Der Anforderungen gibt es genug, die an einen solchen Reisemarschall am Schluß des Tagesmarsches gestellt werden. Längst ist die herrliche Morgenkühle einer recht fühlbar hohen Temperatur gewichen; der Europäer hat seinen leichten Filzhut oder die noch leichtere Reisemütze mit dem schweren Tropenhelm vertauscht; die nackten Leiber der Träger aber überziehen sich mit einer glänzenden Politur. Sie, die schon von 4 Uhr an am Lagerfeuer fröstelnd den warmen Tag herbeigesehnt haben, haben jetzt dies Ziel ihrer Wünsche im vollsten Maße erreicht; ihnen ist sehr warm, und der Weiße tut jetzt sehr wohl daran, nicht in oder hinter der Karawane zu marschieren; er möchte sonst mehr, als ihm angenehm sein würde, Gelegenheit zu Studien über den Rassengeruch finden. Nach 2 oder 2½ Stunden erste Rast. „Kiti kidogo, den kleinen Stuhl“, ruft der Europäer nach hinten. Blitzschnell hat der Leibpage das nette, zierliche Gerät, das äußerlich einem kleinen Sägebock gleicht, das aber unter seiner obern, abknöpfbaren Sitzfläche noch eine sehr sinnreich erdachte andere, länglichoval durchbrochene Zeugfläche aufweist, die die Benutzung dieses nützlichen Möbels auch im verschwiegenen Urwalde gewährleistet, dem Europäer untergeschoben; langsam wälzt sich jetzt auch die lange Schlange der Lasten heran, um schwer von Kopf und Schulter der Leute zu Boden zu sinken. Des weißen Herrn harrt jetzt ein keineswegs opulentes Frühstück von ein paar Eiern, einem Stück kalten Fleisches, oder ein paar Bananen; die Schwarzen aber, die ganz nüchtern aufgebrochen sind, fasten auch jetzt noch unentwegt weiter. Man begreift nicht, wie die Leute die immerhin beträchtliche Arbeitsleistung eines vielstündigen Marsches unter einer 60 bis 70 Pfund schweren Last bei solcher Anspruchslosigkeit zu leisten vermögen; doch sie verlangen es gar nicht anders. In den spätern Marschstunden tritt zwar eine merkliche Ermüdung ein; der Schritt wird langsamer und kürzer, die Lasten bleiben auch mehr und mehr hinter der unbepackten Suite der Weißen zurück, doch wenn sie schließlich an den Lagerplatz herankommen, so sind die Leute noch ebenso vergnügt und fröhlich wie am frühen Morgen. Derselbe Lärm, dasselbe Getöse, doch jetzt ein ganz anderer Wortlaut aus den Kehlen der Sänger — alles das rasselt auf den längst dasitzenden Europäer hernieder. Meiner Truppe scheint es das Zentralmagazin zu Daressalam angetan zu haben; dort sind sie in meine Dienste getreten, und dieses weitläufige Gebäude feiern sie nunmehr auch im Schlußgesang ihres Tagemarsches.

Das Ende des Marsches bedeutet noch längst nicht den Abschluß der Obliegenheiten meiner Leute, weder der Boys, noch der Askari, noch der Träger. Prüfend hat sich der Expeditionsführer nach einem Zeltplatz umgeschaut. Ihn gut zu treffen, ist, glaube ich, eine Sache des Talents und der Begabung. Als Grundregeln sind dabei zu beachten: die Nähe trinkbaren Wassers und Abwesenheit schädlicher Insekten wie Rückfallfieberzecken, Moskitos und Sandflöhe. Sekundär, aber doch auch wichtig, ist die Festlegung der Zeltachse zur Sonnenbahn und eine möglichst anzustrebende Lage im Schatten belaubter Bäume. Ich zeichne der Einfachheit halber den Zeltgrundriß auf den sorgsam gesäuberten Sandboden, wobei ich die gewünschte Lage der Zelttür durch Unterbrechung der Linienführung andeute. Das genügt meinem kommandierenden Gefreiten vollkommen. Kaum sind die beiden Unglücklichen, deren Schultern das schwere Tippelskirchzelt drückt, herangekeucht, so sind auch schon die Lasten aufgerollt; im Nu hat jeder Krieger seinen Platz eingenommen; eins, zwei, drei stehen die beiden Tragpfähle senkrecht; dann hallen auch bereits die Schläge auf die Zeltpflöcke. Währenddem ergötzen sich Moritz und Kibwana, die beiden Boys, an meinem Bett. Diese Betätigung muß für die Neger den Himmel auf Erden bedeuten. Sie werden und werden damit nicht fertig; Schelte und selbst angedrohte Prügel nützen nichts; es ist, als ob das auch sonst schon so schwerfällig arbeitende Hirn der schwarzen Gentlemen sich hier ganz einlullte. Mechanisch bauen sie das Gestell auf; mechanisch breiten sie Korkmatratze und Decken aus; ebenso stumpf und dumpf errichten sie schließlich den Kunstbau des Moskitonetzes. Die Soldaten sind längst von dannen geeilt; da erst schleppen meine Herren Diener das Schlafgerät ins Zelt hinein.

