Mit dem schwierigen Werk des Übersetzens geht hierzulande auch stets das des Kommentierens Hand in Hand, und so weiß auch ich denn schon nach kurzer Zeit, daß der Sinn dieser Sentenz etwa der ist: „Freut euch des Lebens“, oder aber: „Nur der Lebende hat recht.“ „Chikalakasa goje kunganda, kunganda yekwete umbo“, spreche jetzt auch ich feierlich, zu Matola und Daudi gewandt, Moritz aber rufe ich mit starker Stimme zu: „Bilauri nne ya pombe, einen Becher Bier für jeden von uns vieren; nur der Lebende hat recht.“ Schon schlägt der graugelbe Trank in unseren Trinkbehältern, zwei Gläsern und zwei Blechtöpfen, Blasen — von perlender Pombe kann man beim afrikanischen Rassentrank mit dem besten Willen nicht reden —, ein „Skål, Herr Knudsen!“, „Prosit, Herr Professor!“, ein stummes Neigen des Hauptes bei den beiden Negern. Mit innigem Behagen lassen wir das kühle Naß in unsere durstigen Kehlen rinnen — „kunganda yekwete umbo“, es spielt nur, wer Haare aus dem Kopfe hat. Still, stumm und fast unmerklich sind die schwarzen Doppelgestalten von Mutter und Kind davongeschlichen; „Kwa heri, Bwana“, tönt es von Matolas Lippen und von denen des schwarzen Pastors. Ein rasches Davonhuschen, und der Norweger und ich sind allein.
Grauslich nimmt sich das Schicksal der Frau bei den Naturvölkern in unseren Büchern über Völkerkunde aus; Lasttier, Sklavin, das sind die Ausdrücke, denen der Leser auf Schritt und Tritt begegnet. Zum Glück für die Betroffenen ist die Sache nur halb so schlimm, ja, wollte man z. B. die Küstenkultur Äquatorial-Ostafrikas als Maßstab für die ganze große Welt der Naturvölker im allgemeinen annehmen, so würde sich das Bild zwar nicht gerade umkehren, wohl aber außerordentlich stark verwischen. Es reißt sich keine ein Bein aus, wie unsere derbe, aber treffende deutsche Redensart lautet; kein Weißer hat jemals eine schwarze Maid eiligen Schrittes laufen sehen; und selbst die unvermeidliche Hausarbeit geht ihnen allen so behaglich und behäbig von der Hand, daß manch eine unserer deutschen Hausfrauen über dieses Ausmaß von Muße schier neidisch werden könnte. Bei den Binnenstämmen ist das Los der Frau freilich etwas härter; der Luxus der Küstenfrau fällt hier mehr oder minder weg, auch der Kinderreichtum ist wohl im allgemeinen größer und schafft mehr Sorge; vor allen Dingen aber fehlen den Negerdörfern die Markthallen und die zahlreichen Inderläden, wo man alles in ganz gleicher Weise kaufen kann wie im weitentfernten Europa. Daher geht es denn wohl nicht gut anders: Frau und Tochter müssen schon früh beim ersten Sonnenstrahl heran an den Mörser, an die Wanne, an den Reibstein.
