Nur eine meiner Kisten war noch ihrer ersten Bestimmung treu geblieben; in ihrem Bauche wanderten zwei bis an den Rand mit Petroleum gefüllte Blechgefäße auf der Schulter des Mnyamwesi Kasi Uleia (zu deutsch etwa „er nimmt Arbeit beim Europäer“) von der Küste ins Innere. Rüstig schreitet der Wackere vorwärts. „Es ist warm,“ denkt er, „ich fange an zu schwitzen. Na, das schadet weiter nichts, das tun die andern auch.“ — „Ach, es ist doch wirklich sehr warm,“ sagt er nach einiger Zeit halblaut vor sich hin, „selbst mein mafuta ya uleia, mein Petroleum, fängt an zu riechen.“ Es riecht auch immer weiter; der Träger wird naß und nässer. Schließlich ist der Tagemarsch zu Ende, und Kasi Uleia setzt seine duftige Last mit einem doppelten Gefühl der Erleichterung zur Erde. Leicht ist ihm einmal durch die Erlösung von dem sogar für eine Negernase starken Geruch; sodann ist auch seine Last selbst im Laufe des mehr als sechsstündigen Marsches seltsamerweise immer leichter geworden. Endlich dämmert dem guten Schwarzen und seinen Freunden die Wahrheit auf; es ist nur gut, daß sie keine Streichhölzer besitzen; wäre eins von ihnen in Kasi Uleias Nähe entzündet worden, der ganze Kerl wäre in Flammen aufgegangen, so durchtränkt war der Ärmste mit dem Leuchtmaterial des Herrn Rockefeller.
Entweder muß man es als Beweis höchster Disziplin oder höchsten Stumpfsinns betrachten, Tatsache ist, daß dieser Träger sich nicht etwa gleich am ersten Tage, wo er und seine Freunde die Undichtigkeit eines der beiden Blechgefäße entdeckt hatten, bei mir meldete, sondern daß er in aller Seelenruhe seine fröhlich weiterrinnende Petroleumquelle am nächsten Frühmorgen von neuem aufgenommen und ohne Murren bis zum Halteplatz weiter getragen hat. Auch jetzt hat er wieder förmlich in Petroleum geschwommen; dies hätte Kasi Uleia in seiner Gemütsruhe auch jetzt nicht gestört, hätten sich nicht bereits die ersten Anzeichen eines Ekzems bemerkbar gemacht, das ihn doch etwas beunruhigte. So kam er denn endlich an und sagte, was eben jeder Neger sagt, wenn ihm etwas fehlt und er vom alles vermögenden Weißen Hilfe erheischt: „Daua, bwana, Medizin, Herr“, und wies mit bezeichnender, aber keineswegs entrüsteter Gebärde auf seinen körperlichen Zustand hin. Zu allererst hielt ich hier eine tüchtige Seifenkur für angebracht, einmal des Petroleums wegen, sodann auch, um den Schmutzüberzug, der sich während des siebentägigen Marsches auf dem Körper des sonst außerordentlich reinlichen Trägers abgelagert hatte, zu entfernen. Später habe ich den Mann mit Lanolin behandelt, von dem ich zum Glück eine ungeheuer große Büchse mitgenommen habe. Jetzt ist der Patient allmählich wieder von seinem Leiden befreit.
