Die alteingesessenen Völker, soweit ihre Männer nicht von den Wangoni erschlagen, ihre Frauen und Kinder nicht in die kühlen, feuchten Gefilde am Ostufer des nördlichen Nyassa abgeführt und dem Stammestum der Wangoni einverleibt worden waren, sahen, daß der Mgoni mit seinem kurzen Speer, seinem ovalen Fellschild und seinem phantastischen Schmuck aus Geierfedern, Fellstreifen vom Leoparden, der Wildkatze und ähnlichem Getier, unwiderstehlich war. Daß diese Unwiderstehlichkeit nur zu einem sehr geringen Teil auf dem furchtbaren Äußern des Feindes beruhte, in Wirklichkeit vielmehr in der größeren Tapferkeit und dem geschlossenen Angriff der Kaffern mit dem kurzen, festen, im Handgemenge allerdings schrecklichen Speer bestand, haben die Leute hier nie begriffen. Sie nahmen den Schein für die Wirklichkeit, kleideten sich fortan wie die Wangoni und suchten auch deren sonstige kriegerische Ausrüstung nachzuahmen. In diesem Zustande befinden sich diese Völker auch heute noch. Biologisch läßt sich dieser ganze Vorgang als eine Art Mimikry auffassen, die auch deswegen überaus interessant ist, weil sie weiter im Norden der Kolonie, am Kilimandscharo und in den Gegenden westlich und südwestlich davon, ihr genaues Gegenstück gefunden hat. Dort haben die alteingesessenen Bantuvölker die Erfahrung gemacht, daß die Massai mit ihren Riesenspeeren, ihren großen, festen Lederschilden und ihrem phantastischen Kriegsschmuck ihnen weit überlegen waren; flugs haben auch sie ihre Schlüsse daraus gezogen, und heute trifft man alle diese Völker, die Wadschagga, Wapare, Wagueno, Wagogo usw. in einer Verfassung, die den ihnen beigelegten Spottnamen der Massai-Affen sehr gerechtfertigt erscheinen läßt.

Hier im Süden ist indessen mit der Nachäffung der Wangoni die Mimikry im Negerleben noch nicht erschöpft. Veranlaßt durch die ungeheuer weitgreifenden Wirren, die seit dem 1818 erfolgten Auftreten des Sulukönigs Tschaka den ganzen Osten des Erdteils nicht wieder zur Ruhe haben kommen lassen, sind auch andere Völkerschaften als die Sulu selbst von einer süd-nördlichen Wandertendenz ergriffen worden. Das sind vor allem die Makua und die Wayao; jene drängen aus ihren Ursitzen zwischen dem Rovuma im Norden und dem Sambesi im Süden langsam aber nachhaltig über den Rovuma hinüber ins deutsche Schutzgebiet hinein, die Wayao aber kommen ebenso unmerklich, doch vielleicht noch nachhaltiger aus dem weiter westlich gelegenen Gebiet am Südende des Nyassa aus südöstlicher Richtung zu uns herüber. So stoßen beide Völkerwellen gerade hier in meinem Forschungsgebiet im spitzen Winkel zusammen, und das ist gerade einer der Hauptgründe für mich gewesen, statt nach dem aufstanddurchloderten Iraku hier nach dieser entlegenen Ecke zu reisen. Nun scheint es den Makua oder doch wenigstens einzelnen von ihnen zu ergehen wie so manchem Deutschen im Auslande: er sieht sich und sein Volkstum als etwas Minderwertiges und Verächtliches an und hat nichts Eiligeres zu tun, als die letzte Erinnerung an Vaterland und Muttersprache zugunsten der neuen Nationalität abzustreifen. Hier im Lande sind, nachdem der Wangonischrecken seit den 1880er Jahren, dem Zeitraum der letzten Einfälle, im Bewußtsein der heranwachsenden Generation verblaßt ist, die Wayao die Vornehmen; was Wunder, wenn gerade eine so eitle Persönlichkeit, wie Nakaam es unzweifelhaft ist, sein eigentliches Volkstum glatt verleugnet, um als vollwertig und ebenbürtig zu gelten.

