Bei uns im alten Uleia haben Fürstensöhne im allgemeinen nicht viel Muße; sie müssen viel oder zum mindesten doch vielerlei erlernen und sind deshalb in ihrer Jugend stark angespannt. O wie anders und um wieviel besser hat es da mein edler Prinz Salim Matola! Kaum hatten wir uns hier in Massassi etwas menschlich eingerichtet, da erschien die junge Hoheit schon auf dem Plane; ein überschlanker, sehr langgewachsener Jüngling von 17 bis 18 Jahren; nach der Sitte des Landes sehr vornehm mit einer europäischen Weste bekleidet und sehr zutraulich. Salim ist seither kaum von mir gewichen; er kann alles, weiß alles, findet alles und schleppt erfreulicherweise auch alles herbei; er macht die besten Fallen, zeigt mir, mit welch teuflischer Gerissenheit seine Landsleute Leimruten stellen, spielt meisterhaft auf allen Instrumenten und bohrt mit einer Geschwindigkeit Feuer, daß man über die Kraft dieses schmächtigen Körpers billig erstaunt sein muß. Er ist mit einem Wort eine ethnographische Perle.
Nur eins scheint mein junger Freund nicht zu kennen: Arbeit. Sein Vater, der bereits erwähnte, stets feucht-fröhliche Massekera-Matola, ist im Besitz eines sehr stattlichen Gehöfts und sehr ausgedehnter Schamben. Ob der alte Herr selbst und in höchsteigener Person sich jemals merkbar auf diesem Grundbesitz betätigt, kann ich leider nicht beurteilen, da er augenblicklich durch seine biervertilgende Tätigkeit sehr stark in Anspruch genommen ist; aber daß die weiblichen Hausgenossen fleißig die Hände rühren, um auch den letzten Teil der Ernte noch einzubringen, habe ich bei jedem Besuche gesehen. Nur das Prinzlein scheint über jede plebejische Betätigung erhaben zu sein; seine Hände sehen nicht nach Schwielen aus, und seine Muskulatur läßt auch stark zu wünschen übrig. Mit frohem Mut und heiterm Sinn schlendert er durchs Dasein hin.
Yaohütte.
Meine Karawane auf dem Marsche. Nach Zeichnung von Pesa mbili (s. [S. 452]).
Achtes Kapitel.
Marsch nach Süden. Meine Karawane.
Chingulungulu, Anfang August 1906.
Das Suchen auf der Karte nach meinem jetzigen Standort wird schon schwieriger; ich selbst habe Massassi und seine Lage auf dem Kartenblatt bereits seit vielen Jahren gekannt, aber von der Existenz dieses Ortes mit dem wunderlichen Namen, in dem ich seit ein paar Tagen meine Zeltpflöcke eingeschlagen habe, habe ich erst gehört, nachdem ich in den Dunstkreis der Binnenstämme eingetreten war.
In einem gleicht sich der Orient überall. Aus der Ferne gesehen sind seine Städte Wunderwerke menschlicher Siedelungskunst, tritt man aber in sie ein, so offenbaren sie sich meist als Schmutzgruben in des Wortes verwegenster Bedeutung, und an die Stelle begeisterter Illusionen tritt das Grau der Ernüchterung. Was hat mir Nils Knudsen nicht alles von Chingulungulu vorgeschwärmt! Eine herrliche Barasa, das Prunkstück negroider Baukunst im ganzen Osten; köstlich klares Wasser in Hülle und Fülle; Fleisch aller Art nach Belieben; Früchte und Gemüse von idealer Beschaffenheit. Dazu eine Bevölkerung, die sich aus lauter vornehmen Gentlemen zusammensetze, schöne Frauen und stattliche Häuser, und zum Schluß die Gelegenheit, nach allen Weltgegenden der ganzen weiten Ebene die bequemsten Rundtouren machen zu können. Ich bin noch zu kurze Zeit hier, als daß ich die so begeistert gepriesenen Vorzüge in allen ihren Einzelheiten schon hätte nachprüfen können, aber das habe ich doch schon heraus: ganz so paradiesisch wie der allerdings etwas lokalpatriotisch angehauchte Nils mir die Residenz Matolas II. gepriesen hat, ist weder Ort noch Bevölkerung.