„Sehen Sie sich nur einmal den andern an“, sagt der moderne Salomo. „Dieser hier und das Weibsbild sind Mann und Frau; mit dem andern aber hat die Frau, während der Mann verreist war, monatelang zusammengelebt. Und als der ahnungslose Ehemann zurückkommt und das Pärchen hübsch beisammen findet, da hat ihn dieser Halunke hier zum Überfluß auch noch in die Hand gebissen.“
„So, und zur Belohnung binden Sie das saubere Pärchen nun auch noch zusammen?“
„Zur Belohnung gerade nicht, aber die beiden müssen nach Lindi hinunter zu ihrer Aburteilung — ein paar Monate Kette wird er wohl schon kriegen — und da weiß ich wirklich nicht, wie ich sie anders transportieren soll.“
Ich habe selten ein paar so vergnügte Gesichter gesehen wie die Visagen dieses netten Pärchens, als sie abgeführt wurden.
Schon den ganzen Tag hatte ich einen meiner Träger um mein Zelt herumschleichen sehen. Am Nachmittag kam der Bursche näher; er wolle Daua, sagte er. Wofür? frage ich ihn kühl. Für eine Wunde, lautet die Antwort. Ich, in der Meinung, der Mensch habe sich eine Verletzung auf dem Marsch zugezogen, lasse den braven Stamburi holen, jenen Askari, dem ich die therapeutische Behandlung aller jener Fälle anvertraut habe, die ich nicht selbst behandeln mag. Stamburi befreit mit nicht geringer Mühe das fragliche Bein erst von einer fingerdicken Dreckkruste; neugierig bin auch ich näher getreten, doch was muß ich sehen! Eine uralte Wunde vorn auf dem Schienbein, wie eine Handfläche groß, stinkfaul und bis auf den Knochen durchgefressen. Entrüstet fahre ich Herrn Cigaretti — so heißt der Schmierlümmel — an, er habe mich betrogen, er sei kein Träger, sondern ein Kranker, der ins Hospital gehöre; seine Wunde sei nicht frisch, sondern schon Monate alt; er werde mit der nächsten Gelegenheit nach Lindi hinuntergeschickt werden. Sehr ruhig und frech heißt es darauf: Lindi hapana, Bwana, er sei für sechs Monate gedungen, und eher zu gehen fiele ihm gar nicht ein. Ich bin nun in einer etwas unangenehmen Lage, da ich die bezüglichen Bestimmungen nicht kenne; behalte ich den Burschen bei mir, so wird er eines schönen Tags selbst transportunfähig oder geht wohl gar ein; jage ich ihn aber in den Busch, so fressen ihn die Löwen. In jedem Fall ist es mir sehr interessant, zu sehen, wie einseitig das Rechtsgefühl dieses braven Mannes ausgebildet ist; er besteht auf seinem Schein, jedoch nur soweit er ihm zu seinem Vorteil gereicht.
Und dann dieses schreckliche Wort hapana! Man würde die ganze schwarze Rasse am besten mit zwei kleinen Wörtern charakterisieren können. Das eine ist „hapana“, wörtlich: es ist nicht, es gibt nicht, verallgemeinert: nein; das andere lautet: bado, noch nicht. Einen von den beiden Ausdrücken bekommt man unter hundert Fragen mindestens 99mal zur Antwort. „Hast du das und das getan?“ oder: „Ist das und das zur Stelle?“ fragt der Europäer. „Bado“ heißt es das eine Mal, hapana zum andern. Ich habe schon den Vorschlag gemacht, die ganzen Bantu-Idiome des Ostens unter dem Kollektivbegriff des Kihapana oder des Kibado zusammenzufassen. Zunächst macht die Sache dem Weißen Spaß, zumal besonders das bado dem Gehege der Zähne mit einem Schmelz entflieht, daß jede höhere Tochter der sprachberühmten Städte Braunschweig und Celle über eine solche Geziertheit der Aussprache des „a“ neidisch werden könnte; hat man indessen immer bloß bado und immer bloß hapana zu hören bekommen, und niemals ein „Ndio“ oder ein „Me kwisha, ich bin fertig“, so wird man wild und greift am liebsten zum Kiboko. —