Höchst spaßhaft klingt es, wenn die Angehörigen der hiesigen Sprachen einen Begriff als etwas ganz Außerordentliches hervorheben wollen, z. B. als sehr hoch oder sehr weit entlegen, als sehr schön oder in ferner Zukunft erst zu erwarten, und dergleichen. Das tun diese Leute durch eine unnachahmliche Hinaufschraubung des betreffenden Adjektivs oder Adverbs zur höchsten Fistel. Ich werde später noch auf diesen sprachlich so ungemein interessanten Punkt zurückkommen; jetzt kann ich nur mit innigem Behagen an mein Lustgefühl zurückdenken, welches ich empfand, als Nakaam in seinem „Mimi Makua, lakini ya samāni, ich bin ein Makua, aber einer von ganz, ganz weitentlegener Zeit“, die beiden Silben „māni“ so lang dehnte und das „ni“ so in die Höhe schraubte, daß man fürchten konnte, er möchte den Rückweg zur Gegenwart nicht wiederfinden.

Also Nakaam war, wenn auch nicht gerade zu seiner freudigen Genugtuung, seiner eigentlichen Stammeszugehörigkeit überführt worden. Gerade wollten wir zu einem anderen, für ihn erquicklicheren Gesprächsgegenstande übergehen, da saßen wir plötzlich im Dunkeln. Das Brausen des Sturmes war im Lauf des Abends immer stärker, die Böen waren immer häufiger und heftiger geworden; jetzt umraste ein wirklicher Orkan Swastikapalais und Zelte; unsere Matten und Decken schlugen uns wie gepeitschte Segel um die Ohren. Das schwere Hausdach ächzte und stöhnte in allen seinen Bindelagern; unsere Zelte hielten nur mit sichtlicher Mühe dem riesigen Winddruck stand. Jeder Versuch, die Lampe wieder zu entzünden, wäre vergeblich und im Hinblick auf die ganze Umgebung auch im höchsten Grade feuergefährlich gewesen. So blieb denn nichts anderes übrig, als die Unterhaltung für dieses Mal gerade da abzubrechen, wo sie anfing interessant zu werden, und sich in sein Tippelskirchbett im Zelt zu verkriechen.

Mit dem Schlaf in Afrika ist es ein eigen Ding. Freilich, die riesenbreiten Eisenbettstellen der Küste gewährleisten einen Schlummer, wie er erquicklicher auch bei uns im kühlen Europa nicht gedacht werden kann; die Trogform des Safaribettes ist an sich schon weniger bequem; kommt nun zu dem Temperaturminimum etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang, das den Schläfer stets erwachen und nach einer zweiten Decke greifen läßt, auch noch das Hustenkonzert einer größeren Karawane, dann ade süßer Schlummer! Bei unserem Marsch von Lindi bis Massassi hatte sich die große Schar der Polizeisoldaten stets im engen Kreis, die Köpfe nach außen, um unsere Zelte gelagert; dann war in den schneidend kalten Nächten von Nangoo und Chikugwe alsbald ein Gehuste und Gespucke losgegangen, daß man wirklich nicht wußte, ob man die unglücklichen frierenden Kerle draußen oder aber sich selbst mehr bedauern sollte. Hier in Mwiti hätte ich meine Leibgarde wie auch meine Träger sehr gern weit von unserem Zeltplatz untergebracht, aber der kommandierende Gefreite hat mir erklärt, daß das nicht gehe; die Wangoni seien im Anzuge. So hat sich mein Dutzend Krieger, denn so viel hat mir Herr Ewerbeck als Schutztruppe mitgegeben, wieder rings um uns herum gelagert; wieder tönt das Gehuste ohne Unterlaß in mein warmes Zelt hinein, so daß an Schlaf kaum zu denken ist; aber diesmal ist das Mitleid mit den Kriegern doch größer als der Ärger über die unausgesetzte Störung. Und es ist auch nur zu berechtigt. Die kleine Ebene vor Nakaams Palais, auf der wir lagern, ist fast baumlos; steil von oben, durch nichts aufgehalten, stürzt auf sie der eisigkalte Plateauwind herunter. Zwar hat sich jeder Soldat neben der Matte, auf der er liegt, und dem Pfahl, an dem Gewehr und Patronengürtel hängen, ein kräftiges Feuer gemacht, doch was nützt das den Männern, deren Körper durch das dünne Khaki trotzdem einer ungehinderten Ausstrahlung ausgesetzt sind.

