Sulila ist in das Ouadrat seiner Kapelle getreten; in der Linken trägt er sein Saiteninstrument, in der Rechten den Bogen. Das Instrument ist ein Monochord; der Resonanzboden ein aus dem Vollen geschnitzter Holzzylinder, der Saitenträger ein rundgeschnitzter Stab; die Saite ein Büschel Haare aus dem Schweif irgendeines der großen Säuger des Landes. In Ermangelung von Kolophonium fährt der Barde mit seiner feuchten Zunge über die Strichseite des Bogens. Den hebt er jetzt und setzt ihn auf die Saite; ein klagender Ton; im selben Moment ein furchtbares Gebrüll aus Sulilas Munde und ein ohrenbetäubender Spektakel von der „Kapelle“ auf ihrem „Xylophon“. Im Grunde genommen sollte man es bedauern, als Forscher hinausgezogen zu sein; es gewährt einen unendlichen Reiz, diesen seltsamen Künstler arbeiten zu sehen, und jede Ablenkung durch die Bedienung der Apparate bedeutet einen Genußverlust. Und Sulila arbeitet wirklich; unausgesetzt entlockt er seinem primitiven Instrument die wenigen Töne, über die es verfügt; sie sind tief und ganz ansprechend. Ebenso unausgesetzt ertönt dazu sein Gesang. Dieser ist weniger ansprechend, wenigstens für den Europäer; dem schwarzen Auditorium scheint er als die Musik schlechthin zu gelten, denn es ist einfach „weg“ vor Begeisterung. Sulilas Organ ist rauh, aber stark; diese Stärke mag zu einem Teil auf seiner Blindheit beruhen; genau wie ein Tauber kann auch er nicht den Umfang seiner Schallwellen abschätzen. Zudem ist sein Tempo förmlich rasend; mein Ohr ist an das Kiyao schon etwas gewöhnt, aber trotzdem vermag es kaum Einzelworte zu unterscheiden.
Doch das Reizvollste ist die dritte seiner Betätigungen: Sulila spielt und singt nicht nur, er tanzt auch. Und wie tanzt er! Mit rhythmischem Wippen der Knie, bedingt durch das Streichen der Geige, hebt es an; mit der typischen Unsicherheit des Blinden zittert dabei das Gesicht von einer Seite zur andern. Nach und nach wird das Wippen tiefer, auch schneller; der Tänzer beginnt sich zu drehen; erst langsam, dann schneller; schließlich rast er um seine Längsachse. Auch sein Bogen rast, seine Stimme läßt das nahe Pori erzittern, die Kapelle hämmert mit wahnsinniger Hast auf ihre Holzstangen. Es ist ein Höllenspektakel. Das Publikum ist hingerissen.
Ich habe es, wie gesagt, heimlich immer von neuem bedauert, mich nicht rückhaltlos dem Eindruck dieser Vorführungen hingeben zu können, aber die Forscherpflicht waltet schließlich doch vor; so verlebt man am Kinematographen, am Phonographen und an der Kamera eigentlich mehr anstrengende als unterhaltende Stunden. Daran ist nichts zu ändern; hat man schließlich wie ich das Glück, seine Bemühungen von einigem Erfolge gekrönt zu sehen, so ist dieser Umstand sehr wohl geeignet, alle jene Mühseligkeiten vergessen zu machen; um so mehr, als vor allem der Kinematograph die Szene mit verblüffender Lebenswahrheit wiederzugeben aufs beste geeignet ist.
