Sie werden zugeben, Herr Geheimrat, übermäßig viel Geist wird in diesem Liede keineswegs vergeudet; allein, das ist ein Zug, der allen Negerliedern hier im Süden eigen ist; selbst die Meister des Gesanges in Afrika, meine Wanyamwesi, liefern in dieser Beziehung nicht übermäßig viel mehr. Hier können wir wirklich und mit Fug und Recht sagen: „Wir Wasungu sind doch bessere Sänger!“

Massassiberge. Nach Zeichnung des Salim Matola (s. [S. 455]).

Sechstes Kapitel.
Umschau.

Massassi, 25. Juli 1906.

Seit reichlich einer Woche bin ich in Massassi. Mein Heim ist eine im reinsten Yaostil gebaute Hütte, die von den Eingeborenen auf Befehl des kaiserlichen Bezirksamts eigens für durchreisende weiße Herren gebaut worden ist. Die Hütte oder, wie man wohl sagen muß, das Haus, denn es ist ein stattlicher Bau von zirka 12 Meter Länge bei 6 Meter Tiefe, liegt außerhalb der Boma, welche den hiesigen Polizeiposten beherbergt. Es ist ein Ovalbau, dessen Dachform aufs täuschendste einem umgekehrten Boote gleicht. Das Material der Wände ist wie überall im Lande Bambus und Holz, das innen und außen sauber mit grauschwarzem Lehm verputzt ist. Im Gegensatz zu den Eingeborenenhäusern hat mein Palais den Vorzug von Fenstern. Das heißt: Fensterscheiben fehlen; kriecht man abends unter sein Moskitonetz in das Tippelskirchsche Feldbett hinein, so schließt man vorher die Luken mit Türen aus derben Bambusstäben. Der Fußboden ist, wie auch in allen Eingeborenenhütten, gestampfter Estrich. Er läßt sich im allgemeinen ziemlich sauber halten, ist aber nicht für die scharfen Kanten europäischer Stiefelabsätze eingerichtet; sie richten in ihm sehr bald erhebliche Verwüstungen an. Das ganze Innere stellt ein ungeteiltes Ganzes dar, das lediglich unterbrochen wird durch die zwei gleichsam in den Brennpunkten der Ellipse stehenden Pfeiler, auf denen das schwere Strohdach ruht. Dieses ragt nach außen und unten hin weit über die Hauswand hinaus, wird an seinem Außenrande von einer weiteren Ellipse von kürzeren Pfeilern getragen und bildet damit jenen schattigen, breiten Umgang um das ganze Haus, der unter dem Namen Barasa ein unumgänglicher Bestandteil jedes ostafrikanischen Wohngebäudes ist. —

Mit dem Namen Massassi bezeichnen die Eingeborenen einen ganzen Bezirk. Er ist geologisch, geographisch, botanisch und ethnographisch gleich interessant. Sehr bald hinter Nyangao, von der Küste aus gerechnet, beginnt die berühmte lichte Baumgrassteppe; gleichzeitig treten die Ränder des Makondeplateaus im Süden und der verschiedenen kleinen Hochländer im Norden des Lukuledi immer weiter zurück. So wandert man Tag um Tag in vollkommen horizontaler Ebene und in gleich einförmiger Vegetation dahin. Das ist nichts weniger als anregend und interessant. Aber was ist das? Eine glänzend graue, riesige Felswand grüßt bei einer Biegung des Weges unverhofft über das endlose Meer dürrer Baumkronen herüber. Man atmet auf und vergißt angesichts des neuen landschaftlichen Reizes alle Müdigkeit. Auch der Schritt der schwerbelasteten Träger wird schneller. Plötzlich hört der Wald, der mit der Annäherung an jenen Fels dichter, grüner und frischer geworden ist, auf; statt der einen steilen Felswand erblickt das Auge nunmehr aber eine ganze lange Reihe solcher Berggipfel, die sich dem Scheine nach quer über unseren Weg hinüberzieht und ihn versperrt. Doch dem ist nicht so, denn hart am Fuß der ersten dieser Kuppen schwenkt auch der Weg nach Südsüdosten ab, um nunmehr die ganze Bergreihe in nächster Nähe zu begleiten. Wo sie endlich zu Ende geht, da ist auch er zu Ende, denn dort liegt, eingebettet in einen förmlichen Kreis von Bergkindern, wie der Neger in seiner Sprache sagen würde, d. h. zwischen niedrigen, nur 100 oder wenige 100 Meter hohen Hügeln, die Militärstation Massassi.

Inselberg von Massassi.

Die Gneiskuppen von Massassi sind in der geologischen Literatur über Afrika hochberühmt; sie sind aber auch etwas Einzigartiges, nicht ihren petrographischen Bestandteilen nach, sondern wegen ihrer enggeschlossenen Reihenform. Orographisch wird dieser ganze Osten Afrikas, in dem ich mich befinde, charakterisiert durch „Inselberge“, wie sie der Geologe Bornhardt nennt. Der Name ist gar treffend; würde sich der Erdteil um etliche hundert Meter senken, oder der Indische Ozean um ebensoviel steigen, so würde das ganze Lukuledital, auch das des Umbekuru und des Rovuma, sicher auch das mancher Flüsse von Portugiesisch-Ostafrika, fernerhin dann die ganze riesige Ebene westlich vom Wamuera- und vom Makondeplateau, einen gewaltigen See bilden. Über dessen Oberfläche würden hier im Westen lediglich diese klobigen, plumpen Gneiskuppen als winzige Inseln hervorragen, während nach der Küste zu die genannten Plateaulandschaften sozusagen die Kontinente auf diesem Stück Erdoberfläche darstellen würden.