Wäre ich bei der Anlage meiner ethnographischen Sammlung auf lauter Leute von der Art meines Kochs angewiesen, ich würde nicht ein Stück bekommen. Kokett trägt der Bursche an seinem linken Oberarm ein Amulett: eine dünne Schnur mit anscheinend eingenähtem Koranspruch. Leichthin sage ich zu dem Besitzer: „Verkaufe mir das“. Aber welch ein Geschrei hat der Brave daraufhin erhoben: das könne er nicht und das wolle er nicht, denn mit dem Augenblick, wo das Ding von seinem Arm käme, da wäre er auch schon tot. Seitdem mache ich mir von Zeit zu Zeit den Spaß, ihn stets von neuem zum Verkauf seines Talismans aufzufordern; jedesmal erhebt er dann dasselbe Geschrei. Und zeichnen kann er erst! Er hat mir in Lindi einmal die Karte seines Heimatlandes gebracht, von ihm selbst entworfen und auf ein Stück fettigen Butterbrotpapiers gezeichnet. Aus ihr kann höchstens der Teufel klug werden, den er am nächsten Tage, auf die andere Hälfte jenes fettigen Papiers gezeichnet, ebenfalls heranbrachte. Omaris Höllenfürst hat nicht weniger als vier Köpfe, dafür aber nur zwei Arme und gar nur ein Bein; d. h. so schildert er nur den Scheitani mit Worten; seine Zeichnung ist, wie die Karte, ein unentwirrbares Chaos von allerlei krausen Linien. Da sind meine Träger doch ganz andere Künstler; welch lebendige Auffassung herrscht z. B. in jener Zeichnung meines sonst so phlegmatischen Yuma, die den Angriff einer Affenherde auf eine Pflanzung — seine eigene Pflanzung ist es — wiedergibt! Doch mit der Zeichenkunst unserer Schwarzen werden wir uns später noch einmal des näheren befassen müssen.

Affenraubzug auf eine Pflanzung. Nach einer Zeichnung des Yuma (s. auch [S. 450]).

Einen üblen Streich hat mir der Bursche mit meinem Kaffeevorrat gespielt. Ich habe von Daressalam aus zwei große Büchsen besten Usambarakaffees mitgenommen, die eine mit sechs bis acht Pfund gerösteten Bohnen, die andere mit ebensoviel Rohkaffee. Nach menschlichem Ermessen hätte schon die erste Büchse selbst bei stärkstem Einbrauen meines mittäglichen Mokkas auf Monate reichen müssen; um so verblüffter war ich, als mir mein Küchenchef bereits nach 3½wöchiger Reisedauer lakonisch meldete: „Kahawa a me kwisha, der Kaffee ist zu Ende“. Strenge Untersuchung natürlich; Omari behauptet, pro Tag zwei Löffel für mich verbraucht zu haben; ich lasse durch Moritz die zweite Büchse öffnen und messe ihm mit dem bewußten Löffel das Quantum vor, welches er auf Grund seiner Aussage im schlimmsten Fall verbraucht haben kann. In dem Riesenbehälter zeigt sich danach kaum ein Manko. Jetzt sage ich dem Burschen auf den Kopf zu: zu einem Teil hast du ihn selbst gefressen, zum andern an deine Freunde, die Herren Soldaten, verkauft. „Hapana“ ist die ganze Antwort. Retten kann man sich gegen dieses Ausbeutungssystem nur dadurch, daß man dem Mann die benötigte Dosis täglich höchst eigenhändig zumißt; die kostbare Forschungszeit wird dadurch jedoch noch mehr eingeschränkt.

Diese Notwendigkeit der unausgesetzten Kontrolle hat mir auch ein anderer Vorfall klar erwiesen. Kibwana und Moritz sind entweder abwechselnd oder zuweilen auch gleichzeitig krank; beide leiden in der Tat sehr oft an Fieber. Moritz wollte vor einigen Tagen gar sterben, aber nicht hier in Chingulungulu, sondern in Lindi; da stürbe es sich besser. Nils Knudsen mit seinem weichen Wikingergemüt bemitleidete den armen Mohrenknaben so herzerweichend, daß ich mich endlich bewogen fühlte, mein Fieberthermometer — meine Musterapotheke enthält nur eins dieser nützlichen Instrumente — auch einmal außerhalb der gewohnten Ordinationszeit einzulegen. 36,8° hatte der „Sterbende“! Moritz ist diesmal sehr schnell gesund geworden. Doch ein anderes Mal war er wirklich krank. Da habe ich ihm gestattet, sich am Morgen einen großen Topf von meinem Kakao zuzubereiten. Ahnungsvoll gehe ich um Moritzens Frühstückszeit zur Küche hinüber. Was sehe ich? Freilich, zunächst den behaglich schlemmenden Moritz, aber außer dem Patienten auch noch ungefähr meine ganze Mannschaft, die von dem Koch in freigebigster Weise mit dem gesamten Inhalt einer meiner acht Büchsen regaliert wurde. Und da soll man nicht zornig zur Nilpferdpeitsche greifen?