Auch die Gelegenheit, von den verheerenden Wirkungen des Sandflohes einen schwachen Begriff zu bekommen, habe ich bereits hier in Massassi gehabt. Einer der Askariboys, ein baumlanger Maaraba aus dem Hinterlande von Ssudi, tritt allmorgendlich an, um für seine stark angefressene große Zehe die übliche Daua zu empfangen. Ich bin in der höchst merkwürdigen Lage, einstweilen nicht einmal Sublimat und Jodoform in meiner Apotheke zu besitzen, sondern lediglich über Borsäure in Tabletten zu verfügen. Es muß auch mit dieser gehen, und geht auch, nur müssen sich meine Patienten wohl oder übel an eine etwas hohe Temperatur meines schwachen Desinfektionsmittels gewöhnen. Bei solchen gleichgültigen Patronen wie diesem Maaraba, der den Verlust seines Zehennagels — dieser ist gänzlich verschwunden; an seiner Stelle breitet sich eine große, völlig vereiterte Wunde aus — lediglich seiner negroiden Gleichgültigkeit zuzuschreiben hat, ist übrigens das heiße Wasser gleichzeitig ein sehr verdientes Strafmittel. Der Bursche brüllt jedesmal, als wenn er am Spieße stäke, und schwört, er wolle von nun an aber ganz genau auf den funsa, den Sandfloh, Obacht geben. Zur Verfestigung seiner löblichen Vorsätze bekommt er dann von seinem Herrn und Gebieter, den das kindische Gebaren des Riesen weidlich ärgert, ein paar derbe, aber gutgemeinte Püffe.
Über den Gesundheitszustand der hiesigen Eingeborenen will ich mich einstweilen lieber noch nicht auslassen; das wenige, was ich in der kurzen Zeit hier in meiner Morgensprechstunde an hygienischer Vernachlässigung und hygienischem Unvermögen gesehen habe, läßt in mir den Entschluß reifen, erst noch andere Bezirke in dieser Richtung zu studieren, bevor ich mir ein Urteil bilde und es auch ausspreche. Nur soviel sei bereits hier gesagt: so glänzend wie wir es uns daheim in unserem überfeinerten Kulturleben gemeiniglich vorstellen, ist die Widerstandsfähigkeit des Negers gegen die Angriffe seines heimtückischen Erdteils durchaus nicht, und vor allem scheint eine Kindersterblichkeit zu herrschen, von deren Höhe wir uns gar keine Vorstellung machen können. Ach, ihr Ärmsten! muß man angesichts dieses Elends ausrufen.
Nach der Sprechstunde hebt das eigentliche Tagewerk an; dann ziehe ich als Diogenes durchs Land. Die ersten Tage bin ich nur mit einer Schachtel „Schweden“ bewaffnet in die Hütten der Eingeborenen gekrochen. Das war recht romantisch, doch nicht zweckentsprechend. Ich habe mir nie einen Begriff von der ägyptischen Finsternis des Alten Testaments machen können; jetzt weiß ich, daß die Benennung eines besonders hohen Ausmaßes von Lichtmangel nach dem Lande der Pharaonen nur ein pars pro toto ist; sie ist dem ganzen Erdteil eigen und ist hier in der Tiefebene im Westen des Makondeplateaus in allererster Qualität zu haben. Die Negerhütten sind nämlich ganz fensterlos. Das mag uns rückständig erscheinen, ist jedoch der Ausfluß einer langen, langen Erfahrung. Der Schwarze will sein Haus kühl haben; das kann er nur erzielen durch den Abschluß jeder Außentemperatur. Deswegen öffnet er auch so ungern Vorder- und Hintertür seines Heims, und aus dem gleichen Grunde reicht das schwere Strohdach weit über die Hauswand hinaus nach außen und unten.
