Rattenfalle.
Auch das Thema Dunkelkammer ist wenig erbaulich. Die deutsche Regierung ist fürsorglich; sie baut, um Hungersnöten unter den Eingeborenen vorzubeugen, wohl mehr aber noch, um in einem etwaigen neuen Aufstande von der Landesbevölkerung unabhängig zu sein, in der Boma von Massassi augenblicklich ein stolzes Haus. Es ist der einzige Steinbau im ganzen Lande und bis zur Küste hin, nur einstöckig zwar, aber mit starken, nur von engen, schießschartenartigen Löchern durchbrochenen Mauern und festem, flachem Lehmdach. In diesem Architekturwunder lagern schon jetzt ungezählte Säcke mit Hirse neuer Ernte und Berge roher Baumwolle. Ich habe mir beides zunutze gemacht: mit der Baumwolle habe ich die Luftlöcher verstopft, auf den Säcken aber sitze ich; auf ihnen ruht gleichzeitig mein Dunkelkammer-Arbeitstisch. Dieser war bis jetzt der wesentliche Bestandteil einer Baumwollpresse, die draußen auf dem Hofe einsam über ein verfehltes Dasein dahintrauert. Den Türverschluß endlich habe ich durch eine Kombination dicker, von meinen Trägern gefertigter Strohwände und einiger meiner Schlafdecken hergestellt. Dergestalt kann ich zur Not sogar am Tage entwickeln, nur herrscht schon jetzt, nach so kurzer Tätigkeit, eine erstickende Atmosphäre in dem auch sonst wenig anheimelnden Raum. Gerne entrinne ich ihm daher, um mich neuen Taten zuzuwenden.
Diese sind denn auch wirklich von viel ansprechenderer Natur. Bei einem meiner ersten Bummel bin ich inmitten einer Schambe auf ein zierliches Etwas gestoßen, das mir als Tego ya ngunda, als Taubenfalle bezeichnet wird; ein System von Stäbchen, Bügeln und feinen Schnüren, von denen einer mit einem kräftigen, starkgekrümmten Bügel verbunden ist. Mich interessiert von Jugend auf alles Technische, um wieviel mehr hier, wo wir in frühere Entwicklungsphasen des menschlichen Intellekts tiefe Einblicke zu tun die beste Gelegenheit haben. Also daheim Appell aller meiner Leute und möglichst zahlreicher Eingeborener, und Ansprache an alles versammelte Volk des Inhalts, daß der Msungu ein großes Gewicht darauf legt, alle Arten von Fallen für alle Arten von Tieren zu sehen und zu besitzen. Versprechen recht annehmbarer Preise bei Lieferung authentischer, guter Stücke und zum Schluß die höfliche, aber bestimmte Aufforderung: „Nendeni na tengeneseni sasa, nun geht los und baut eure Dinger zusammen.“
Wie sind sie geeilt an jenem Tage, und wie eifrig sind alle meine Mannen seitdem Tag für Tag an der Arbeit! Ich habe meine Träger bisher für lauter Wanyamwesi gehalten; jetzt ersehe ich an der Hand der Kommentare, die mir jeder einzelne zu seinem Kunstwerk geben muß, daß sich unter meinen 30 Mann eine ganze Reihe von Völkerschaften verbirgt. Zwar das Gros sind Wanyamwesi, doch daneben gibt es Wassukuma und Manyema und sogar einen echten Mgoni von Runssewe, also einen Vertreter jenes tapfern Kaffernvolkes, das vor einigen Jahrzehnten vom fernen Südafrika bis ins heutige Deutsch-Ostafrika vorgedrungen ist und dabei eine seiner Gruppen, eben diese Runssewe-Wangoni, bis weit oben an die Südwestecke des Viktoria-Nyansa vorgeschickt hat. Und nun meine Askari erst! Es sind zwar nur 13 Mann, aber sie gehören nicht weniger als einem Dutzend verschiedener Völkerschaften an, vom fernen Darfor im ägyptischen Sudan bis zu den Yao in Portugiesisch-Ostafrika. Und alle diese Getreuen zermartern ihr Gehirn und üben in Busch und Feld von neuem die Künste ihres Knaben- und Jünglingsalters, und dann kommen sie heran und errichten auf dem weiten, sonnigen Platz neben meinem Palais die Früchte ihrer schweren Geistesarbeit.
Antilopenfalle.
