Das Lustigste des ganzen Mtandiunternehmens war indessen der Abschluß. In dichtem Haufen trabte die Schar der Missionszöglinge bei unserem Heimritt neben uns her. Die kleinen Kerle sahen recht kriegerisch aus; alle trugen Bogen und Pfeile und schrien lustig um die Wette. Ich konnte mir zunächst kein klares Bild von dem Sinn des ganzen Tuns machen; zu Hause, d. h. bei unserem Polizeiposten angekommen, verstand ich allerdings sehr bald, daß die Leutchen nichts anderes beabsichtigten, als mir ihre gesamte kriegerische Ausrüstung für meine ethnographische Sammlung zu überlassen! Doch beileibe nicht etwa als hochherziges Geschenk; für Schenken ist der Neger nicht; darin gleicht er unserem Bauer. Im Gegenteil, die jungen Leute verlangten geradezu phantastische Preise für ihre doch eigens für den merkwürdigen Msungu, der allen Negerplunder kauft, gefertigten Schießzeuge. Ich habe später von dem Kram erworben, was mir tauglich schien, habe es im übrigen aber doch für nötig gehalten, die Leerausgehenden vor einer Enttäuschung zu bewahren, indem ich jedem ein paar Kupfermünzen aus meinem berühmten Hellertopf zukommen ließ. Vorher habe ich jedoch erst noch ein ganz nettes Experiment gemacht, mir und meiner Wissenschaft zum Nutzen, der Negerjugend von Massassi aber zur höchsten Lust: die Veranstaltung eines wirklichen und wahrhaftigen Schützenfestes mitten im ernsten Afrika.
Die vergleichende Völkerkunde hat sich seit langem bemüht, alle technischen und geistigen Tätigkeiten des Menschen zu klassifizieren und zu analysieren. So hat der Amerikaner Morse schon vor Jahrzehnten festgestellt, daß die Menschheit, soweit sie mit Bogen schießt oder je geschossen hat, sich ganz bestimmter Spannweisen bedient. Es gibt etwa ein halbes Dutzend verschiedene Arten, die über den Erdball derartig verteilt sind, daß hier und da ganz große Provinzen einer einheitlichen Spannmethode feststellbar sind, während anderswo die schärfsten Unterschiede von Volk zu Volk und von Stamm zu Stamm bestehen.
„Aber, Herr Professor,“ höre ich in diesem Augenblick im Geiste einen meiner Leipziger Hörer einwerfen, „Bogenspannen ist doch Bogenspannen; was sollen denn da für Unterschiede bestehen?“
„Hier, mein Herr,“ antworte ich, „bitte schießen Sie einmal, aber mit Vorsicht; bringen Sie Ihren Nachbar nicht um und sich selbst auch nicht!“ Wie oft schon habe ich während meiner Dozentenzeit dieses Experiment gemacht, und wie übereinstimmend ist jedesmal das Ergebnis gewesen! Man kann tausend gegen eins wetten, daß jeder Deutsche — die Engländer und Belgier nehme ich aus; diese Völker schießen heute sportmäßig und mit Verständnis mit dem Bogen und wissen eine gute Spannweise wohl von einer schlechten zu unterscheiden —, wenn er den Bogen in die Linke genommen hat und mit der Rechten Pfeil und Sehne erfaßt, das untere, mittels der Kerbe auf der Sehne ruhende Pfeilende zwischen Daumen und Zeigefinger ergreift und nunmehr die Sehne erst indirekt mittels des Pfeiles zurückzieht. Das ist dieselbe Methode, mit der wir als Knaben den Flitzbogen gespannt haben. Diese Spannweise ist die denkbar schlechteste. Davon kann sich jeder, der die anderen Methoden ebenfalls beherrscht, bei jedem Schuß überzeugen. Es liegt ja auch nahe, daß der Pfeil den Fingern bei stärkerem Zurückziehen entgleiten muß. Der beste Beweis für die Minderwertigkeit gerade dieser Spannart ist ihre geringe Verbreitung innerhalb desjenigen Teils der Menschheit, der den Bogen noch als wirkliche und wehrhafte Waffe, sei es zum Krieg, sei es zur Jagd, benutzt. Diese Völker und Stämme handhaben ihre Waffen ganz anders. Nur wo der Bogen zu einem Überlebsel geworden ist wie z. B. bei uns, d. h. wo er aus dem Kranz der Manneswehr durch vollkommenere Waffen verdrängt worden ist, und wo er seine ehemalige Berechtigung nur noch als Spielzeug bei dem konservativsten Teil unserer Spezies, beim Kinde, dartut, da ist diese zum wirksamen Schuß gänzlich unbrauchbare Spannweise aus Unkenntnis einer bessern im Gebrauch.
Wäre ich gezwungen, die Missionsjugend von Massassi als Kulturmaßstab zu betrachten, so müßte ich sagen: auch beim Neger ist der Bogen ein Überlebsel, denn von dem ganzen großen Haufen schossen neun Zehntel in derselben Weise wie unsere Knaben. Doch mit einem Unterschiede: wir halten unseren Flitzbogen wagerecht, die Negerknaben hielten ihn senkrecht; der Pfeil lag links vom Bogen und lief zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurch. Nur das restliche Zehntel schoß mit anderer Spannung; es waren bezeichnenderweise lauter ältere Zöglinge, die also augenscheinlich noch eine bestimmte Dosis altafrikanischen Konservativismus mit in ihr Christentum hinübergerettet hatten.
Bei meinem Preisschießen kam es mir weniger auf die Treffergebnisse an als auf die Beobachtung der Spannmethoden; trotzdem, muß ich sagen, zogen sich die kleinen Schützen ganz gut aus der Affäre. Zwar schossen sie nur auf geringe Entfernungen; auch war mein Ziel nicht gerade klein, bestand es doch aus einer Nummer der „Täglichen Rundschau“, aber die Mehrzahl blieb doch innerhalb der rasch auf diese improvisierte Scheibe gemalten Ringe. Und stolz waren sie auch, die kleinen Schützen; wenn ich einen besonders guten Schuß laut über das Blachfeld hin lobte, blickte der schwarze Held triumphierend im Kreise umher.
„Nun bitte, Herr Professor, die anderen Spannmethoden!“ höre ich wieder meine getreuen Schüler mir zurufen. In Leipzigs Hörsälen muß ich in solchen Fällen natürlich sofort Rede und Antwort stehen. Afrika ist in dieser Beziehung toleranter; hier blüht mir die Freiheit, vom Recht des Forschers Gebrauch zu machen und an der Hand vieler anderen Beobachtungen Material zu sammeln. Ich antworte also mit höflicher Bestimmtheit: „Wenn ich die ganze Ebene nördlich vom Rovuma abgegrast haben werde und dann schließlich auf dem kühlen Makondeplateau die Muße finde, auf meine so vielseitigen Studien zurückzublicken, dann will ich mich ernsthaft bemühen, Ihre Wißbegier auch in dieser Richtung zu befriedigen. Also auf Wiedersehen, meine Herren!“
Wanyassa-Jäger mit Hund. Nach Zeichnung von Salim Matola (s. [S. 452]).