Im allgemeinen sind diese Inselberge völlig regellos über das ganze, weite Land zerstreut. Klettere ich auf eine der kleinen Kuppen unmittelbar hinter meinem Wohnhaus, so vermag ich nach Norden, Westen und Süden eine fast unabsehbare Schar dieser merkwürdigen Gebilde zu überblicken. Meist liegen sie einzeln oder in Gruppen angeordnet da; nur eine Anzahl von Tagereisen weiter im Westen häufen sie sich in der Madjedjelandschaft in dichter Scharung zusammen. In unmittelbarster Nähe bildet dann die Massassikette die andere Ausnahme. Der Regellosigkeit der Anordnung entspricht auch eine große Verschiedenheit der Höhe; viele dieser Kuppen sind nur winzige Hügel; andere wieder ragen steil und unvermittelt noch 500 Meter und mehr über die hier bei Massassi schon reichlich 400 Meter hochgelegene Ebene empor. Damit erreichen also die höchsten dieser Berge die Höhen unserer deutschen Mittelgebirge.

Über die Entstehung dieser seltsamen Bergformen habe ich als Nichtgeologe natürlich kein Urteil. Nach Bornhardt, der in seinem großartigen Werke „Zur Oberflächengestaltung und Geologie Deutsch-Ostafrikas“ (Berlin 1900) die erdgeschichtlichen Züge dieses Landschaftsbildes in bewunderungswürdiger Plastik geschildert hat, sind alle diese Inselberge Zeugen eines uralten und niemals unterbrochenen Kampfes zwischen der aufbauenden Tätigkeit des Meeres und der abflachenden, nagenden, grabenden, erniedrigenden Wirkung des fließenden Wassers und der Atmosphärilien. Er sieht diese Gegend zur Primordialzeit als eine ungeheure Ebene lückenlosen Urgneises. In sie gruben die Bäche und Flüsse im Laufe der Zeit ihre Täler, alle in mehr oder weniger gleicher Richtung. Es blieben also nach Ablauf dieses langdauernden Prozesses langgestreckte Bergrücken zwischen jenen einzelnen Tälern stehen. Dann kam aber eine andere Zeit: an die Stelle der Zerstörung trat die der Auflagerung; wo vordem Regen, Quellen, Bäche und Ströme das zerkleinerte und zersetzte Gestein abwärts und meerwärts getragen hatten, flutete jetzt das Meer selbst; es füllte die Täler wieder aus und deckte auch wohl den ganzen, alten Schauplatz mit seinen Sedimenten zu. Diese Sedimente wurden im Laufe weiterer Zeiträume selbst wieder zu hartem Gestein. Und abermals wechselte die Szenerie; wieder lag der Boden trocken, und wieder konnten Wind, Regen und strömendes Wasser ihr Zerstörungswerk beginnen. Aber sie arbeiteten diesmal in anderer Richtung; hatten sie den Detritus vordem nach Norden oder Süden geführt, so schleppten sie ihn diesmal rechtwinkelig dazu nach Osten. Und sie feilten und feilten, trugen die ganze Oberdecke ab und zernagten auch die langen Rücken, die als Reste der ersten Zerstörungsperiode noch übriggeblieben waren. Und als sie schließlich auch dieses Urgestein bis zur Sohle der ersten Täler hinweggenagt hatten, siehe, da zeigte sich, daß als kümmerlicher Rest der alten, stolzen Gneisdecke lediglich diese in den Kreuzungspunkten der beiden Abrasions- und Erosionsrichtungen gelegenen festen Kerne übriggeblieben waren. Das sind eben diese Inselberge. Die Bornhardtsche Theorie ist kühn; auch setzt sie ganz unmeßbare Zeiträume voraus, aber sie ist als der plausibelste von allen Erklärungsversuchen allgemein angenommen worden. In jedem Fall ist sie ein glänzender Beweis der Kombinationsgabe deutscher Gelehrter.