Der typische Ackerbauer steht in der Literatur als Jäger und Fallensteller nicht hoch im Kurse; sein bißchen Geist soll durch die Sorge um sein Feld völlig absorbiert werden; nur Völker vom Schlage des Buschmanns, des Pygmäen und des Australiers hält unsere Schulweisheit für fähig, das flüchtige Wild in Wald und Steppe mit Geschick zu erlegen und mit List und Geistesschärfe in schlau ersonnener Falle zur Strecke zu bringen. Und doch, wie weit schießt auch diese Lehrmeinung am Ziel vorbei! Freilich, unter den Völkern meines Gebietes gelten die Makua sogar als gute Jäger; dabei sind sie in der Hauptsache genau wie die anderen Völker typische Hackbauern, d. h. Leute, die ihre mühselig urbar gemachten Felder Jahr für Jahr unverdrossen mit der Hacke beackern. Sind ihre Tierfallen nicht trotz alledem Beweise eines geradezu bewunderungswürdigen Scharfsinns? Ich gebe einige meiner Skizzen als Belege bei; die Konstruktion der Fallen und die Art ihrer Wirksamkeit ergibt sich aus der Zeichnung von selbst. Wer aber der Kunst technischen Sehens gänzlich ermangeln sollte, für den füge ich bei, daß alle diese Mordinstrumente auf folgendes Prinzip hinauslaufen: entweder die Falle ist für einen Vierfüßer bestimmt; dann ist sie so eingerichtet, daß das Tier beim Vorwärtsschreiten oder -laufen mit der Nase gegen ein feines Netz oder mit dem Fuß gegen eine feine Schnur stößt. Netz und Schnur werden dadurch vorwärts gedrückt; jenes gleitet mit seinem oberen Rande nach unten, das Ende der Schnur hingegen bewegt sich etwas seitwärts. In beiden Fällen wird durch diese Gleitbewegung das Ende eines kleinen Hebels frei, eines Holzstäbchens, das in einer in der Zeichnung klar ersichtlichen Weise die Falle bisher gespannt erhalten hat. Es schlägt jetzt blitzschnell um sein Widerlager herum, bewegt von der Spannkraft eines Baumes oder eines sonstwie angebrachten Bügels. Dieser schnellt nach oben und zieht dabei eine geschickt angebrachte Schlinge zu; das Tier ist gefangen und stirbt eines qualvollen Erstickungstodes. Ratten und ähnlich lieblichem Getier geht der schwarze Fallensteller zwar nach ähnlichen Prinzipien, doch noch grausamer zu Leibe, und leider stellt er auch den Vögeln mit gleicher Gerissenheit nach. Vielleicht finde ich später noch einmal Gelegenheit, auf diese Seite des hiesigen Völkerlebens zurückzukommen; verdient hat sie es, denn auf kaum einem anderen Gebiet zeigt sich die Erfindungsgabe auch des primitiven Geistes so schön und deutlich ausgeprägt wie in dieser Art des Kampfes ums Dasein.
Psychologisch interessant ist das Verhalten der Eingeborenen gegenüber meiner eigenen Tätigkeit bei der Lösung dieses Teils meiner Forschungsaufgabe. Wenn wir beiden Europäer unser karges Mittagsmahl verzehrt haben, Nils Knudsen sich zum wohlverdienten Schlummer niedergelegt hat und das Geschnarch meiner Krieger zwar rhythmisch, aber nicht harmonisch aus der Barasa herübertönt, dann sitze ich im sengenden Sonnenbrand, dem schattenlosen Schlemihl gleich, und nur kümmerlich geschützt durch den größeren meiner beiden Tropenhelme draußen auf dem Aufstellungsplatz meiner Tierfallen und zeichne. Bis in mein 30. Lebensjahr habe ich zum Spott für alle meine in dieser Hinsicht recht begabten Verwandten als talentlos gegolten; da „entdeckte“ ich mich als königlich preußischer Hilfsarbeiter im Berliner Museum für Völkerkunde eines schönen Tags selbst, und wenn einer meiner Freunde mich dereinst einer Biographie für würdig erachten sollte, so mag er nur ruhig betonen, daß mir in meiner wissenschaftlichen Entwicklungszeit meine bescheidenen zeichnerischen Leistungen eigentlich mehr Freude und Genugtuung bereitet haben als die schriftstellerischen. Für den ethnographischen Forschungsreisenden ist die Fähigkeit, von welchem Forschungsobjekt es auch immer sei, eine genaue Skizze rasch und mit wenigen Strichen entwerfen zu können, eine Zugabe, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Die Photographie ist gewiß eine wunderbare Erfindung, im Kleinkram der täglichen Forschungsarbeit versagt sie indessen häufiger als man glaubt, und nicht nur im Dunkel der Negerhütte, sondern auch bei tausend anderen Sachen in heller Luft.