Seit einigen Tagen weiß ich auch, warum bei meinen Rundtouren so wenig Männer sichtbar sind. Die Negersiedelungen hierzulande verdienen kaum den Namen Dörfer; dazu sind sie zu weitläufig gebaut; von einem Hause aus sieht man nur ganz vereinzelt das nächste herüberwinken, so weit liegt es abseits. Gehindert wird der Ausblick zudem durch die zwar sehr sperrigen, aber doch saftig grünen und darum sehr undurchsichtigen Mhogofelder, die jetzt, nach der Einerntung von Hirse und Mais, neben den mit Basi bestellten Schamben allein noch die Fluren bedecken. So kann es vorkommen, daß man, um kein Haus zu übergehen, sich lediglich der Führung der ausgetretenen Feldpfade anvertrauen muß, oder aber, daß man den Geräuschen und Lauten nachgeht, die von jeder menschlichen Siedelung unzertrennlich sind. Und wie bedeutend sind diese Geräusche und Laute, denen ich hier in Massassi so ziemlich alle Tage habe nachgehen können! Wie eine lustige Frühschoppengesellschaft hört es sich an, wenn ich mit Nils Knudsen durch das Gelände streiche. Lauter und lauter werdende Stimmen, die ohne Beobachtung parlamentarischer Umgangsformen regellos durcheinanderlärmen. Mit einemmal wendet sich der Pfad, unversehens stehen wir in einem stattlichen Gehöft, und da haben wir auch die Bescherung! Es ist wirklich und wahrhaftig ein Frühschoppen, und ein recht kräftiger dazu, der Stimmung aller Teilnehmer nach zu urteilen und nach Anzahl und Ausmaß der bereits ganz oder halb geleerten Pombetöpfe. Wie bei einem Steinwurf in einen Poggenpfuhl, so verstummt bei unserem Erscheinen das Getöse. Erst auf unser: „Pombe msuri?, ist der Stoff gut?“ schallt ein begeistertes „Msuri kabissa, bwana! Ausgezeichnet, Herr!“ aus rauhen Kehlen zurück.

Taubenschlag und Speicher (s. S. 118).

O diese Pombe! Wie gut wir es im alten Bierlande Deutschland haben, begreifen wir erst, wenn wir ihm einmal schnöde den Rücken kehren. Schon in Mtua, unserem zweiten Lagerplatz nach Lindi, war uns drei Weißen ein gewaltiger Tonkrug mit dem Nationalbräu des östlichen Afrika als Ehrengabe kredenzt worden. Bei mir hatte die schmutzig graugelbe Flüssigkeit damals keine Gegenliebe gefunden; um so größere bei unseren Leuten, die mit den 25 oder 30 Litern im Nu fertig gewesen waren. Auch hier in Massassi hat die Gattin des Wanyassagroßen Massekera-Matola, eine nasenpflockbehaftete, außerordentlich nette Frau von mittleren Jahren, es sich nicht nehmen lassen, Knudsen und mir gleich an einem der ersten Abende ebenfalls den Ehrentrunk in Gestalt eines solchen Riesentopfes zu übersenden. Die Ehrengabe ausschlagen oder sie vergeuden ging doch nicht, wie wir uns sagen mußten; also deshalb mit Todesverachtung heran an das Gebräu. Ich bin der glückliche Besitzer zweier Wassergläser; eins von ihnen senke ich energisch in die trübe Flut. Es zeigt sich gefüllt mit einem Naß, das der Farbe nach unserem Lichtenhainer gleicht, der Konsistenz nach aber eine Million mal dicker ist. Eine kompakte Masse von Hirseschrot und Hirsemalz füllt das Gefäß bis fast obenhin; nur einen Finger breit hoch lagert darüber ein wirkliches Lichtenhainer. „Ä, das geht doch nicht“, knurre ich. „Kibwana, ein Taschentuch,“ rufe ich meinem „Stubenmädchen“ zu, „aber ein reines.“ Das gute, dumme Tier aus Pangani kommt nach endlosem Suchen mit dem Wahrzeichen unseres katarrhalischen Zeitalters heran; ich forme einen Filter aus dem feinen, weißen Stoff und lasse die Pombe hineinschütten. Ja, was ist denn das? Kein Tropfen rinnt in das untergestellte Gesäß. Ich rüttele und schüttele; es nützt alles nichts. „Nun,“ sage ich, „der Stoff wird zu dicht sein; Lete sanda, Kibwana, bring etwas von dem Leichentuch.“ Wie? Leichentuch? Verroht denn dieser dunkle Erdteil selbst deutsche Professoren so fürchterlich, daß sie sogar Leichentücher zu ihrem Wirtschaftsbetriebe heranziehen? Gemach, meine Gnädigste! Freilich, ein Leichentuch ist dieses Sanda oder Bafta, daran läßt sich nicht drehen noch deuteln; aber erstens hat dieser Stoff den Vorzug, noch nicht gebraucht zu sein, und zweitens möge es das Schicksal verhüten, daß er jemals seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden wird. Wer ins Innere von Afrika geht, der rechnet wohlweislich mit den Tücken dieses Landes und auch mit den Sitten seiner Bewohner, indem er sich mit einem Ballen eines stark appretierten weißen, leichten Stoffes versieht, wie ihn die Neger bei ihren Begräbnissen gebrauchen. Sie lieben es nicht, auch im Tode mit der bloßen Mutter Erde in Berührung zu kommen, sondern lassen ihre Leiber in ein Stück solcher Sanda einnähen. Und je reiner und weißer der Stoff ist, um so sicherer ist dem Verblichenen das Paradies.