Es ist 6 Uhr morgens. Unruhig wälzt sich der Europäer im Zelt auf seinem harten Bett; wälzen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck; in dem engen Trog ist eine derartig freie Bewegung nur bei vollem Bewußtsein und auch dann nur bei dem Besitz turnerischer Gewandtheit möglich; die Nacht ist nur wenig erquicklich gewesen. Zunächst hat es am Abend vorher beim Zubettgehen noch eine kleine Feuersbrunst gegeben. Kibwana, der ungeschickte, dumme Kerl aus Pangani, hat meinen letzten Zylinder beim Putzen um die Hälfte seiner ursprünglichen Länge gekürzt. Jetzt ermöglicht der messingene Windschützer zwar das Weiterbrennen der Lampe, aber sie strahlt eine wahnsinnige Hitze aus. Nur so ist es zu erklären, daß ich in dem Moment, wo ich blitzschnell unter dem eben gelüfteten Moskitonetz hindurch auf mein Ruhelager schlüpfe — blitzschnell, um den stets auf der Lauer liegenden Moskitos ein Schnippchen zu schlagen — über und hinter mir einen auffallend hellen Schein bemerke. Umdrehen und mit beiden Händen zuschlagen ist eins. Der Schlag hat Gott sei Dank gesessen; gleichwohl haben die drei Sekunden zwischen dem Aufflammen des leichten Netzstoffes über der wohl etwas zu dicht am Bett stehenden Lampe und meinem instinktiven Zuschlagen genügt, um ein quadratfußgroßes Loch in die vordere Netzwand zu brennen. Kibwana wird es am nächsten Vormittag mit einem Stück Sanda zunähen müssen; es wird nicht schön aussehen, aber vollkommen zweckentsprechend sein; einstweilen tut es auch das Zustecken des großen Loches mit ein paar Nadeln.
Müde und abgespannt bin ich endlich auf mein Lager gesunken und in einen unruhigen Schlaf verfallen. Es mag 2 Uhr nachts sein; verwirrt und dumpf im Kopfe fahre ich empor. Was dringt laut, mit immer gewaltigerem Brausen an mein Ohr? Was rüttelt an meinem Zelt, daß die derben Eschenstangen schier brechen möchten? Ist der Indische Ozean aus seinem Bett getreten, um sein altes Eigentumsrecht an dieser weiten Ebene von neuem geltend zu machen? Ist es ein Taifun, der mit seiner unwiderstehlichen Gewalt alles niederlegen will, Bäume, Häuser und Zelt? Ein ungeheurer Aufruhr durchtobt die Natur; in das Brausen des Sturmes aber mischen sich jetzt neue Töne; ein vielstimmiges Brüllen von der Rückwand des Zeltes her, Rufen, Schreien und Schelten vom Gefängnis herüber, wo meine Soldaten munter geworden sind und nun direktionslos im schwarzen Dunkel der Nacht auf dem Platz um die Barasa hin und her stolpern. Da, ein furchtbares Gebrüll dicht an der Zeltwand. Ist die Löwenplage, die bei Hatia und um Massassi so viele Menschenleben gefordert hat, auch hierher gedrungen? Rasch wie der Gedanke habe ich mich unter dem Netz hindurch in den freien Zeltraum genestelt; ein Griff nach dem gewohnten Platz der Streichholzschachtel; sie ist nicht da. Auch nirgendwo anders ist sie zu finden. Ich gebe die Suche auf und fahre in meine Khakigewandung hinein, indem ich gleichzeitig aus vollem Halse nach dem Posten unterm Gewehr rufe und den Lärm dadurch noch mehr vergrößere. Doch kein Posten naht. Jetzt trete ich hinaus und sehe die Bescherung, soweit die von den Kriegern geschwungenen Feuerbrände den Schauplatz übersehen lassen. Sie kämpfen gegen eine enggeschlossene Schar schwarzer, großer Tiere, doch keine Löwen sind es, sondern Matolas friedliche Rinder. Man hat einer jungen Mutter unter ihnen vorgestern das Kalb genommen; die ganze vorige Nacht und den ganzen Tag hat sie nicht aufgehört, mit kläglichem „Muh“ nach ihrem Kinde zu rufen; jetzt im Aufruhr der Elemente ist sie aus dem leichten Corral ausgebrochen, und alle anderen Tiere hinter ihr drein. Mit wildrollenden Augen glotzen die beiden Bullen in die zur Abwehr geschwungenen Feuerbrände der Soldaten; ängstlich brüllt das Jungvieh dazwischen. Schließlich gelingt es, die Herde zurückzutreiben und mit unsäglicher Mühe wieder in den Pferch zu sperren.