Gegen Abend dieses denkwürdigen Tages ist es, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Mit keckem Schritt tritt ein kleines Bürschchen von 8 bis 9 Jahren an meinen Tisch heran, breitet auf mein „Karibu, tritt näher“, eine ganze Anzahl wunderhübsch verzierter, kleiner Kämme vor meinen Augen aus und bleibt in erwartungsvoller Pose stehen. Die Dinger sind in der Tat reizend; der eigentliche Kamm selbst ist aus feinen, gerundeten Holzstäbchen zusammengesetzt, der ganze Oberteil aber bedeckt mit buntfarbigem Stroh, das zu schönen geometrischen Mustern geordnet ist. „Wo werden die Dinger gemacht?“ frage ich den kleinen Kaufmann. „Karibu sana, hier ganz in der Nähe“, lautet die prompte Antwort. „Und wer macht diese Kämme?“ „Ein Fundi, ein Meister“, ertönt es daraufhin, etwas verwundert diesmal, denn der Weiße sollte doch billig wissen, daß hierzulande alles von Berufshandwerkern, von Fundi, gefertigt wird. Schnell werden wir handelseins, ebenso schnell habe ich meinen Tropenhelm mit dem leichten Filzhut vertauscht, habe noch Kibwana, der merkwürdig schnellfüßig mit einem rasch umgehängten Gewehr heranspringt, angeschnauzt, er solle seine Donnerbüchse nur ruhig wieder weghängen und so mitkommen, da sind wir auch schon mitten drin im schönen, grünen Urwald. Der kleine Mann eilt mit erstaunlich raschen Schritten fürbaß, 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten. „Na, wo ist denn dein Fundi?“ frage ich ihn schon ungeduldig. „Karibu sana“, tönt es beschwichtigend zurück. Aus den 15 Minuten werden 30, werden 40; die Sonne ist schon hinter dem nächsten Bergrücken verschwunden. Auf meine Anfragen stets eine ausweichende Antwort: Dort, wo die Schambe ist, dort wohnt der Fundi, oder aber: Unmittelbar hier vor uns, da ist es. Schließlich springe ich den kleinen, flinken Führer unversehens von hinten an, indem ich ihn in Ermangelung eines anderen passenden Angriffspunktes bei beiden Ohren nehme. Strenges Verhör unter sanfter Nachhilfe an den Ohrläppchen. Da kommt es denn heraus: es sei reichlich noch einmal so weit, als wir schon gelaufen seien, und es sei hoch oben in den Bergen. Demnach wäre ich also frühestens zwischen 7 und 8 Uhr ans Ziel gekommen, in vollkommen dunkler Nacht, gänzlich unbewaffnet, ohne jede Unterkunft. So weit ging meine Begeisterung für das Studium der Negertechnik denn doch nicht; ich zog, unter Zugrundelegung unserer europäischen Ansichten über Nah und Fern, aber zur schmerzlichen Verwunderung des Autochthonen, diesem noch einmal die Ohren lang, entließ ihn dann mit leichtem Klaps und zog unverrichteter Dinge wieder heim. Damals war ich stark entrüstet über dieses unberechenbare Negervolk; heute muß ich zugeben, daß es bei uns doch eigentlich wenig anders ist; dem einen sind 20 Kilometer ein Katzensprung, dem andern die halbe Meile ein Tagemarsch. Das aber habe ich schon gemerkt: der Neger rechnet ganz allgemein mit viel größeren Entfernungen und auch mit größeren Marschleistungen als wir. —
Wieder brennt die Lampe mit unsicher flackerndem Licht unter Nakaams Barasa. Zwar ist diese besser abgedichtet als gestern, aber der Sturm braust heute ungleich gewaltiger wie den Abend vorher.
„Und 60 Millionen Menschen wohnen in Uleia?“ fragt mich Nakaam ganz verwundert. „60 Millionen? Aber was ist eine Million? Ist es elfu elfu elfu, 1000 mal 1000 mal 1000?“
Donnerwetter, denke ich, der geht aber in die vollen; 1000 mal 1000 mal 1000, das ist ja eine Milliarde! 60 Milliarden Deutscher, armes Vaterland! Es lebe die Bevölkerungsstatistik!