Erfreulicher für mich sind, schon weil ich dabei nicht der leidende Teil bin, die Vergnügungen der eingesessenen Männerwelt. Im Gegensatz zu Massassi mit seinen solennen Frühschoppen herrscht hier in Chingulungulu die Dauersitzung in den Nachmittagsstunden vor. Moritz muß eine feine Nase für derartige Festsitzungen haben, denn jedesmal, wenn er die Führung bei meinem alltäglichen Nachmittags-Studienbummel übernommen hat, sind wir auf eine gewaltige Schar bechernder Männer, Frauen und Kinder gestoßen. Die Lust am Trunk scheint also auch hier ziemlich entwickelt zu sein, trotzdem hier bei Matola in diesem Jahre eigentlich keine rechte Veranlassung dazu vorliegt. Die gegebene causa bibendi ist und bleibt für den Süden denn doch das Unyago, das Mannbarkeitsfest, von dem ich immer und immer wieder hören muß, von dem die Männer erzählen und auch die Jünglinge, ohne daß ich bisher von dieser Einrichtung auch nur das Geringste zu Gesicht bekommen hätte. Einstweilen sehe ich sogar nicht einmal die Möglichkeit vor mir, die allem Gehörten nach recht komplizierten Vorgänge mit eigenen Augen zu schauen. Aber ich will und muß es erzwingen.

Daß in diesem Jahr des Heils 1906 hier in Chingulungulu kein Unyago stattfindet, beruht auf der Einrichtung, daß dieses Fest im Turnus wandert; es geht reihum von einem Dorfhäuptling zum andern; wie ich wohl mit Recht annehmen darf, der nicht geringen Kosten wegen. Zu den ungeheuren Mengen von Pombe, die anläßlich der vielen Tanzfeste getrunken werden, treten auch noch große Mengen von Speisevorräten, deren Vertilgung die von weit und breit herzugeströmte Festgesellschaft sich mit gutem Appetit und bedeutender Ausdauer hingibt. Dazu kommen schließlich auch noch erhebliche Mengen neuer bunter Kattunstoffe von der Küste, mit denen die für mannbar Erklärten neu eingekleidet, ihre Lehrer und Lehrerinnen aber zum Entgelt für treugeleistete Erzieherdienste honoriert werden sollen. Ich wünsche nichts sehnlicher, als gerade in diese Vorgänge einen guten Einblick zu gewinnen, denn soweit ich die Afrikaliteratur übersehe, ist gerade dieser Teil des ethnologischen Forschungsfeldes hier im Osten bisher nur wenig oder gar nicht beackert worden.

Einstweilen vergnügen die Männer sich und mich in anderer Weise. Schon in Massassi war eines Tags ein Auflauf entstanden. „Sulila a me kuja, Sulila ist gekommen“, hat es von allen Seiten gerufen und geschrien, und ein großer Haufen Volks hat sich um einen fremden Mann zusammengeballt. Dieser war schon dadurch recht merkwürdig, daß er, obwohl stockblind, den weiten Süden Ostafrikas gewohnheitsmäßig mit vollkommener Sicherheit durchzog. Zwar hatte er einen Begleiter, aber dieser führte Sulila nicht, sondern ging hinter ihm her, dem Barden die berufliche Ausrüstung nachtragend. Sulila, dem Stamm der Yao angehörig, ist in der Tat Berufssänger; er erbot sich ganz von selbst, mir seine Leistungen vorzuführen, und war im Handumdrehen mit seinen Vorbereitungen fertig. Sein Handwerkszeug ist einfach genug. Er hat seine Leibkapelle, die er aber von Fall zu Fall rasch zusammenstellt: sechs, acht Männer treten heran, kauern sich im Viereck nieder, legen vor sich eine ihrer Rinde beraubte, armdicke Holzstange, nehmen in jede Hand einen ebensolchen Schlegel und harren des Zeichens zum Beginn der Vorstellung durch ihren Meister. Dieser hat sich inzwischen herrlich ausstaffiert; um Fußknöchel und Knie hat er ganze Rasselsysteme gebunden, Dutzende von Hohlfrüchten von der Größe mittelstarker Äpfel, die mittels Lederriemen unter sich und mit dem betreffenden Körperteil verbunden sind. Um die Hüften trägt der Sänger ganze Felle und Fellstreifen von wilden Tieren, Wildkatzen, Affen, Leoparden; einer barbarischen Krone gleich prangt schließlich auf seinem Haupte, das Gesicht weit überschattend, ein breiter Haarreif aus der Mähne des Zebras oder einer großen Antilopenart.

Barde Sulila an der Boma von Massassi.