Mit ihrem ungemein steilen Anstieg und der Unmittelbarkeit, mit der diese wuchtigen Steinmassen der Ebene entsteigen, wirken alle diese Berge, wo sie auch immer erscheinen, beherrschend auf die Umgebung ein; wo sie aber so wundervoll geschlossen auftreten wie hier im Mkwera, im Massassi, Mtandi, Chironji, Kitututu, im Mkomahindo, und wie sie alle heißen die großen und die kleinen Erhebungen hier in meinem Gesichtskreis, da sind sie etwas Unvergleichliches und dem Forscher Unvergeßliches. Wird erst einmal die geplante Südbahn das Stromgebiet des Umbekuru durchschneiden, so wird es keinen lohnenderen Ausflugspunkt für unsere Weltreisebureaus geben als die Bergreihe von Massassi!

Auch floristisch kommt der Besucher auf seine Kosten. Weilt man erst im Schatten dieser Berge, so ist die Öde und Eintönigkeit des Pori mit einem Schlage vergessen; Pflanzung reiht sich an Pflanzung, Beet an Beet; Hirsefelder der verschiedensten Varietäten neigen ihre fruchtschweren Kolben und Rispen in dem frischen Morgenwinde, der nach der stickigen, heißen Luft des tagelangen Porimarsches eine wahre Erquickung ist. Bohnen aller Art, Kürbisse und Melonen erfreuen das Auge durch ihr frisches Grün; rechts und links vom Wege breitet der Mhogo, der Maniok, seine sperrigen Zweige. Wo aber alle jene Fruchtpflanzen noch eine Lücke gelassen haben, da klappert die Basi-Erbse in ihrer Schote. Möglich ist diese für den Süden Deutsch-Ostafrikas erstaunliche Fruchtbarkeit nur durch die geologische Beschaffenheit des Bodens. Wohin der Fuß auf der großen Barrabarra getreten ist, und wohin das Auge nördlich und südlich geschaut hat, überall ist lehmiger Sand und sandiger Lehm an der Zusammensetzung der obersten Erdschicht in erster Linie beteiligt; nur an Stellen größerer Wasserwirkung sind hie und da nackte, glatte Gneisfelsen zutage getreten, oder aber die Fußsohle ist knirschend über harte Quarzite dahingewandert. Lediglich wo diese mächtigen Gneiszeugen das Einerlei unterbrechen, da findet das den wirtschaftlichen Wert des Landes prüfende Auge sich in vollem Maß befriedigt. Gneis verwittert leicht und gibt einen guten Boden. Das haben auch die Schwarzen seit langem entdeckt, und wenn sie auch die weniger fruchtbaren Teile ihrer Heimat durchaus nicht verschmähen, so sind diese Zonen um die Gneisinseln doch stets das bevorzugte Ziel autochthoner Besiedelung gewesen. Massassi mit seiner gewaltigen, sich stundenlang hinziehenden Ausdehnung ist ein typisches Beispiel eines solchen wirtschaftlichen Verständnisses.

Bei diesem Zusammenströmen aus aller Welt ist es kein Wunder, wenn die Frage nach der Stammeszugehörigkeit der Massassileute ein wahres Völkerchaos zur Antwort gibt: Makua, Yao, Wangindo, einzelne Makonde, und zu alledem ein großer Prozentsatz von Küstenleuten; das sind die freiwillig hergewanderten Elemente dieses kleinen Kulturzentrums. Zu ihnen allen kommt ein Konglomerat von Stammeselementen des innersten Afrika, das hier unter dem Namen Wanyassa zusammengefaßt wird. Diese Wanyassa sind der lebende Beweis eines menschenfreundlich im höchsten Sinne gedachten Experimentes, das leider nicht in dem Umfange gelungen ist, wie es von jenen Philanthropen erwartet und erhofft wurde. Gerade der Süden des heutigen Deutsch-Ostafrika ist vor Jahrzehnten der Schauplatz des lebhaftesten Sklavenhandels gewesen; durch diese leicht gangbaren, damals noch dichtbevölkerten Gefilde hat sich der von den Arabern Sansibars und der Küste genährte und gepflegte Sklavenhandel mit Vorliebe bewegt. Die Lage von Kilwa Kiwindje an einer Meeresbucht, die so flach ist, daß wohl eine arabische Sklavendhau, nicht aber die Überwachungsschiffe sittenstrenger Mächte dort landen und ankern konnten, ist noch heute eine sprechende Erinnerung an diese dunklen Zeiten der auch sonst nicht übermäßig sonnigen Geschichte Ostafrikas.