Meine Stallaterne, vom Knaben Moritz morgens oder nachmittags brennend durchs Land getragen, macht den Eingeborenen viel Spaß; es ist ja auch etwas Absonderliches, gegen den Glast der strahlenden Tropensonne mit einem solch kümmerlichen Beleuchtungsapparat ankämpfen zu wollen. Um so mehr am Platz ist sie nachher im Dunkel des Hauses. Höflich habe ich oder Herr Knudsen den Besitzer gefragt, ob er gestattet, sein Haus zu besichtigen; ebenso höflich ist die Genehmigung erfolgt. Das ist dann ein lustiges Suchen in den Zimmern und Verschlägen, aus denen sich zu meiner Überraschung das Heim der hiesigen Schwarzen zusammensetzt. Die Räume sind nicht elegant, diesen Begriff kennt der Neger einstweilen noch nicht, aber sie geben ein unverfälschtes Zeugnis von der Lebensführung ihrer Insassen. In der Mitte des Hauses, zwischen den beiden Haustüren, die Küche mit dem Herde und den zum Haushalt zunächst nötigen Gerätschaften und Vorräten. Der Herd der Inbegriff der Einfachheit: drei kopfgroße Steine oder wohl gar nur Kugeln von Termitenerde, im Winkel von je 120 Grad zueinander gelagert. Darauf über schwelendem Feuer der große irdene Topf mit dem unvermeidlichen Ugali; andere Töpfe ringsum; dazwischen Schöpflöffel, Rührlöffel, Quirle. Über dem Herde, aber noch im Vollbereich seines Rauches, ein Gerüst von vier oder sechs gegabelten Stangen. Auf seinen Latten liegen Hirseähren in dichter, gleichmäßiger Lagerung; unter ihnen hängen, wie auf der Räucherkammer unserer deutschen Bauern die Schlack-, Blut- und Leberwürste, zahlreiche Maiskolben von außergewöhnlicher Größe und Schönheit, die jetzt bereits von einer glänzend schwarzen Rauchkruste überzogen sind. Wenn diese nicht vor Insektenfraß schützt, etwas anderes tut’s sicher nicht. Das ist denn auch der Endzweck dieses ganzen Verfahrens. Bei uns zulande, im gemäßigten Europa, mag es eine Wissenschaft sein, das Saatkorn keimfähig bis zur nächsten Saatperiode zu erhalten; hier im tropischen Afrika mit seiner alles durchdringenden Luftfeuchtigkeit, seinem alles zerstörenden Reichtum an Schädlingen, endlich seinem Mangel an geeignetem, dauerhaftem Baumaterial, ist dieses Hinüberretten der Aussaat eine Kunst. Es wird nicht meine undankbarste Aufgabe sein, diese Kunst in ihren Einzelheiten gründlich zu studieren.
Auch über die Wirtschaft meiner Neger, ihren Kampf mit der widerstrebenden Natur Afrikas und ihre Fürsorge für den morgenden Tag will ich mich erst später, nachdem ich mehr von Land und Leuten gesehen habe als bis jetzt, auslassen. In der völkerkundlichen und auch der nationalökonomischen Literatur gibt es eine lange Reihe von Werken, die sich mit der Klassifikation der Menschheit nach ihren Wirtschaftsformen und Wirtschaftsstufen befassen. Selbstverständlich nehmen wir die alleroberste Stufe ein; wir haben ja die Vollkultur auf allen Gebieten gepachtet; darin sind alle Autoren einig. In der Unterbringung der übrigen Menschenrassen und Völker gehen sie dafür um so weiter auseinander; es wimmelt von Halbkulturvölkern, seßhaften und nomadischen, von Jäger-, Hirten- und Fischervölkern, von unsteten und Sammlervölkern; die eine Gruppe übt ihre Wirtschaftskünste auf Grund traditioneller Überlieferung aus, eine andere kraft des angeborenen Instinkts; schließlich erscheint sogar eine tierische Wirtschaftsstufe auf der Bühne. Wirft man alle diese Einteilungen in einen gemeinsamen Topf, so entsteht ein Gericht mit vielen Zutaten, aber von geringem Wohlgeschmack. Sein Grundbestandteil läuft im großen und ganzen darauf hinaus, gerade die Naturvölker weit zu unterschätzen. Wenn man jene Bücher liest, so hat man das Gefühl, daß zum Beispiel der Neger direkt von der Hand in den Mund lebe und daß er in seinem göttlichen Leichtsinn nicht einmal für den heutigen Tag sorge, geschweige denn für den anderen Morgen.
