Massassi, Ende Juli 1906.
Jeder normale Mensch ist ein wandelnder Beweis für die Wahrheit der Anpassungstheorie; ich bin noch kaum zwei Monate im Lande Afrika und nur erst den Bruchteil eines Monats im Innern, und doch fühle ich mich hier schon ganz heimisch. Was blieb mir auch anderes übrig! Schon am 21. Juli, also nach einem Zusammenleben von nur wenigen Tagen, ist Herr Ewerbeck in aller Herrgottsfrühe und unter dem Schein einer durch das Dunkel der Tropennacht vorangetragenen Laterne von dannen marschiert, um daheim in Lindi der höhern Pflicht des Empfangs der acht Reichstagsabgeordneten obzuliegen, von deren kühnem Reisemut unsere Tagespresse seit Monaten widerhallt.
Als einziger Rest europäischer Kultur ist nur Nils Knudsen zurückgeblieben. Schon der Name besagt, daß wir es mit einem nordischen Recken zu tun haben; Nils ist denn auch in der Tat der hochblonde Nachkomme der alten Wikinger. Der Expedition hatte er sich hinzugesellt, ohne daß ich viel von der Anwesenheit eines dritten Europäers gemerkt hätte. Während Ewerbeck und ich stolz und kühn an der Spitze unserer langen Karawane marschierten oder ritten, hielt Nils Knudsen sich meist an deren Ende auf; im Lager aber blieb er bescheiden im Hintergrunde. Jetzt, im Standort Massassi, ist er von Amts wegen in den Vordergrund gerückt worden; er soll hier nach dem Rechten sehen und den schwarzen Lokalbehörden etwas auf die Finger passen. Ob das nötig ist, kann ich einstweilen nicht entscheiden, da ich in die Schwierigkeiten der innern Verwaltung eines so großen Bezirks, wie es der von Lindi ist, noch keinerlei Einblick habe; aber die Maßnahme wird schon richtig sein, sonst hätte ein so alter Landeskenner wie Ewerbeck sie nicht getroffen. Einstweilen habe ich Knudsen veranlaßt, den Wohnsitz in seinem Zelt, das, nach seinem ehrwürdigen Äußern zu urteilen, schon Vasco da Gama bei seiner Landung an der Ostküste Afrikas benutzt und wegen Schadhaftigkeit zurückgelassen hat, aufzugeben und zu mir in das Rasthaus zu ziehen. Jetzt haust er mit seiner kümmerlichen Habe, die aus zwei anscheinend nicht einmal ganz gefüllten, alten Blechkoffern besteht, auf der einen Seite des großen Raumes, während ich mit meiner fürstlichen Ausstattung auf der andern residiere. Dafür ist aber das Herz des blonden Norwegers um so goldener und sein Gemüt um so reicher.
Das Vorleben Knudsens ist abenteuerlich genug; es erinnert mich einigermaßen an das Schicksal jenes englischen Matrosen, der vor 100 Jahren unter die Eingeborenen Süstostaustraliens verschlagen wurde und als Wilder unter Wilden leben mußte. Ganz so schlimm ist es zwar mit meinem blonden Nachbar nicht gewesen, aber Zeit zum Vernegern hätte er doch schon genug gehabt. Soweit ich mich bisher über seine Personalien habe unterrichten können, ist Knudsen vor fast einem Jahrzehnt von einem Kauffahrteischiff, wo er als Schiffsjunge amtierte, in einem Hafen Madagaskars ausgerissen, hat sich dann einige Jahre lang auf dieser großen Insel umhergetrieben und ist schließlich an die gegenüberliegende Festlandsküste in das Hinterland von Lindi verschlagen worden. Ein eigentliches Handwerk hat er nach seiner eigenen Aussage nicht erlernt, er rühmt aber von sich, alles zu können, mauern und zimmern, schnitzen und bauen, tischlern und schlossern. Tatsächlich hat er alle Gebäude des Bergbaufelds Luisenfelde weit im Süden in der Nähe des Rovuma, zu dem ich vielleicht auch noch einmal kommen werde, gebaut, war dort überhaupt Faktotum, und auch die Kommune Lindi hat ihn der Anstellung als Leiter der Handwerkerschule für würdig erachtet. In dieser Stellung befindet sich Knudsen augenblicklich; er ist nur beurlaubt.
