Unsere Mtandibesteigung nach der Zeichnung von Juma (s. [S. 96]).
Ich will die Schilderung meiner Gefühle bei jenem Aufstieg lieber übergehen! Es wurde heller und heller; wir kamen höher und höher; aber ein Vergnügen war dieses Kraxeln, einer hinter dem anderen, von Fels zu Fels und von Baum zu Baum wenigstens für uns beiden sehr behäbigen und wohlgenährten Europäer keineswegs. Wir haben uns denn auch damit begnügt, nicht die alleroberste Kuppe zu erreichen, sondern in einem etwas niedrigeren Vorsprung das Ziel unserer Wünsche zu sehen. Dies war verständig, denn von der erwarteten großartigen Aussicht war keine Rede; Nebel in der Höhe, Nebel auch über das ganze weite Land hin, so daß selbst die längste Expositionszeit so gut wie nichts auf meine photographischen Platten brachte.
Dieser sonst so erfolglose Aufstieg hat wenigstens ein hübsches, kleines Denkmal afrikanischer Kunst gezeitigt: eine [zeichnerische Wiedergabe] der kraxelnden Karawane. Umstehend ist sie. Die Steilheit des Berges deutet der schwarze Künstler ganz richtig durch die senkrechte Stellung der Weglinie an. Das Gewirr von Kreisen und Kurven am unteren Ende der Linie stellt die Missionsstation Massassi mit ihren Gebäuden dar: dem Fundament einer Kirche, die, wenn sie jemals fertig werden sollte, sämtliche bekehrten Heiden Afrikas und der umliegenden Erdteile aufzunehmen vermöchte, so riesenhaft sind die Abmessungen; dem ehemaligen Kuhstall, in dem die beiden alten Reverends nach der Zerstörung ihrer schönen, alten Gebäude durch die Majimaji ihre primitive Unterkunft gefunden haben; der Mädchen- und der Knabenschule, beides ein paar große Bambushütten im Eingeborenenstil, und den Wohngebäuden für das schwarze Lehrerpersonal und die Schüler. Das Rankengewirr am obern Ende der Linie stellt den Gipfel des Berges mit seinen Gneisblöcken dar. Die beiden obersten der kraxelnden Männer sind der Kirongosi, der landeskundige Führer, und einer unserer Leute; der dritte ist Herr Ewerbeck, der vierte bin ich. Der kaiserliche Bezirksamtmann ist kenntlich an seinen Achselstücken mit den beiden Hauptmannssternen; sie gehören zum Dienstanzug dieser Beamtenklasse. Von allen Attributen der Weißen imponieren sie den Schwarzen sichtlich am meisten, denn überall, wo z. B. Offiziere auf den in meinem Besitz befindlichen Eingeborenenzeichnungen erscheinen, ist ihr Dienstgrad unweigerlich und stets ganz richtig durch die Sterne angegeben worden. Auch in der Zahl der Chargenwinkel auf den Ärmeln der weißen und der schwarzen Unteroffiziere irren sich die schwarzen Künstler niemals.
Buschbrand auf dem Makonde Plateau.
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GRÖSSERES BILD
Was doch eine volle Figur macht! Ewerbeck, Seyfried und ich sind etwa gleichaltrig und verfügen auch über ungefähr dieselben Körperdimensionen. Dieser Umstand muß wohl die Veranlassung gewesen sein, daß die Einwohnerschaft von Lindi und später auch die des Innern mich ohne weiteres ebenfalls zum Hauptmann avancieren ließ; in Lindi war ich einfach der Hoffmani mpya, der neue Hauptmann. Auf dem wiedergegebenen Kunstblatt ist der Beweis für meine Beförderung zu sehen: auch mir hat der Künstler die Achselstücke verliehen. Die Figuren hinter uns beiden Europäern sind belanglos; das ist eben der Rest unserer Begleitung.
Doch nun kommt das psychologisch Seltsame: ich bin zweimal auf dem Bilde; einmal klettere ich mühselig den Berg hinan, das andere Mal stehe ich bereits in stolzer Pose oben und banne mit dem Momentverschluß in der Hand die Gefilde Afrikas auf meine Platte. Der Dreibein oben ist nämlich mein 13 × 18-Apparat; die Zickzacklinien zwischen dem Stativ sind die Verfestigungs-Messingleisten; die lange Schlangenlinie ist der dünne Gummischlauch der Momentauslösung, von der ich allerdings bei dem Nebel keinen Gebrauch machen konnte; der Photograph bin, wie gesagt, ich. Die Männer hinter mir sind meine Leibdiener, denen für gewöhnlich die zerbrechlicheren Teile des Apparates anvertraut werden.
Die zeichnerische Wiedergabe dieser Bergbesteigung ist ein ebenso anspruchsloses Geisteserzeugnis des Negerintellekts wie alle anderen; aber sie ist bei alledem ein sehr wichtiges Dokument für die Anfänge der Kunst im allgemeinen und für die Auffassungsweise des Negers im besonderen. Gerade für den Volksforscher ist auch das Unscheinbarste nicht ohne Bedeutung. Und deswegen fühle ich mich so unendlich glücklich, selbst einmal eine ganze Anzahl von Monaten in einem solchen Milieu hoffentlich recht ungestört und nach Herzenslust arbeiten zu können.
Ihren vorläufigen Abschluß hat unsere Mtandibesteigung in einem solennen Frühstück gefunden, zu dem uns die beiden Reverends freundlichst eingeladen hatten. Der Engländer lebt ja anerkanntermaßen zu Hause ausgezeichnet; doch auch in der Fremde, und sei es im Innern irgendeines Erdteils, weiß er sich zu helfen. Ich gewann denn auch gerade hier den Eindruck, als sei Massassi eine „sehr nahrhafte Gegend“, wie Wilhelm Raabe sagen würde. Nur Sekt gab es heute nicht; den hatte Reverend Carnon uns schon am Vortage kredenzt, und zwar in einem riesigen Wasserkruge. Sektgläser habe er nicht, meinte der freundliche Geistliche. Es ging auch so.