In Wirklichkeit ist es ganz anders, anderswo wie auch hier. Und gerade hier. Für unsere intensive norddeutsche Landwirtschaft charakteristisch sind die regellos über die Feldmarken verteilten Feldscheunen und die neuerdings stets gehäuft erscheinenden Diemen oder Mieten; beide haben seit dem Aufkommen der freibeweglichen Dreschmaschine die alte Hofscheune stark entlastet, ja beinahe überflüssig gemacht. Das Wirtschaftsbild meiner hiesigen Neger unterscheidet sich von jenem deutschen nur dem Grade nach, nicht im Prinzip; auch hier Scheunen en miniature regellos über die Schamben, die Felder, verteilt, und andere Vorratsbehälter in meist erstaunlicher Anzahl und Größe neben und im Gehöft. Und leuchtet man das Innere des Hauses selbst ab: auch dort in allen Räumen große, mittels Lehm dicht und hermetisch geschlossene Tongefäße für Erdnüsse, Erbsen, Bohnen und dergleichen, und sauber gearbeitete, meterhohe Zylinder aus Baumrinde, ebenfalls lehmüberzogen und gut gedichtet, für Maiskolben, Hirseähren und andere Getreidesorten. Alle diese Vorratsbehälter, die draußen im Freien stehenden wie die im Hause selbst untergebrachten, stehen zum Schutz gegen Insektenfraß, Nagetiere und Nässe auf Pfahlrosten, Plattformen von 40 bis 60 Zentimeter Höhe, die aus Holz und Bambus gefertigt und mit Lehm bestrichen sind. Das Ganze ruht auf gegabelten, kräftigen Pfählen.
Die freistehenden Vorratsbehälter sind oft von sehr erheblichen Dimensionen. Sie gleichen mit ihrem weitausladenden Strohdach riesigen Pilzen, sind entweder aus Bambus oder aus Stroh hergestellt und innen und außen stets mit Erde ausgestrichen. Einige besitzen in der Peripherie eine Tür, ganz in der Art unserer Kanonenöfen; bei anderen fehlt dieser Zugang. Will der Herr von ihrem Inhalt entnehmen, so muß er zu dem Zweck das Dach lupfen. Dazu dient ihm eine Leiter primitivster Konstruktion. Ich habe manch eine von ihnen skizziert, doch hat mir jede ein stilles Lächeln entlockt: ein paar ästige, krumm und schief gewachsene Stangen als Längsbäume; in meterweitem Abstand darangebunden ein paar Bambusriegel — das ist das Beförderungsmittel des Negers zu seinem Wirtschaftsfundament. Trotz seiner Ursprünglichkeit ist es indessen doch der Beweis einer gewissen technischen Erfindungsgabe.
Ein uns Europäer sehr anheimelnder Zug in der Wirtschaft der hiesigen Neger ist die Taubenzucht; kaum ein Gehöft betritt der Besucher, ohne auf einen oder mehrere Taubenschläge zu stoßen. Sie sind anders als in Uleia, doch auch sie sind durchaus praktisch. Im einfachsten Falle nisten die Tiere in einer einzelnen Röhre aus Baumrinde. Diese ist der Rindenmantel eines mittelstarken Baumes, den man ablöst, an den Enden mit Stäben oder platten Steinen verkeilt und anderthalb bis zwei Meter über dem Boden anbringt, nachdem man in der Mitte der Peripherie erst noch das Flugloch ausgespart hat. Meist ruht die Röhre auf Pfählen, seltener hängt sie, einem schwebenden Reck gleich, an einem besonderen Gestell. Diese Anlage ist dann besonders günstig, denn das Raubzeug findet keinen Zugang. Und mehrt sich dann der Bestand der Tierchen, so schichtet der Hausherr Röhre auf Röhre, daß eine förmliche Wand entsteht. Neigt sich die Sonne, so tritt er oder seine Hausgenossin heran an die luftige Behausung; ein freundliches Gurren begrüßt den Nahenden aus dem Innern der Zylinder; behutsam hebt der Züchter einen bearbeiteten Klotz vom Boden auf; sacht verschließt er mit ihm das Flugloch des untersten Rohres; der zweite folgt, dann der dritte und so fort. Beruhigt verläßt der Mensch den Ort; so sind die Tierchen vor allem Raubzeug gesichert.