Um das Übel an der Wurzel zu fassen und es um so sicherer auszurotten, haben englische Menschenfreunde viele Jahre hindurch die unglücklichen Opfer, die in der Sklavengabel des Weges daherkeuchten, von ihren Glaubensboten, den Missionaren, aufkaufen lassen und als freie Männer angesiedelt. Das ist vor allem im Bannkreis der Gneiskuppen von Massassi geschehen. Die christliche Welt hat die stille Hoffnung gehegt, aus jenen Befreiten dankbare Glaubensgenossen und tüchtige Menschen heranbilden zu können. Doch wenn man das Urteil erfahrener Landeskenner hört, so gehört schon eine bedeutende Dosis von Voreingenommenheit dazu, um in diesen befreiten Bekehrten etwas Besseres zu sehen, als es die übrigen Neger sind. Es ist nun einmal so und wird sich mit keinem Mittel wegleugnen lassen, daß das Christentum dem Schwarzen nicht recht „liegt“, viel weniger jedenfalls als der Islam, der ihm alle seine geliebten Freiheiten anstandslos beläßt.

Ich persönlich habe übrigens von irgendwelchen Nachteilen des Charakters dieser Massassileute bis jetzt nichts gemerkt; wer mit mir in Berührung gekommen ist, hat sich ebenso freundlich benommen wie alle übrigen Landeskinder. An solchen Berührungen hat es trotz der Kürze meines hiesigen Aufenthaltes bisher keineswegs gefehlt; ich habe mich mit aller Energie, der ich fähig bin, in die Arbeit gestürzt und habe die Überzeugung, daß ich bereits einen großen Teil des hiesigen Volkstums mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe.

Gleich der Anfang meiner Studien war außerordentlich vielversprechend. Die Missionsstation Massassi liegt eine kleine Stunde weit nord-nordöstlich von uns unmittelbar unter der Steilwand des Mtandi. Dieser Mtandi ist der imposanteste Berg in der ganzen Kette; er steigt nahezu senkrecht gleich hinter den Strohhütten der Mission in einer riesigen Wand in die Höhe, um oben, 940 Meter hoch, in einer flachen Kuppe zu endigen. Herr Bezirksamtmann Ewerbeck und ich hatten schon beim Vorbeireiten am Tage unserer Ankunft in Massassi beschlossen, diesem Mtandi einen Besuch abzustatten, und schon an einem der nächsten Tage haben wir den Plan ausgeführt. Die Sache entbehrte nicht eines gewissen Reizes; schon früh um 4½ Uhr, bei stockdunkler Tropennacht, waren wir beiden Europäer und etwa ein halbes Dutzend unserer Träger und Boys, sowie Ewerbecks Maskatesel und mein altes Maultier marschbereit. So rasch es die Dunkelheit erlaubte, ging der Zug aus der Barrabarra dahin, um in der Höhe des Mtandi links abzuschwenken. Am Fuße des Berges blieben die Reittiere nebst ihren Wärtern zurück; wir andern aber begannen unter Umgehung des Stationsgeländes unsere Kletterübung.

Für meine Afrika-Expedition hatte ich mich mit Tippelskirchschen Tropenschnürstiefeln ausgerüstet. Als ich diese in Lindi den „alten Afrikanern“ zeigte, lachten sie mich aus. Was ich denn mit der einen kümmerlichen Nagelreihe am Sohlenrande hier in Afrika wolle? Gleich solle ich die Dinger zum Bruder Wilhelm senden, einem Laienbruder der Benediktinermission, der sich zu Nutz und Frommen aller Europäer mit der Verbesserung lederner Gehwerkzeuge befasse. Bruder Wilhelm hat denn auch eine ganz herrliche Doppelreihe schwerer Alpennägel an meine Stiefel gesetzt, und ich habe ein Paar von ihnen am ersten Marschtage von Lindi aus getragen, — aber dann nicht mehr! Sie zogen die Füße wie Blei zur Erde, und zudem zeigte sich, daß der schwere Beschlag auf der feinsandigen Barrabarra absolut überflüssig war. Später habe ich zu meinen leichten Leipziger Schnürschuhen gegriffen, die das Marschieren zum Vergnügen machen. Hier auf den scharfen Graten des Mtandi taten mir die so schnöde behandelten Bergstiefel indessen ausgezeichnete Dienste.