Es begreife die Negerseele wer da kann. Ich habe am nächsten Morgen Soldaten und Träger versammelt und habe ihnen gesagt: „Kerls, ihr friert doch wie die Schneider; gleich geht los und baut euch Strohhütten, oder, wenn euch das zuviel ist, wenigstens Windschirme.“ „Ndio, Bwana, jawohl, Herr!“ hat die ganze Schar geantwortet; als ich mich aber am Nachmittag erkundigte, wo denn ihre Bauten seien, da kam’s heraus: ich marschiere, hieß es, doch bald weiter, da hätte es keinen Zweck, erst noch Wände zu bauen. „Gut,“ habe ich ihnen da sehr kühl erwidert, „dann friert ihr eben. Wer mir aber in den nächsten Tagen mit Katarrh kommt — fügte ich für mich in Gedanken hinzu —, den werden wir zur Abwechselung einmal nicht mit dem lieblichen Aspirin behandeln, sondern mit Chinin, notabene ohne Wasser, und kauen sollen die Burschen diese schöne, kräftige Daua vor meinen Augen.“ So verdirbt Afrika den Charakter, leider nicht nur den der Schwarzen.

Mein zweiter Tag in Mwiti hat mir auch noch manches Lehrreiche geboten. Mir mußte das Fieber, von dem ich soeben erst erstanden bin, bereits in den Gliedern stecken; in merkwürdiger körperlicher Erschlaffung war ich vormittags in meinem Liegestuhl unter Nakaams Barasa sanft entschlummert. Klatsch — huuh; klatsch — huuuh; klatsch — huuuh, tönt es dem Erwachenden ans Ohr. Ein Blick nach links lehrt mich, daß der blonde Nils in seiner Eigenschaft als interimistischer Unterpräfekt wie ein zweiter Salomo als Richter waltet. Nun kenne ich zwar Gerichtssitzungen schon seit Lindi, aber sie sind hier immer interessant, und so war ich im nächsten Augenblick zur Stelle. Der Delinquent hatte unter bedeutendem Wehgeheul inzwischen seine fünf wohlgezählten Hiebe erhalten; er stand jetzt wieder aufrecht und rieb sich mit erklärlichen gemischten Gefühlen die wunde Stelle; doch frech sah er immer noch aus. Nach gegenwärtiger Landessitte etwas angesäuselt, hatte er sich im Verhör erkühnt, Nils Knudsen mit einem besonderen Namen, anscheinend dem Spitznamen des Norwegers bei den Negern, zu belegen; dies durfte natürlich nicht ungerochen bleiben, und daher die Exekution. Der Neger betrachtet sie übrigens als ganz selbstverständlich; er würde sich aufs höchste wundern, wenn nicht jede Ungebühr in dieser Weise und ohne Verzug gesühnt würde, ja er würde uns direkt für schlapp und keineswegs als seine Herren betrachten.

Hofinneres in Mwiti.

Einen ebenso tragikomischen Anstrich hatte auch der nächste Fall, zu dem ich ebenfalls erst am Schluß des Verhörs der drei Beteiligten hinzukam. Ich sehe, wie der Gefreite Saleh mit einem derben Kokosstrick, wie er von den Trägern benutzt wird, ihre Last durch Umschnüren mit ihm handlich zu gestalten, über den Platz eilt. Im selben Augenblick hat er auch schon einem vor dem Richter Nils stehenden schwarzen Jüngling die Arme stramm auf dem Rücken gefesselt. Dieser hat die Prozedur stillschweigend über sich ergehen lassen; nun aber erhebt sich ein unglaublich lebhaftes Gerede. Mit einer Art Lassowurf hat Saleh einem ebendort stehenden jugendlichen Frauenzimmer, an dem mir nichts so sehr auffällt wie die geradezu hottentottenhaft weit ausladende Gesäßpartie, das andere Ende des Strickes um die Hüfte geworfen; blitzschnell ist auch sie gefesselt und gefangen. „Nanu, was ist denn hier los?“ wage ich in den merkwürdigen Auftritt hineinzuwerfen.