Yao-Gehöft in Chingulungulu.


GRÖSSERES BILD

Doch alles zu seiner Zeit; zwischen Massassi und Chingulungulu liegt nicht nur ein großer Streifen Afrika, sondern zwischen dem Ende der Schilderung meines dortigen Aufenthaltes und dem Anfang dieses Kapitels liegt auch ein zeitlich ziemlich großer Zwischenraum, groß wenigstens für einen Mann, auf den die neuen Eindrücke in solcher Fülle und mit solcher Wucht einstürmen wie auf mich.

Der Aufbruch von Massassi ist früher erfolgt, als er ursprünglich geplant war. Es waren eine ganze Reihe von Übelständen, die unsern Weitermarsch als notwendig erscheinen ließen. Zu meinem großen Mißvergnügen mußte ich bei meinen späteren Photographier-, Sammlungs- und Zeichenbummeln bemerken, daß an die Stelle der ursprünglichen Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, mit der die Einwohner uns das Betreten ihrer Grundstücke gestattet, und des Entgegenkommens, mit der sie in den Verkauf ihres Hausinventars gewilligt hatten, eine entschieden entgegengesetzte Stimmung getreten war; fast überall fanden wir verschlossene Türen und anscheinend völlig menschenleere Gehöfte. Auch diese Erscheinung gehört zum Kapitel der Rassenpsychologie; selbst wenn der Besuch eines Fremden ihm nur wirtschaftliche Vorteile bringt, will der Neger in seinen vier Pfählen nicht gestört sein.

Auch mit unserer Unterkunft in dem Rasthause erlebten wir auf die Dauer keine ungetrübte Freude. Knudsen, der in dieser Beziehung recht empfindlich war, behauptete, es sei feucht. Tatsächlich brauchte man nur ein klein wenig in den Boden zu graben, so kam das Grundwasser zutage; in ganz geringer Entfernung unterhalb des Hauses trat es als starker Quell an die Oberfläche hervor. Knudsen hatte bereits auf dem Marsche von der Küste aus vereinzelte Fieberanfälle gehabt; jetzt häuften sie sich derart, daß er kaum noch arbeitsfähig war. Rührend war dabei die Anhänglichkeit und Treue, mit der sein alter Diener Ali den kranken Herrn pflegte; er wich auch des Nachts nicht von seinem Bett. Ich selbst hatte bereits des öftern ein merkwürdiges Kribbeln auf meinem Haupte verspürt; jedesmal vorgenommene Untersuchungen hatten indessen über die Ursache keine Aufklärung erbracht. Eines schönen Tages nun eile ich, ein paar gewässerte Platten in der Hand, aus der Dunkelkammer zum Rasthaus hinüber. Da kribbelt es wieder äußerst intensiv in meinem spärlichen Gelock. „Moritz,“ rufe ich, „nimm mir mal den Hut ab und schau nach, was das ist.“ Moritz nimmt den Tropenhut her, besieht ihn außen, beschaut ihn innen, guckt hinter das Futter und wird dann aschfahl. „Wadudu wabaya“, bringt er mit sichtlichem Entsetzen heraus, „bösartige Insekten“. Jetzt interessiert der Fall mich doch etwas mehr; ich setze meine Platten ab und unterziehe Moritzens Fund ebenfalls einer genaueren Untersuchung. Es sind verschiedene kleine Tierchen, die sich hinter dem Futter meiner Kopfbedeckung tummeln; auch vereinzelte zeckenartige größere Lebewesen sind dabei. Nun ist es ein eigen Ding um die Beeinflussung des menschlichen Geistes durch bestimmte Vorstellungen. Über die Malaria und ihre Bekämpfung bin ich von Hause aus vollkommen beruhigt nach Afrika gegangen, ich schwöre auf Koch und fürchte nichts. Um so unangenehmer ist mir der Gedanke an Rückfallfieber. Was hat man mir in Daressalam nicht alles von dieser neuesten Entdeckung des großen Berliner Bakteriologen erzählt! Es werde durch ein kleines, unscheinbares, zeckenartiges Insekt hervorgerufen, das sich überall da, wo Eingeborene gewohnheitsmäßig lagern, in Erdlöchern einniste. Das Moskitonetz schütze zwar vor den ausgewachsenen Papassi, so heißen diese Zecken, nicht aber vor deren hoffnungsvollem Nachwuchs, der glatt und unbehindert selbst die feinsten Netzmaschen passiert. Und dann die Scheußlichkeit des Fiebers selbst; man sei zwar nicht schwer krank, doch auch niemals so recht gesund und arbeitsfähig, und nichts, weder Chinin noch irgend etwas anderes, nütze im mindesten gegen die Wiederkehr der alle paar Tage erfolgenden Anfälle. „Wadudu wabaya, und noch dazu von Zeckenform; das können doch nur Papassi sein“, fährt es mir blitzschnell durchs Gehirn. Auch ich bin sicher bleich geworden in diesem Augenblick, denn wenn so ein Rückfallfieber auch wohl nicht ans Leben geht, so bedeutet seine Erwerbung in diesem Augenblick nichts mehr und nichts weniger als das unrühmliche Ende meines kaum begonnenen Unternehmens. Gerade zu Arbeiten, wie ich sie tagaus tagein zu bewältigen habe, gehört eine absolute Gesundheit und eine vollkommen ungeschwächte Energie.

