dem Kopf nach Hause trägt, und während sie sich im Tanze wiegt. Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Umständen der Negersprößling über Takt und Rhythmus seines Volkes schon vollkommen im Bilde ist, kaum daß er das Tragtuch und die mütterliche Brust verlassen hat. Fast möchte es allein die Reise nach Ostafrika lohnen, diese winzigen Knirpse von drei und vier Jahren mit absoluter Sicherheit im Reigen der Alten dahinschweben zu sehen.