Warum sollte ich also Sanda nicht als Filter benutzen, wohlgemerkt erst, nachdem durch Herauswaschen der Appretur nur ein weitmaschiges Netz feiner Fäden zurückgeblieben war! Doch auch das nützte nichts; ein paar spärliche Tropfen rannen an dem Beutel herab, das war alles. Ich habe dann mein Teesieb versucht und mein Kaffeesieb; auch sie waren einem solchen Aggregatzustande nicht gewachsen. „Prosit, Herr Knudsen!“ rief ich deshalb, das letzte Sieb dem in der Türe stehenden Koch in hohem Bogen in die geschickt auffangende Hand werfend. Es ist auch so gegangen; und nicht einmal schlecht schmeckt das Zeug, ein wenig nach Mehl zwar, aber sonst doch mit einem merkbaren Anklang an unseren Studententrank aus dem Bierdorfe von Jena. Ich glaube sogar, ich könnte mich an ihn gewöhnen.

Diese Angewöhnung scheint bei den Männern von Massassi leider zu sehr erfolgt zu sein. Gewiß, ich gönne den würdigen Hausvätern nach der schweren Arbeit der Ernte ihren Bürgertrunk von Herzen, nur will es mir nicht so recht behagen, daß meine Studien unter dieser ewigen Fröhlichkeit leiden sollen. Eine größere Anzahl von Erwachsenen ist überhaupt nicht zusammenzutrommeln, um sich von mir auf ihr Volkstum, ihre Sitten und Gebräuche auspressen zu lassen; die wenigen aber, die es mit ihrer Zeit und ihren Neigungen vereinbaren können, sich für kurze Zeit von ihrem ambulanten Kneipleben zu trennen, sind sehr wenig geneigt, es mit der Wahrheit genau zu nehmen. Selbst als ich neulich eine Schar dieser wackeren Zecher herbestellt hatte, um mir ihre Flechttechnik anzusehen, hatte das seine Schwierigkeiten; die Männer flochten mir zwar was vor, aber zu langen Auseinandersetzungen über die einheimischen Namen der Materialien und des Geräts waren sie unmöglich zu gebrauchen; ihr Morgentrunk war zu ausgiebig gewesen.

Die Sitte afrikanischer Völker, nach reichlicher Ernte einen Teil der Körnerfrüchte in Bier umzuwandeln und in dieser Form rasch und in großen Massen zu vertilgen, ist bekannt; sie vor allen Dingen hat wohl zur Stärkung jener Ansicht beigetragen, nach der der Schwarze im Besitz des Überflusses alles vertut und verpraßt, um nachher zu darben und zu hungern. Ein Fünkchen oder vielleicht gar ein ziemlich großer Funken göttlichen Leichtsinns läßt sich unserem schwarzen Freunde allerdings nicht absprechen, aber man darf ihn doch noch nicht auf ein einziges Indizium hin verurteilen. Ich habe vorhin schon betont, wie ungemein schwierig es für den schwarzen Ackerbauer ist, sein Saatgut zu überwintern. Noch viel schwieriger würde es für ihn sein, die ungleich größere Menge der zum Lebensunterhalt der Familie bestimmten Erntevorräte über einen großen Teil des Jahres hin genießbar aufzubewahren. Daß er es versucht, bezeugen die zahlreichen Vorratsbehälter bei jedem größeren Gehöft; daß es ihm nicht immer gelingt und daß er daher vorzieht, diesen dem Verderben ausgesetzten Teil seiner Ernte in einer Weise anzulegen, die das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet, indem er ihn in der Form seines ganz annehmbaren Bieres vertilgt, beweisen dagegen die bei aller Fröhlichkeit doch harmlosen Früh- und Abendsitzungen. Sie weichen übrigens von unserem europäischen Schankbetrieb insofern ab, als sie reihum gehen; es kommt jeder als Wirt an die Reihe, und jeder ist auch Gast; im ganzen eine herrliche Einrichtung.

Marschbereit vor Massassi.

Der gelinde chronische Alkoholdusel der Männerwelt ist es nicht allein, was mir Schwierigkeiten bereitet. Zunächst die Not mit dem Photographieren. Im fernen Europa ist man froh, wenn die liebe Sonne dem Amateur das Handwerk erleichtert; und meint sie es ein wenig zu gut, nun, so hat man hohe, dichtbelaubte Bäume, grünendes Buschwerk, hochragende schattige Häuser. Nichts von alledem in Afrika. Zwar hat man Bäume, aber sie sind weder hoch, noch schattig; Büsche, aber sie sind nicht grün; Häuser, aber sie sind im besten Fall höchstens von doppelter Mannshöhe, und dann auch nur in der Firstlinie. Dazu der unheimlich hohe Sonnenstand schon von 9 Uhr morgens an und bis über 3 Uhr nachmittags hinaus, und eine Lichtstärke, von der man sich am besten dann einen Begriff machen kann, wenn man einmal versucht, die Hautfarben der Neger an der Hand der Luschanschen Farbentafel festzustellen. Nichts als Licht und Glast hier, nichts als schwarzer, tiefer Schatten dort. Und dabei soll man weiche, stimmungsvolle Bilder machen! Herr, lehre mich diese Kunst, und ich will dir danken ewiglich.