Unser erstes Tagesziel war Mwiti. Nach der Einzeichnung auf der Karte zu urteilen, mußten wir eine stattliche Negersiedelung erwarten. Unmittelbar vor der Missionsstation Massassi biegt der Weg nach Mwiti rechts von der Küstenstraße ab. Ich lasse halten; die Kolonne schließt auf. „Wapagasi kwa Lindi, die Träger für Lindi!“ rufe ich laut in den frischen Morgen hinein. Wie ein Schiff der Wüste pendelt ein baumlanger Träger heran. Es ist Kofia tule, der älteste und gleichzeitig auch der längste meiner Träger, ein Mnyamwesi von ausgesprochenstem Massaitypus. Sein Name verursachte mir in der ersten Zeit unseres Zusammenwirkens manches Kopfzerbrechen. Daß Kofia Mütze hieß, wußte ich, aber auf den Gedanken, im Wörterbuch nach der Bedeutung des Wortes tule nachzusehen, kam ich merkwürdigerweise nicht; zudem nahm ich an, es sei ein Kinyamwesi-Wort. Daß es was Drolliges sein mußte, konnte ich mit einiger Sicherheit dem allgemeinen Gelächter der anderen entnehmen, sooft ich mich von neuem nach dem Sinn dieses Namens erkundigte. Schließlich haben wir es herausgebracht: Kofia tule heißt niedrige Mütze. Das ist an sich schon ein seltsamer Name für einen Menschen; als Bezeichnung für diesen schwarzen Übermenschen mit dem unglaublich unintelligenten Gesicht wirkt er doppelt lächerlich.

Lager in Mwiti.

Also Kofia tule tritt langsam heran; hinter ihm ein halbes Dutzend weitere Wanyamwesi und mehrere Söhne des Landes selbst, die ich zur Fortschaffung der Lasten als Hilfsträger gedungen habe. Kofia tule soll sie alle als Mnyampara nach Lindi hinunterführen, allwo meine Sammlungsgegenstände in den Kellerräumen des Bezirksamtes bis zu meiner eigenen Rückkehr an die Küste lagern sollen. Er bekommt noch einmal meine Instruktion; dann kommandiere ich: „Ihr hier, ihr geht links; wir anderen gehen rechts. Los!“ Die Marschordnung will heute noch nicht so recht funktionieren; doch schließlich ist alles wieder in der richtigen Reihenfolge. Ein Blick nach Norden hinüber lehrt uns, daß auch Kofia tule mit seinen Getreuen das richtige Safaritempo angeschlagen hat; da tauchen wir auch schon im unbesiedelten, jungfräulichen Pori unter.

Der Marsch in diesem lichten Urwald hat etwas Monotones, Ermüdendes an sich. Es geht bereits stark auf Mittag; schläfrig sitze ich auf meinem Maultier. Da, was ist das? Ein paar schwarze Gestalten, das Gewehr schußfertig in der Hand, lugen vorsichtig um die nächste Waldecke herum. Sind das Wangoni? — —

Seit Tagen schon umschwirren uns Gerüchte von einem Überfall, den Schabruma, der berühmte Wangoniführer im letzten Aufstand und der einzige Gegner, den wir auch bis heute noch nicht untergekriegt haben, gerade auf diese Gegend plant; er soll es auf Nakaam abgesehen haben. Gerade will ich mich nach meinem gewehrtragenden Boy umsehen, um mich in einen etwas verteidigungsfähigeren Zustand zu versetzen, da erschallt von hinten aus einem Dutzend Kehlen der Freudenruf: „Briefträger!“ Ich hatte bis dahin noch keine Erfahrung über den Betrieb unserer deutschen Reichspost im dicksten Afrika; nunmehr weiß ich, daß dieser Betrieb direkt mustergültig, wenn auch für die Unternehmerin keineswegs lukrativ ist; es mag wie eine Hyperbel klingen, entspricht aber trotzdem der Wahrheit, daß dem Adressaten jede Postsendung, und sei es eine einsame Ansichtskarte, unverzüglich zugestellt wird, ganz gleich, wo er sich im Bestellbezirk befinde. Für die schwarzen Stephansjünger oder Krätkemänner, wie man die schwarzen Läufer wohl zeitgemäßer nennen muß, erstehen damit ganz andere Bestellgänge als für unsere heimischen Beamten mit ihren wenigen Meilen am Tage. Briefe und Drucksachen in eine wasserundurchlässige Umhüllung von Ölpapier und Wachstuch verpackt, das Vorderladegewehr stolz geschultert, so zieht der Bote seines Wegs dahin; er legt ganz ungeheure Entfernungen zurück, Strecken, welche die einer gewöhnlichen Karawane oft um das Doppelte übertreffen sollen. Führt der Weg durch unsichere Gebiete, wo Löwen, Leoparden und feindliche Menschen den einzelnen gefährden können, so wächst der friedliche Botengang sich zu einer richtigen Patrouille aus, denn dann marschieren die Männer zu zweien.