Phonographische Aufnahmen sind schon bei sehenden Negern nicht leicht. Man hat den Sänger vor den aufgebauten Apparat gestellt, hat ihm klargemacht, wie er den Kopf halten muß, und daß er stets genau in die Trichterachse hineinzusingen hat. „Hast du es begriffen?“ fragt man nach diesem Privatissimum den Barden. „Ndio, jawohl“, ertönt es ganz selbstverständlich zurück. Vorsichtig, wie man einmal in Afrika sein muß, läßt man erst Probe singen, ohne den Apparat anzustellen. Der Mann ist noch zu schüchtern und singt zu leise. „Quimba sana, sing doch lauter“, ermuntert man ihn. Eine zweite Wiederholung; unter Umständen sogar eine dritte und vierte. Jetzt geht es; der Sänger ist im Bilde. Ich stelle den Apparat an, gebe das verabredete Zeichen, Sänger und Maschine arbeiten zusammen. Eine Zeitlang geht das gut; wie eine Säule steht der Sänger. Dann muß ihn irgend etwas in seinem Gleichgewicht stören; unruhig wendet er den Kopf hin und her; man kann gerade noch den Apparat abstellen und die Belehrung von vorn anfangen. Dies ist das normale Bild; in vielen Fällen war es ganz zweifellos die liebe Eitelkeit, die den Sänger veranlaßte, sich während seines Auftretens kokett nach links und rechts zu wenden. Seht, welch ein Kerl ich bin! hieß das auf deutsch.
Viel schlimmer ist es mit Sulila; seine verflixte Gewohnheit des ständigen Kopfdrehens kann er auch vor dem Trichter nicht lassen; die ersten Aufnahmen von seinen Leistungen wimmeln denn auch von den fürchterlichsten Blechtönen. Mit der raschen Impulsivität, die mich vor so vielen Menschen auszeichnet und die ich an mir schon sooft zu bedauern Veranlassung gefunden habe, die mir aber hier über alle Schwierigkeiten glatt hinweghilft, fasse ich neuerdings den blinden Sänger einfach am Kragen, sobald er seine Löwenstimme erschallen läßt. Dann halte ich das wollige Haupt wie in einem Schraubstock fest, bis der Barde sein Heldenlied zu Ende gebrüllt hat. Ob er zuckt und zerrt und den Kopf noch so energisch zu wenden versucht — ich halte ihn.
Und Heldenlieder sind es zumeist, was die Yaosänger mir bisher aufgetischt haben. Hier eine solche Rhapsodie Sulilas, die er mir am 24. Juli in Massassi in den Trichter gesungen hat:
„Tulīmbe, achakalungwa! Wausiyaga ngondo, nichichi? Watigi: Kunsulila kanapogwe. Yaiche ya Massito; uti toakuquimi. Ya yaoide. Nambo yandachi payaiche, kogoya kuona: msitu watiniche; bamba siatiniche; busi siatiniche; nguku siatiniche; kumala wantu putepute; nokodi papopu; kupeleka mbia siakalume. Gakuūnda. Mtimma wassupŭiche: Ngauile pessipo Luja. Kunsulila ngomba sim yaule kwa Bwana kubwa: Nam(u)no anduwedye atayeye mapesa gao. Sambano yo nonembesile.“
Zu deutsch heißt das:
„Laßt uns aushalten, uns Alten! Was ist ein Krieg, was? Sie sagten: Herr Sulila ist noch nicht geboren. Dann kommt (der Krieg) der Masitu; Gewehre werden geschossen (sehr mächtig). Dann sind sie weggelaufen. Aber die Deutschen sind gekommen, gefährlich sah es aus. (Alles) Holz ist abgebrannt; Ameisen wurden aufgebrannt; Ziegen wurden aufgebrannt; Hühner wurden aufgebrannt; alle Leute wurden getötet; Steuer kam herauf; sie mußten bringen Rupien zu Hunderten. War noch nicht zufrieden. Herz wurde ängstlich: Wir wollen lieber sterben auf der andern Seite des Luja. Herr Sulila telegraphierte an den Herrn Bezirksamtmann: er kann mir das Fell über die Ohren ziehen und einen Sack für seine Pesa daraus machen lassen. Jetzt bin ich müde.“
Musikalisch stehen die Völker des Südostens von Deutsch-Ostafrika auf keiner hohen Stufe; sie haben keine eigentliche Melodie, und auch ihre Vortragskunst geht nicht über ein rasendes Parlando hinaus. In beiden Richtungen stehen sie alle, die Yao, Makua und Wanyassa, weit hinter meinen Wanyamwesi zurück, die in beidem Meister sind. Nur einen Vorzug wird man den Südvölkern nicht absprechen können: der Text ihrer Lieder hat Sinn und Verstand, ist folgerichtig aufgebaut und entbehrt hier und da selbst nicht einer dramatischen Steigerung. Diese tritt in Sulilas Liede ja in geradezu großartiger Form zutage.