Der weiße Mann im Zelte träumt; ihm hat sich das Nachtgefecht mit Feuerbränden gegen den vierfüßigen Gegner in ein anderes mit Pulver und Blei gegen die bösen Wangoni von Ssongea gewandelt. In merkwürdig regelmäßigen Zwischenräumen krachen die Schüsse von einem Gegner zum andern. Plötzlich hört das Feuergefecht auf. Was kann das bedeuten? Plant der kampfgewohnte Gegner eine Umgehung meiner schwachen Truppe, oder schleicht er unhörbar im Busch, im dichten hohen Grase heran? „Sprung auf marsch marsch!“ kommandiere ich und fahre mit einem gewaltigen Satz aus der Schützenlinie nach vorn. Im gleichen Augenblick stoße ich mit der Nase auf Blechkoffer Nr. 3, der gleichzeitig meine Kriegskasse ist und deshalb dem Tippelskirchbett gegenüber im Zelt Aufnahme gefunden hat. Mein Sprung hat mich unbewußt von allen Traumgefahren befreit und in Raum und Wirklichkeit zurückversetzt. Schon hebt auch das Pelotonfeuer von neuem an: bum, bum, bum, bum, bum, bum. Nach der ereignisreichen Nacht ist mir wirr und dumpf im Kopfe; dennoch muß ich laut auflachen. Dieses so regelmäßige Schützenfeuer ist das rhythmische Stampfen zweier Wayaofrauen in Matolas Gehöft gewesen, die für ihren königlichen Herrn und seinen Hof das tägliche Quantum an Hirse- und Maismehl herzustellen im Begriff waren.
Frau am Mörser.
Zeichnung von Salim Matola (s. [S. 450]).
Ich habe die Frauen und Mädchen bei dieser Arbeit oft gesehen, aber heute ist mir’s, als müsse ich gerade diesen Grazien, weil sie mit mir nun doch schon in geistigen Konnex getreten sind, meine besondere Aufmerksamkeit schenken. Rasch ist Toilette gemacht, ebenso rasch das Riesenquantum Houtenschen Kakaos getrunken und der übliche Bananeneierkuchen vertilgt, dann bin ich auch schon mit meiner engeren Leibgarde: Pesa mbili, Yuma, Mambo sasa, Kasi uleia II. und wie sie alle heißen die Braven, Treuen, von denen auf mein Kommando jeder wie ein Windhund nach seinem Apparat oder dessen Einzelheiten greift, mit Kamera und Kinematograph hinter jener Frauengruppe aufmarschiert.
Vier weibliche Wesen sind es; zwei von ihnen schwingen noch immer und unentwegt ihre schwere, lange Mörserkeule weiter. Diese tönt jetzt nicht mehr dumpf wie Kanonenschlag oder der Schuß aus dem Vorderlader, sondern es ist ein mehr klatschendes Geräusch geworden. Matola erklärt mir, jetzt hätten die Frauen Mais in ihrem Mörser, während sie am frühen Morgen Hirse verarbeitet hätten; bei dieser donnere der Mörser so; die Behandlung der verschiedenen Körner sei nämlich die folgende. Die Hirse werde trocken enthülst und geworfelt, sodann gewaschen und eine halbe bis zu einer Stunde in einem flachen Korbe zum Trocknen in die Sonne gestellt; dann erst könne sie auf dem Steine zu Mehl verrieben werden. Der Mais dagegen werde in einem etwas nassen Mörser enthülst; dann quelle er drei Tage in kaltem Wasser. Erst nach Ablauf dieser Frist werde er gewaschen und dann erst gestampft. Das Mehl könne durch Trocknen konserviert werden.
Nach kurzer Weile hört das Stampfen auf; aufatmend wischen sich die Frauen den Schweiß von Stirn und Brust. Es ist eine harte Arbeit gewesen, und wenn an der sonst so grazilen Gestalt der Negerin nichts mehr auffällt als eine unproportioniert starke Ausbildung der oberen Armmuskulatur, so ist vor allem dieses tägliche Mörserstampfen die Ursache davon.