Noch ein drittes hygienisches Moment hat uns schließlich aus dem Orte vertrieben. Daß Massassi nichts weniger als der Hort aller Tugenden ist, hatte ich bereits früher bemerkt; unter den Soldaten des Polizeipostens war ein ziemlich großer Prozentsatz geschlechtskrank. Jetzt kam noch etwas für mich ganz Neues hinzu. Der Akide, ein früherer Schutztruppen-Unteroffizier, ist der glückliche Besitzer einer kleinen Rinderherde. Liebenswürdig wie der Neger nun einmal ist, übersendet mir der Beamte Tag für Tag ein kleines Töpfchen mit Milch, die ich mit aufrichtigen Dankgefühlen gegen den edlen Spender ebenso regelmäßig genieße. Da verbreitet sich, immer bestimmter auftretend, das Gerücht, der Akide habe den Aussatz. Damit war es natürlich um meinen Milchgenuß geschehen; der Beamte schickte sie zwar unentwegt weiter, und ich konnte sie ebenso selbstverständlich nicht zurückweisen; so kam sie mir gerade zum Fixieren meiner Bleistiftzeichnungen recht.

In ihrer Gesamtheit bedeuten alle die aufgezählten kleinen Übelstände nicht mehr als eine Summe von Nadelstichen; doch auch solche kleinen Eingriffe in das menschliche Wohlbefinden vermögen schließlich die Freude am Dasein merkbar herabzusetzen. In diesem Fall winkte uns überdies noch das Paradies Chingulungulu; was Wunder also, wenn zwischen dem ersten Auftauchen des Planes, nach Süden zu wandern, und seiner Ausführung nur ein paar kurze Tropentage liegen. Mit gewohnter affenartiger Fixigkeit verschnürten eines Abends meine Träger einen großen Haufen ethnographischer Lasten; ebenso rasch war an den kommandierenden Gefreiten Saleh und den Trägerführer Pesa mbili der Befehl ausgegeben: „Morgen früh 6 Uhr safari!“ Damit war unsererseits so ziemlich alles getan, was getan werden konnte.

Neben dem Yaohäuptling Matola von Chingulungulu wird niemand mehr im Lande genannt als sein erlauchter Kollege, der Yaohäuptling Nakaam von Chiwata auf der Nordweststrecke des Makondeplateaus. An der Küste, unter den Europäern ist man sich nicht einig, wer von ihnen der größere und bedeutendere sei; hier im Innern indes scheint es, als ob Matola sich eines weit größeren Ansehens der Leute erfreut als der Herrscher von Chiwata. Trotzdem hielt ich es für unumgänglich nötig, auch ihm und seinen Untertanen einen Besuch abzustatten. Eine festgebundene Marschroute besteht in meinem Reiseplan überhaupt nicht, sondern ich habe mir vorbehalten, stets das auszuführen, was unter den betreffenden Orts- und Zeitverhältnissen als am günstigsten erscheint. Ich muß mir in diesem Augenblicke freilich sagen, daß ich in Massassi wohl einen ganz hübschen Einblick in die materielle, die äußere Kultur seiner Bewohner gewonnen habe, daß mir aber unter der Ungunst der geschilderten Verhältnisse der zweifellos ebenso interessante Einblick in den andern Teil des Kulturbesitzes, in die Sitten und Gebräuche und die Anschauungen der Schwarzen über dies und das, in einem unerwünscht hohen Grade entgangen ist. Doch auch da hat Nils Knudsen rasch einen wirksamen Trost zur Hand. „Was wollen Sie, Herr Professor?“ sagt er. „Die Leute hier sind ja doch eine schrecklich zusammen- und durcheinandergewürfelte Gesellschaft, bei der alles Ursprüngliche verwischt und bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen worden ist; verlieren Sie hier in dem greulichen Massassi doch keine Zeit mehr, sondern kommen Sie mit nach Chingulungulu; Sie können gar nicht ahnen, wie schön es dort ist.“

Der frühe Morgen des 31. Juli hat mir eine wundervolle geographische Überraschung gebracht. Die Barrabarra verläuft, wie ich schon einmal bemerkt habe, im Massassibezirk unmittelbar am Ostfuße der großen Inselbergkette. Dieser Fuß ist immerhin ziemlich erheblich mit Verwitterungsprodukten der großen Gneiskuppen aufgefüllt, so daß die Straße einen weiten Ausblick in die Ebene nach Osten und Süden gewährt. In die Ebene? Ein Meer ist es, was sich da vor unseren Augen ausbreitet, ein weißes, unendlich weites Meer, und ein an Inseln reich gesegnetes. Hier ein Eiland und dort ein anderes, und dahinten am verschwimmenden Horizont gleich ganze Archipele. Ziemlich hart am Strande dieses Ozeans wandert der lange Zug der Karawane dahin; auch wir befinden uns demnach wohl auf den Rändern einer solchen Insel. Und so ist’s. Es ist eben nur ein Nebelmeer, was sich da heute vor unseren Augen ausbreitet und über dessen Spiegel die unabsehbare Schar der Inselberge regellos die zackigen Häupter erhebt. Gleichzeitig ist dieses vor dem aufsteigenden Tagesgestirn rasch vergehende Gebilde ein wunderbarer Spiegel einer weitentlegenen Vergangenheit. So und nicht anders muß diese Gegend ausgesehen haben — einmal oder mehrfach, wer vermag das zu sagen —, wenn die blauen Wogen uralter Ozeane dort rollten, wo jetzt der blaue Rauch niederer Negerhütten zum Himmel aufsteigt.