Jalousie mit Swastika an Nakaams Haus in Mwiti.
In Mwiti sind wir anderthalb Tage und zwei Nächte verblieben. Für das Wachstum meiner ethnographischen Sammlung ist dieser Aufenthalt sehr wenig fruchtbar geworden, denn entweder hatte Nakaam wenig Einfluß auf seine Untertanen, oder aber die Zahl dieser Untertanen kann nicht übergroß sein. Beurteilen kann der flüchtig Durchreisende dies nicht, denn das stark gebirgige Gelände läßt immer nur ein kleines Gebiet übersehen. Bei der weitläufigen Wohnweise der hiesigen Stämme gibt das kein Bild vom Ganzen.
Um so mannigfaltiger und interessanter sind auch hier wieder meine psychologischen Beobachtungen gewesen. Nakaam selbst ist ein sehr behäbiger, untersetzter Mann in mittleren Jahren, ganz nach Suaheliweise in ein weißes Kansu, das hemdartige lange Obergewand, gekleidet. Über seine Stammeszugehörigkeit war ich bereits vorher unterrichtet worden; die bierfröhlichen Männer von Massassi hatten mir mit hämischem Grinsen erzählt, Nakaam gebe sich zwar aus Eitelkeit für einen Yao aus, er sei aber in Wirklichkeit doch „nur“ ein Makua.
Abends saßen Nakaam, Knudsen und ich unter der Veranda beim traulichen Schein der Tippelskirchlampe, deren lichtspendende Tätigkeit heute allerdings mehr als je gefährdet war. Wohl hatten wir alle verfügbaren Decken und Matten an der Windseite als Schutz anbringen lassen, aber dennoch verlöschte das Licht unter den Böen des vom steilen Plateaukamm herniederbrausenden Sturmes mehr als einmal. Mit Würde hat Nakaam zwei Flaschen sogenannten Yumbenkognaks, die sich in meinen Vorräten befinden, entgegengenommen. Die Unterhaltung hat sich bis jetzt um Chiwata, seine Lage, seine Bevölkerungszahl, deren Stammeszugehörigkeit und ähnliches gedreht. Wir haben festgestellt, daß Nakaams Untertanen vorwaltend Wayao sind. „Und du,“ fahre ich fort, „bist du auch ein Yao?“ „Ndio, jawohl“, klingt es sehr überzeugungsfest zurück. „Ja aber,“ kann ich mich nicht enthalten ihm zu erwidern, „alle Männer hier im Lande sagen, du seiest kein Yao, sondern ein Makua.“ Der Neger kann leider nicht rot werden, es wäre sonst zweifellos sehr interessant gewesen, festzustellen, ob auch dieser edle Vertreter jener Rasse diesem Reflex unterworfen war. So krümmte er sich eine Weile, und dann kam es in einem unnachahmlichen Tonfall heraus: „Vor ganz langer Zeit, da bin ich freilich einmal ein Makua gewesen, aber jetzt bin ich schon lange, lange ein Yao.“
Dem der Völkerkunde Afrikas Fernerstehenden wird diese Metamorphose etwas seltsam erscheinen; man kann sie auch nur verstehen, wenn man sich die Bevölkerungsvorgänge gerade dieses Erdenwinkels im Laufe des letzten Jahrhunderts vergegenwärtigt. Noch zu Zeiten Livingstones, also vor 50 und 40 Jahren, herrscht im ganzen Rovumagebiet eine himmlische Ruhe; die alteingesessenen Völker bauen ihre Hirse und ihren Maniok und gehen auf die Jagd, sooft es ihnen behagt. Da brechen vom fernen Südafrika her in verschiedenen Wellen feindliche Elemente ins Land; westlich und östlich vom Nyassasee wälzt es sich nach Norden. Reisige Scharen sind es, die in überraschendem, sich durch nichts verratendem Angriff die wenig wehrhaften alten Völker über den Haufen werfen und aufrollen. Erst in der Höhe des Nordendes vom Nyassa kommt die Flut zum Stehen; ein paar Sulureiche — denn Angehörige dieses kriegerischen, tapferen Volkes sind diese neuen Eindringlinge — werden gegründet, und man richtet sich ein.
Yaohäuptling Nakaam.
Doch welche Folgen hat diese Einrichtung für den ganzen Osten Afrikas gezeitigt! In immer und immer wiederholten Kriegs- und Raubzügen über viele Hunderte von Kilometern haben die neuen Herren des Landes aus dem alten, dichtbebauten Gebiet eine Einöde gemacht. Unter dem Namen der Masitu sind sie schon am Ende der 60er Jahre der Schrecken zwischen Nyassa und Tanganyika; unter dem Namen der Mafiti sind sie später, in den ersten Zeiten unserer deutschen Kolonialherrschaft, der noch weit größere Schrecken des ganzen riesigen Gebietes zwischen dem Nyassa und der Ostküste; unter den weiteren Bezeichnungen Wamatschonde, Magwangwara und Wangoni spricht man von ihnen an den Lagerfeuern der Karawanen mit unangenehmen Gefühlen. Heute indes ist dieser Schrecken kaum mehr gerechtfertigt, denn gerade im Laufe der letzten Jahre ist es auch mit der Vorherrschaft dieser Sulu zu Ende gegangen; die deutschen Hiebe sind doch zu nachhaltig gewesen. Nur ein einziger ihrer Führer, der bereits obenerwähnte Schabruma, macht mit einer kleinen Schar von Anhängern noch das Land unsicher; alle anderen haben sich unseren Friedensbedingungen rückhaltlos unterworfen.
Diese Wangoni-Einwanderung — Wangoni ist der Name, unter dem wir heute nach stillschweigender Übereinkunft alle diese eingewanderten südafrikanischen Elemente zusammenfassen — ist zunächst die Ursache für den folgenden seltsamen Vorgang geworden.