Auch meinen Trägern ist inzwischen noch allerlei Arbeit erblüht. Wasser muß für die ganze Karawane geholt werden, Feuerholz für die Küche; schließlich muß auch noch jene verschwiegene Baulichkeit errichtet werden, die im Kisuaheli den Namen Choo führt. Es ist weit über Mittag geworden, da endlich kommen auch die Träger zu ihrem Recht; sie sind nunmehr Herren ihrer Zeit und können sich für ein paar kurze Stunden selbst leben. Auch jetzt schwelgen sie nicht. Der Süden Deutsch-Ostafrikas ist sehr wildarm, zudem habe ich zum Jagen keine Zeit; Fleisch ist also etwas kaum Gekanntes in dem Speisezettel meiner Leute. Ugali und immer wieder Ugali, d. h. Tag für Tag den steifen, zu einer glasigen Konsistenz eingekochten und schließlich mittels des Rührlöffels zu einer Art Puddingform zurechtgeklopften Brei aus Hirse, Mais oder Maniok, das ist das Normalgericht, um mit Oskar Peschel zu reden, auf das sich die Lebenshaltung unserer schwarzen Brüder stützt.

Lager in Massassi.

Hier in Massassi hat sich das Blatt gewendet; jetzt haben es meine Leute gut, während ich kaum eine Minute aus der Arbeit herauskomme. Meine Schutztruppe wohnt sehr vornehm; sie hat die Barasa, die auf Pfeilern ruhende Beratungshalle links von meinem Palais, bezogen und nach Negerart ausgebaut. Der Neger liebt keinen gemeinsamen Raum; er kapselt sich gern ein. Das ist schnell geschehen; ein paar Horizontalstangen als Baugerüst rings um die geplante Kabine; dann eine dichte Lage hohen afrikanischen Strohs daran gebunden, und ein netter, bei Tag kühler, bei Nacht warmer Raum ist für jeden einzelnen geschaffen. Die Träger dagegen haben sich auf dem weiten Platz vor meinem Hause Hütten gebaut, einfach und nett, doch zu meinem maßlosen Erstaunen ganz im Massaistil. Nichts von Rundhütte und nichts von Tembe, sondern wirklichen und wahrhaftigen Massaistil. Über die Rundhütte und ihre Eigenart werde ich mich später genugsam äußern können; wer aber nicht wissen sollte, wes Art eine Tembe ist, dem sage ich: das ist eine Bauart, die man sich am besten vergegenwärtigen kann, wenn man zwei oder drei oder vier gedeckte Güterwagen unserer Eisenbahnen rechtwinklig aneinanderstellt, so daß sie ein Rechteck bilden mit den Türen nach innen. Verbreitet ist diese Tembe über große Teile des Nordens und des Zentrums von Deutsch-Ostafrika, von Unyamwesi im Westen bis in die küstennahen Landschaften im Osten, und vom abflußlosen Gebiet im Norden bis nach Uhehe im Süden. Der Wohnbau der Massai endlich läßt sich am besten einem Rohrplattenkoffer mit seinen abgerundeten Vorder- und Hinterkanten vergleichen. Während nun die Massai bekanntermaßen baumlange Kerle sind, sind ihre Hüttchen, die ganz im Sinne ihrer Erbauer als eines Volkes von Viehzüchtern par excellence nett und geruchvoll mit Kuhdung beworfen werden, so niedrig, daß auch ein normal gewachsener Mensch in ihnen nicht stehen kann. Solches tun auch meine Wanyamwesi in ihren leichten Strohbauten nicht; dafür liegen und lungern sie den ganzen Tag faul auf ihren Strohschütten herum.

Um so fleißiger bin ich. Der Tropentag ist kurz, er mißt jahraus jahrein nur 12 Stunden; deshalb heißt es, ihn ausnutzen. Um Sonnenaufgang, also 6 Uhr, ist schon alles auf den Beinen; rasch ist das Frühstück erledigt; dann gehts ans Tagewerk. Es beginnt kurios genug. Wohl jeder Führer einer Afrika-Expedition hat die Erfahrung gemacht, daß die Landeskinder in ihm einen der Heilkunst kundigen Helfer sehen; in langer Reihe stehen denn auch bei mir allmorgendlich die Patienten da. Zu einem Teil gehören sie der Schar meiner eigenen Leute an, zum anderen sind es Einwohner aus der näheren und weiteren Umgebung von Massassi. Einem meiner Träger ist es schlimm ergangen. Die beliebteste Form der Trägerlast ist in Ostafrika die amerikanische Petroleumkiste. Das sind leichte, aber festgebaute Holzbehälter von etwa 60 cm Länge und 40 cm Höhe bei 30 cm Breite. Ursprünglich haben sie zwei sogenannte Tins mit amerikanischem Petroleum enthalten, sehr stattliche Blechgefäße von quadratischem Querschnitt, die jenen Kisten längst entfremdet sind, um im Haushalt der Suaheli ein hochgeachtetes Dasein als Gebrauchsgefäße für alles zu spielen. In der Tat steht die Küstenkultur offenkundig unter dem Zeichen dieses Blechgefäßes; Tins überall, in der Markthalle, auf den Straßen, vor den Hütten und in den Hütten; selbst das Klosett für die Farbigen auf unserem Dampfer „Rufidyi“ enthielt als wesentlichsten Bestandteil lediglich einen solchen Tin.

Am traulichen Herd. Hütteninneres in der Rovuma-Ebene.


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