Meine Lebensweise ist hier, im Zustande der Ruhe, natürlich eine wesentlich andere als auf dem Marsch. Jedes Marschleben ist reizvoll, um wieviel mehr ein solches innerhalb einer fremdartigen und vordem ungekannten Natur. Das meinige ist zudem bisher ganz ungetrübt verlaufen. In unsern afrikanischen Reiseschilderungen beginnt fast jede Expedition mit tausend Schwierigkeiten; der Abmarsch ist auf eine bestimmte Stunde festgesetzt, aber es ist kein Träger da; und hat der Expeditionsleiter seine Leute schließlich mit Mühe beisammen, so haben diese noch hunderterlei Verrichtungen und sind schon am ersten Abend den Blicken des Reisenden von neuem entschwunden. Der Abschied von der Bibi, der Frau, der Geliebten, ist ja auch zu schwer. Bei mir hat der Betrieb vom ersten Tage an funktioniert; die viertelstündige Verspätung beim Aufbruch von Lindi fällt niemand als mir selbst zur Last, der ich mich beim Frühstück verspätet hatte. Am Morgen des zweiten Marschtages ging es dann mit dem Zusammenlegen des Zeltes seitens der Askari noch nicht so recht; auch konnte Moritz die Tippelskirchsche Reiselampe mit dem besten Willen nicht in ihren allerdings sehr knapp bemessenen Behälter verpassen; aber seitdem haben wir Reisenden uns alle benommen, als wenn wir schon seit Monaten unterwegs gewesen wären.
Wer etwa nach englischer Sitte schon in der Morgenfrühe ein substanzielles Mahl einzunehmen gewohnt ist, soll in Afrika nicht auf die Reise gehen. Um 5 Uhr hat man das Wecken angeordnet. Pünktlich ruft der Posten sein leises: „Amka, bwana, wach auf, Herr“ in das Zelt; mit beiden Füßen schnellt man sich elastisch über den hohen Rand des trogförmigen Feldbettes hinüber und fährt in sein Khaki. In der kalten Nacht der tropischen Trockenzeit ist das Wasser, welches Kibwana, der das Amt des Stubenmädchens versieht, fürsorglich schon am Abend vor dem Zelt bereitgestellt hat, zu einem erfrischenden Naß abgekühlt; scharf hebt sich die Silhouette des Europäers bei der Toilette im Schein der brennenden Lampe von der Zeltwand ab. Doch diese Lampe leuchtet nicht ihrem Herrn allein; ringsum treffen ihre Strahlen braune, glänzende Gesichter. Das sind die Träger und die Askari, von denen jene eifrigst bemüht sind, ihre Last für den Marsch zusammenzuschnüren, während die Soldaten sich auf das Zelt stürzen wie der Tiger auf seine Beute, sobald der Weiße fertig gekleidet ins Freie tritt. Im Nu ist es zusammengelegt; kein Wort fällt dabei, und kein überflüssiger Handgriff wird dabei getan; es ist Arbeitsteilung im besten Sinn und in tadellosester Durchführung. Unterdessen steht der Weiße an seinem zusammenlegbaren Tisch; in Hast und Eile nimmt er einen Schluck Tee oder Kakao, oder was sonst sein Leibgetränk ist, kaut dazu ein Stück selbstgebackenen Brotes und steht nun marschbereit da. „Tayari, fertig?“ schallt seine Frage laut über den Platz; „bado, noch nicht“, ertönt es unweigerlich zurück. Und es sind immer dieselben Faulen oder Ungeschickten, deren Munde dieses Lieblingswort jedes afrikanischen Bediensteten entströmt. Der Anfänger im Reisen läßt sich wohl dadurch beirren; nach ein paar Tagen kehrt er sich nicht mehr an das bado; er ruft sein „Safari!“ (wörtlich „Reise“), oder, wie ich es sehr bald eingeführt habe, sein „Los!“ über die Schar seiner Mannen hin, schwingt seinen Wanderstab unternehmend durch die Luft, dadurch den beiden Spitzenaskari die Marschrichtung andeutend, und das Tagewerk hat begonnen.