Rasch sind die beiden schwarzen Gestalten herangekommen; stramm und exakt nehmen sie Gewehr bei Fuß und melden ganz ordnungsgemäß: Briefe von Lindi für den Bwana kubwa und den Bwana mdogo, für den großen Herrn und den kleinen Herrn. Solange der kaiserliche Bezirksamtmann Herr Ewerbeck bei uns weilte, war die Abstufung für die Neger nicht leicht gewesen; ich galt bei ihnen ja als ein neuer Hauptmann, und den konnten sie doch unmöglich als den Bwana mdogo bezeichnen. Jetzt aber sind sie aus aller Not; wir sind nur noch zwei Europäer, von denen ich einmal der ältere, sodann auch der Expeditionsführer bin; somit steht dieser im ganzen Osten üblichen Rangabstufung kein Hindernis mehr im Wege.

Es ist bereits weit über Mittag geworden; die vordem flachwellige Ebene hat längst einem starkzerschnittenen Hügelgelände Platz gemacht; silberklare Bäche kreuzen alle Augenblicke in senkrecht eingeschnittenen, für mein Reittier und die schwerbepackten Träger nur schwierig zu passierenden Schluchten unseren Weg. Die Vegetation ist dichter und grüner geworden; aber auch um so heißer und stickiger ist jetzt die Glut gerade in jenen schmalen Tälern. Trotzdem ist die Anhänglichkeit an die Heimat, an Weib und Kinder größer als die Sorge um die Fährlichkeiten des Weges; unbekümmert um die hundert starken Baumstämme, die sich quer über den schmalen Negerpfad gelegt haben, nicht achtend aus Dornen und Busch, versuche ich im Sattel meines träge dahinziehenden Maultiers den Inhalt der reichen Post zu genießen. Weit voran marschiert der Führer. Es ist Salim Matola, der schlanke Allerweltskünstler, den ich tags zuvor seiner zahllosen Tugenden wegen durch einen festen Kontrakt an meine Person gekettet habe; er ist feierlich und vor versammeltem Volk zu meinem Hof- und Leibsammler ernannt worden. Vollkommen konsequent hat er diese Tätigkeit damit zu beginnen versucht, daß er sogleich einen stattlichen Vorschuß erheischte. Ländlich sittlich. Leider zieht so etwas bei mir längst nicht mehr, dazu bin ich doch schon zu afrikaerfahren. „Zeig erst einmal, was du kannst,“ heißt es da recht kühl meinerseits, „dann kannst du nach einigen Wochen wiederkommen; und nun geh, aber etwas plötzlich!“

Salim hat geschworen, den Weg ganz genau zu kennen; die Karte ist hier etwas unzuverlässig; nach unserer Berechnung müßten wir längst in Mwiti sein. Mit einem plötzlichen Entschluß hämmere ich meinem im schönsten Träumen dahinpendelnden Maultier die Absätze in die Weichen, so daß es erschreckt einen kurzen Galopp anschlägt, und sprenge zu dem mit langen Schritten weit voraneilenden Führer vor. „Mwiti wapi? Wo liegt Mwiti?“ herrsche ich ihn an. „Si jui, bwana, ich weiß es nicht, Herr“, kommt es jetzt ziemlich kläglich aus dem Munde meines Vertrauten. „Simameni, das Ganze halt!“ brülle ich, so laut ich kann, zurück. Großes Schauri. Von meinen Trägern ist keiner landeskundig; auch von den Askari und ihren Boys scheint keiner mit diesem durchschnittenen Gebiet vertraut zu sein. Ergebnis also: Marschieren nach der Karte, das heißt für uns kurz, aber wenig erfreulich: Das Ganze kehrt, marsch zurück bis zum Mwitibach und diesen aufwärts, bis wir an das gleichnamige Nest selbst kommen. Ziemlich spät am Nachmittag haben wir auch endlich das immer sehnsüchtiger herbeigewünschte Ziel erreicht. Salim Matola aber brachte mir jetzt unter Protest ein halbes Rupienstück zurück, von dem er behauptete, es sei „schlecht“. Es war nun keineswegs schlecht, sondern lediglich das Kaiserbildnis war ein ganz klein wenig verletzt. Des jungen Mannes Abgang ist in diesem Fall nicht gerade sehr langsam gewesen. Was doch ein energischer Griff nach dem Kiboko, der Nilpferdpeitsche, für Wunder tut! Aber so ist der Neger nun einmal.

