Die Masitu haben einen ihrer gewohnten Überfälle auf die ahnungslosen Bewohner des mittleren Rovumagebietes gemacht. Welcher der vielen blutigen Raubzüge es ist, läßt sich aus Sulilas Worten nicht entnehmen; es kann ebensogut einer aus den 1880er oder 90er Jahren sein, oder auch der letzte Aufstand. Wahrscheinlich ist es sogar der letztere, denn soweit ich die Geschichte des Südens beurteilen kann, ist bei früheren Aufständen niemals von einer Steuer die Rede gewesen. Es handelt sich auch in diesem Fall weniger um eine Kriegssteuer, als um die Erlegung der seit einer Reihe von Jahren eingeführten Hüttensteuer, die gerade in den letztverflossenen Monaten als eine direkte Folge des von uns siegreich niedergeschlagenen Aufstandes von den Unzuverlässigen und aufständisch Gewesenen in überraschender Höhe an die Bezirkskasse in Lindi abgeliefert worden ist.

Einen Wendepunkt in dem üblichen Geschieße der Neger unter sich bedeutet das Eingreifen der Deutschen; die Eingeborenen haben das Gefühl: Donnerwetter, jetzt wird’s ernst. Dies spiegelt sich in ihrem Ideenkreise wider durch eine Vernichtung der verschiedensten Kulturgüter. Zuerst brennt das Pori nieder; dabei gehen alle Ameisen zugrunde. Dann kommen die Ziegen heran; sie sind hier im Süden nicht zahlreich, wohl aber die Hühner, denen es jetzt an den Kragen geht. Schließlich werden auch viele Menschen getötet; Sulila spricht in seiner Ekstase gleich von allen. Nun kommen die Friedensbedingungen der siegreichen Deutschen: eine schwere Steuer in glänzenden Rupien, die wohl oder übel aufgebracht werden muß. In den Augen der Betroffenen wächst die Summe ins Riesengroße; sie werden ängstlich und planen den Schritt, der hier im Süden stets in der Luft liegt: sie wollen sich durch eine Massenauswanderung den Folgen des Krieges entziehen. Da aber naht der Retter und Held. Es ist Sulila selbst. Im Vollbewußtsein seines hohen Wertes nennt er, der bedauernswerte arme Blinde, sich stolz kun, Herr. Er sieht sein Land schon überzogen mit einem der höchsten Kulturmittel der weißen Fremdlinge, mit dem Telegraphendraht. Eiligst telegraphiert er an den Bwana kubwa, daß seine Landsleute sich in alles ergeben; sie denken nicht mehr an Widerstand, aber sie haben auch kein Geld mehr. Und sie sind so verzagt, daß der Große Herr ihnen selbst das Fell über die Ohren ziehen und einen Beutel für alle die schweren Rupien daraus machen lassen könnte, ohne daß sie noch an weiteren Widerstand dächten. Damit ist das eigentliche Lied zu Ende; der Schlußsatz: Jetzt bin ich müde, bezieht sich auf den Sänger selbst, den die ungewohnte geistige Arbeit des Diktierens stark mitgenommen hat.

Hier in Chingulungulu gibt es von diesen Barden mehrere; der berühmteste von ihnen ist Chelikṓsŏe, zu deutsch Herr Ratte, der bei jedem Auftreten mit allgemeinem Beifallsgemurmel begrüßt wird. Stimmgewaltiger noch als er ist Salanga; dafür ist dieser so dumm, daß es ihm bisher noch nicht gelungen ist, mir einen seiner Liedertexte authentisch in die Feder zu diktieren. Wenn ich es wagen dürfte, die Aufnahmen zu reproduzieren, so hätte ich ohne weiteres ein Mittel, mit Hilfe der Intelligenteren aus der Zuhörerschar den Text genau festzulegen, doch darf ich das bei den 31° Normaltemperatur, die wir jetzt haben, gar nicht wagen. Ich will wenigstens zwei Liedertexte des Likosoe bringen; der eine ist kurz und erbaulich und bewegt sich ganz im Gedankenkreise der Negerrasse im allgemeinen, d. h. der Text enthält nur einen einzigen Gedanken, den Likosoe in regelmäßigem Wechsel zwischen Solo und Chor unendlich oft wiederholt. Das Lied heißt:

Solo: Olendo u che Kandangu imasile. Imanga kukaránga.

Die Reise des Herrn Kandangu ist zu Ende. Der Mais ist geröstet.

Chor: :::Olendo u che Kandangu:::

Anzug und Vortragsart sind bei Likosoe fast genau wie bei Sulila, nur daß Likosoe, seinem Namen entsprechend, noch viel lebhafter geigt, singt und tanzt wie sein blinder älterer Kollege. Er ist überhaupt ein Allerweltskünstler; er mimt zu ebener Erde, und es macht ihm nichts aus, seine Künste auch auf hohen Stelzen zu zeigen, ein Anblick, der mich zum erstenmal nicht wenig in Erstaunen setzte. Das Lied selbst bezieht sich natürlich auf ein Ereignis, auf eine Reise, an der er selbst beteiligt gewesen ist. Das wichtigste Ergebnis im Sinne des Negers ist dabei, daß aller Mais geröstet, d. h. draufgegangen ist.

Weit interessanter ist das andere Lied des Herrn Ratte; es hat eine unleugbare Verwandtschaft mit Sulilas Heldenlied, gewinnt aber gerade für mich ein aktuelles Interesse dadurch, daß es sich um die Person des Herrn Linder rankt, des trefflichen Wirtschaftsinspektors der Kommune Lindi, dem ich so manchen Ratschlag verdanke und der wegen seiner guten Kenntnis gerade dieses Teiles vom Hinterland ursprünglich zu meinem Begleiter ausersehen war. Linder hat sich um die Niederschlagung des Aufstandes die größten Verdienste erworben; während an das Eingreifen der Schutztruppe noch gar nicht zu denken war, hatte er mit einer schwachen Polizeiabteilung schon zahlreiche Angriffe der Aufständischen abgeschlagen und manchen Sieg davongetragen; schließlich ist er sogar noch ziemlich schwer verwundet worden. Während aber auf Marine und Schutztruppe die Auszeichnungen nur so herniedergeregnet sind, wandelt „Bwana Linda“ noch heute, lange nach dem letzten Gefecht, gänzlich undekoriert unter den Sterblichen. Doch er ist nicht nur ein Held, sondern zugleich auch Philosoph.

Hier das Lied:

„Olendo wa Linda (er); pa kwenda ku Massassi na gumiri chikuo: mkasā́lĭle mbwana kubwa ngondo djiidje na autŭidje lunga yangadye. Mkasā́lile akida Matora: ngondo djiidje na gombel(r)e lilōmbe. nukuidjir(l)a Massassi; Mwera kupita mchikasa mpaka pe Lindi. Ne wapere rukhsa. Yendeye ku mangu enu; mkapānde mapemba.“