Ich weiß nicht, wie andere Stämme und Völkerschaften sich im Moment des Aufbruchs verhalten; meine Wanyamwesi sind in diesem Augenblick außer Rand und Band. Mit sichtlicher Mühe hat jeder seine Last auf den Kopf oder die Schulter hinaufgebracht; gebückt von ihrer Schwere, steht jeder an seinem Platz. Da ertönt jenes Kommando „Safari“, und nun erhebt sich ein Lärm und Getöse, das jeder Beschreibung spottet; was aus der Kehle heraus will, hallt in den schweigenden Urwald hinaus; wild und regellos schmettern derbe Stöcke gegen die Reisekisten und leider auch gegen die Blechkoffer, die einen nur zu guten Resonanzboden abgeben. Es ist ein Höllenspektakel; aber er ist ein Ausbruch der Lust und der Freude; es geht vorwärts, und Wandern und Marschieren ist nun einmal das Lebenselement des Mnyamwesi. Schon nach kurzer Zeit kommt Ordnung in das Chaos der Lärmgeräusche; die Leute haben einen unendlich feinen Sinn für Takt und Rhythmus, und so löst sich das Getöse alsbald in eine Art getrommelten und gesungenen Marsches auf, der auch die Beine der Askari, die in ihrer vornehmen Reserve sich natürlich an solch kindischem Tun nicht beteiligen, in seinen Bann zwingt.
Studienbummel in der lichten Baumgrassteppe.
Ach, und schön ist der frühe Tropenmorgen. Es ist mittlerweile stark auf 6 Uhr gegangen; die dunkle Nacht ist schnell der kurzen Dämmerung gewichen; glänzende Strahlen der rasch emporsteigenden Sonne huschen über das leichte Gewölk am Firmament; unversehens steigt die Scheibe des Tagesgestirns in wunderbarer Majestät über den Horizont empor. In rüstigem, ausgiebigem Schritt, noch eng aufgeschlossen, eilt der Zug durch das taufeuchte Pori dahin; vorn, wie auf einem Kriegsmarsch, zwei Soldaten als Spitze; in einigem Abstand dahinter wir Europäer; unmittelbar nach uns die Leibdienerschaft mit Gewehr, Reiseflasche und Reisestühlchen; dann der Haupttrupp der Soldaten; dahinter der lange Zug der Träger und Askariboys; am Schluß endlich, zur Aufmunterung für alle Säumigen, doch auch zur Unterstützung etwaiger Maroder, zwei Soldaten als Nachspitze. Eine bewunderungswürdige Erscheinung ist der Mnyampara, der Trägerführer. Er bekleidet eigentlich eine Art Ehrenstellung, denn er bekommt keinen Heller mehr als der letzte seiner Untergebenen. Vielleicht ist dieser Ausdruck auch nicht einmal richtig; primus inter pares sollte man ihn lieber nennen. Der Mnyampara ist überall; er ist an der Spitze, wenn der Herr ihn ruft, und er ist weit hinten am äußersten Ende des mit jeder Marschstunde länger werdenden Zuges, wenn dort ein Kranker seiner Hilfe benötigt. Den stützt er; er nimmt ihm ganz ohne weiteres die schwere Last ab, um sich selbst damit zu beladen; er bringt ihn sicher ins Lager. Mit meinem Pesa mbili scheine ich einen besonders glücklichen Griff getan zu haben. Er ist jung wie die allergrößte Mehrzahl meiner Leute, vielleicht 23 bis 25 Jahre, tiefschwarz in seiner Hautfarbe; mit katzenhaft funkelnden Augen im ausgeprägten Negroidengesicht; nur mittelgroß, aber ungemein sehnig und kräftig; er spricht ein schauderhaftes Suaheli, weit schlechter als ich, und noch dazu so rasch, daß ich ihm kaum zu folgen vermag; aber er ist bei alledem ein Juwel. Nicht bloß, daß er ein unvergleichlicher Sänger ist, dessen angenehmer Bariton niemals ruht noch rastet, ob wir lagern oder marschieren, nein, auch in der Organisation des Lagerlebens, der Aufteilung und Anstellung seiner Leute ist er ein Meister.