Afrika ist der Erdteil der Gegensätze. In Massassi mit seiner Höhenlage zwischen 400 und 500 Meter war es im allgemeinen ganz angenehm kühl gewesen; die Niederung zwischen den Inselbergen und dem Makondeplateau hatte uns beim Durchmarsch halb gebraten; in Mwiti hätte man gerne einen recht dicken Pelz gehabt, so rauh und schneidend kalt fegt von Sonnenuntergang an ein sturmartiger Wind von dem kühlen Hochland mit seinem Luftdruckmaximum hinunter in die soeben noch sonnendurchglühte Ebene mit ihren stark aufgelockerten Luftschichten. Und gerade unser Lagerplatz war ein Windfang sondergleichen. Mit geradezu verblüffendem strategischem Scharfblick hat Nakaam als Bauplatz für sein hiesiges Palais die Nase eines langgestreckten Höhenzuges gewählt, der ganz steil auf drei Seiten zu einer scharfen Schleife des Mwitiflusses abfällt; nur nach Süden zu besteht ein bequemer Zugang. Wenn ich sage Palais, so ist das wirklich nicht übertrieben. Nakaam steht nicht nur im Ruf, der geriebenste aller Neger des Südens zu sein, sondern er muß auch für Negerverhältnisse ganz beträchtliche Barmittel besitzen, denn sonst hätte er sich doch kaum einen bewährten Küstenbaumeister leisten können. Der hat nun ein wahrhaft stolzes Haus mit vielen Zimmern unter einem steilen, hohen Dach errichtet. Die Zimmer sind nicht einmal dunkel, sondern besitzen wirkliche Fensteröffnungen. Wo sich aber der Harem des Negergewaltigen befindet, da sind diese Fensteröffnungen durch Jalousien verschließbar. Die Krone endlich hat der Baumeister seinem Werk dadurch aufgesetzt, daß er alles Holzwerk im typischen Küstenstil mit Kerbschnittarabesken verziert hat. Verwundert mustere ich von meinem Liegestuhl aus, in den ich mich ermüdet geworfen habe, die von breiter Veranda überschattete Fassade des in seiner Umgebung doppelt merkwürdigen Gebäudes. Mit einem Male reißt’s mich nach oben; über das Gewirr der Reisekisten und Blechkoffer, die von den Trägern soeben unter der Veranda niedergelegt worden sind, springe ich hurtig an eins der Fenster. Ei, was muß ich sehen! Eine Swastika, ein Hakenkreuz, das uralte Zeichen des Glücks, hier mitten im dunkeln Erdteil! „Auch mir sollst du Glück bringen“, murmele ich halblaut, doch immer noch höchst verwundert. In sauberer, aus Elfenbeinplättchen gefertigter Einlegearbeit tritt mir in der Tat ein Gebilde entgegen, das eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem bekannten Zeichen aufweist. Unmittelbar nach unserer Ankunft haben wir einen Eilboten nach Chiwata hinaufgeschickt mit dem Auftrage, Nakaam nach Mwiti einzuladen. Kaum vier Stunden später ist der Häuptling angelangt. Eine meiner ersten Fragen nach der üblichen würdevollen Begrüßung ist die nach Namen und Bedeutung des merkwürdigen Elfenbeingebildes in seiner Hauswand gewesen. Ich erwartete, den Ausdruck tiefster Symbolik zu vernehmen; um so größer war meine Enttäuschung, als Herr Nakaam mir schlicht und leichthin antwortete: „Nyota, ein Stern“. Die Swastika ist demnach hier beim Neger des Innern zweifellos etwas Fremdes und Uneingebürgertes; im vorliegenden Fall ist sie, wie auch das übrige Ornament, eine Einfuhr des Küstenbaumeisters.