Mit raschem Griff hat die dritte Frau dem Mörser die Masse entnommen. Diese ruht jetzt in einem weiten, flachen Korbe von wohl 60-70 Zentimeter Durchmesser. Doch nur einen Augenblick, dann beginnt es Schlag um Schlag; 10 Sekunden, 20 Sekunden; Hand und Korb beschreiben einen nach unten offenen Halbkreis, aber nicht gleichmäßig, sondern ruckweise. Jetzt sondert sich die leichte Spreu vom schweren Korn; der Endzweck des Mörsers wird sichtbar. Auch ich bekomme jetzt endlich den richtigen Begriff von seiner Rolle: er hat gar nichts mit dem Zerkleinern des Korns zu tun, sondern dient lediglich zum Enthülsen.
Das Worfeln in dem flachen Korb, der Wanne oder wie wir ihn sonst nennen wollen, ist rasch vonstatten gegangen; mit einem besonders kräftigen Ruck sind die blanken Körner in einen andern Korb geflogen. Nach diesem greift jetzt das vierte Wesen, ein junges Ding mit vollen Formen. Es hat bis dahin untätig an der Universalmühle der Urmenschheit gekauert, dem flachen Reibstein. Jetzt kommt Leben in die Maid: knirschend fährt der harte, flache Läufer über die erste Hand voll Körner dahin; Schub auf Schub; feiner und weißer wird die Masse; der Arbeiterin aber wird sichtlich warm. Schließlich ist das erste Quantum fertig; mit langer, eleganter Bewegung gleitet es, vom Läufer nach vorn geschoben, in die dort hart unter den Stein geschobene, flache Schale. Ein Aufatmen, dann ein rascher Griff nach neuem Korn; die Arbeit hebt von neuem an.
Diese Mehlbereitung ist, genau wie bei den Völkern der frühen Antike oder wie auch bei den Indianern des maisverzehrenden Amerika, die Hauptarbeit des weiblichen Geschlechts. Es ist, wie das in der primitiven Natur des Handwerksgeräts begründet ist, wahrlich keine leichte Arbeit, doch trifft sie das hiesige weibliche Geschlecht noch lange nicht so hart wie bei uns zulande die Feldarbeit die Frau jedes Tagelöhners, jedes ländliche Dienstmädchen oder Frau und Tochter des kleinen Landwirts. Die Negerin möchte ich sehen, die auch nur eine einzige deutsche Ernte durchkosten würde, ohne mit Protest davonzulaufen.
Mehlbereitung in einem Eingeborenengehöft..
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GRÖSSERES BILD
Auch die Besorgung des Haushalts drückt nicht überschwer. Die Frau des kleinen Mannes bei uns verfügt gewißlich nicht über eine allzu reichliche Abwechselung in ihrem Speisezettel, doch ist ihre Küche noch immerhin großzügig gegen das ewige Einerlei des schwarzen Küchenrepertoires: Ugali aus Hirse heute, Ugali aus Mais morgen, Ugali aus Maniok übermorgen; dann hebt der Turnus von vorne an. Nun mag die Herstellung dieses afrikanischen Nationalgerichts an und für sich nicht einmal einfach sein — mir ist immer der Vergleich mit dem Thüringer Kloß aufgestiegen, den ja auch nur ganz gottbegnadete Hausfrauen in vollkommen einwandfreier Weise herzurichten vermögen —, aber schließlich muß doch auch das stumpfste Negerweib einmal hinter das Ugaligeheimnis kommen. Knudsen mit seiner Begeisterung für alles echt Afrikanische verspeist das Zeug mit innigem Behagen; mir schmeckt es immer wie ein Stück Wäsche, das eben der Lauge entnommen ist. Im Prinzip ist die Herstellung einfach: man bringt das Wasser in dem großen Topf zum Kochen; dann schüttet man nach und nach und unter stetem Umrühren ganz gleichmäßig das nötige Mehl hinzu. Die richtige Konsistenz ist erreicht, wenn der ganze Topfinhalt zu einer glasigen, durchscheinenden Masse eingedickt ist. Um ein europäisches Gericht zum Vergleich heranzuziehen, braucht man nur auf die norditalienische Polenta zu verweisen, die in ganz ähnlicher Weise hergestellt wird und auch ganz ähnlich schmeckt.
Plauderstündchen.
Erfreulicherweise gehen die Leistungen meines eigenen Kochs doch weit über die der hiesigen Hausfrauen hinaus, wenngleich auch sein Können, und leider vor allem auch sein Wollen, viel zu wünschen übrigläßt. Omari ist schon äußerlich ein Unikum; auf ein paar winzig kurzen Beinen mit einer Art von Entenfüßen sitzt ein unverhältnismäßig langer Oberkörper; auf dem Oberkörper aber ein Haupt, das nach oben überhaupt nicht zu Ende gehen will; der ganze Mensch besteht, hyperbolisch gesprochen, eigentlich nur aus Hinterkopf. Er ist Bondei-Mann aus dem Norden der Kolonie, gibt sich aber natürlich als Suaheli aus. Doch das tun sie ja alle, die Schensi aus dem Hinterland, wenn sie einmal mit der in ihren Augen glänzenden Küstenkultur in Berührung gekommen sind. Omari ist der einzige Verheiratete von meinen drei Dienern; er behauptet, vier Kinder zu haben, und spricht von seiner Frau mit sichtlichem Respekt. Sie hat ihn auch erst losgelassen, nachdem er ausgiebig für sie gesorgt, d. h. mich veranlaßt hat, für sie bei meinem Daressalamer Geschäftshaus ein Konto von monatlich 7 Rupien zu eröffnen. Ich habe meine drei Mohren alle in ganz gleichartige Khakianzüge gesteckt; alle drei haben sich daraufhin kraft eigener Machtvollkommenheit sofort zu Gefreiten der Schutztruppe ernannt, indem sie den Schneider bewogen haben, ihnen je einen schwarz-weiß-roten Winkel auf den linken Ärmel zu nähen. Nun sind sie unsagbar stolz; leider haben aber ihre Tugenden mit diesem Avancement nicht Schritt gehalten. Omaris Tatkraft habe ich zum erstenmal in Massassi durch ein paar furchtbare Ohrfeigen wecken müssen; bei den beiden andern reichen diese nicht aus, da ist nur der Kiboko wirksam. Will man die drei Männer durch je einen Zug charakterisieren, so ist Omari der personifizierte Aberglaube, Moritz die auskristallisierte Verschmitztheit, Kibwana ein Ausbund von Dummheit; allen dreien gemeinsam ist die noch immer nicht ganz geschwundene Manie, in jedem freien Augenblick bei ihrem Herrn um einen Vorschuß einzukommen. Alle drei fliegen natürlich in gleicher Weise hinaus.