Um so größer sind meine Erwartungen bezüglich Medullas. Doch die Medizinen gehen vor; wir feilschen mit ihm wie die Armenier, der Mann läßt sich auf nichts ein; schließlich zeigt er uns ein paar der üblichen Kalebassen mit ihren fragwürdigen Mixturen, fordert aber dafür so unverschämte Preise, daß nun auch ich einmal, und zwar mit großer Genugtuung, sagen kann: „Hapana rafiki, gibt’s nicht, Freundchen.“ Auch Medulla ist Philosoph; „na, denn nicht“, denkt er allem Anschein nach, beginnt ein großes Gespräch über seinen Namen, versucht sich dann mit der Aussprache des meinigen und geht erst allmählich zu dem zweiten Teil des Programms über. Wie ein Reporter unserer gräßlichen modernen Wochenblätter stehe ich mit meinem Apparat auf der Lauer; Medulla sitzt ungünstig, draußen schreiendes Licht, in seiner kühlen Hütte tiefes Dunkel; ich nötige ihn sich umzusetzen, er tut’s nicht; ich bitte, ich schmeichle ihm, er grinst, holt umständlich seine Pfeife hervor, zündet sie mit glühender Kohle an, pafft und rührt sich nicht. Im Vertrauen auf mein Voigtländersches Kollinear lasse ich ihn schließlich sitzen, um überhaupt nur weiter zu kommen. Ich will den Webstuhl sehen und wie er gebraucht wird. Erst müsse er, Medulla, den Faden machen, heißt es. Ich füge mich. Langsam greift der Alte in einen Korb, holt ebenso bedächtig eine Handvoll Kapseln hervor, entkernt sie kunstgerecht und beginnt nun, die flockige weiße Masse mit einem Stäbchen zu schlagen. Überraschend schnell ist das ziemlich große Quantum Baumwolle gleichmäßig locker. Medulla nimmt sie in die Linke und beginnt mit der Rechten den Rohfaden zu zupfen. „Aha,“ denke ich, „die Sache kommt dir bekannt vor; das haben vor mehr als 30 Jahren die Eichsfelder ebenso gemacht, wenn sie allwinterlich in unser hannöversches Dörfchen kamen, um dort den Bauern die Wolle zu verspinnen.“ Doch damit hört auch schon die Parallele auf, der weitere Gang ist wieder ganz urmenschlich: Anknüpfen des Rohfadens an das Fadenende auf der Spindel, Durchziehen dieses Fadens durch den unsere Öse ersetzenden Spalt, Wirbeln der Spindel in der Rechten unter weit abgespreizter Linker; sodann ein Herniedergehen mit beiden Armen, ein rasches Rollen der Spindel auf dem rechten Oberschenkel — der Faden ist zum Aufwickeln fertig.
Der alte Medulla, sein Pfeifchen anbrennend.
Medulla hat es fertiggebracht, uns eine ewige Zeit in derselben Weise zu langweilen; den berühmten Webstuhl hat auch er schließlich nicht hervorgeholt, sicher aus dem einfachen Grunde, weil dieses Rudiment eines alten Kulturzustandes wohl nur noch im Munde seiner leichtgläubigen Landsleute existiert. Der gerissene Allerweltskünstler versprach bei unserem mehr als kühlen Abschied zwar hoch und heilig, er werde mit seiner Maschine nach Newala kommen, doch dies hat ihm nicht einmal der dümmste meiner Leute geglaubt.
Mädchen-Unyago im Makondeweiler Niuchi.
Dreizehntes Kapitel.
Unyago überall.
Newala, Mitte September 1906.
Hurra, Unyago überall, an allen Ecken und Enden; es ist eine Lust zu leben! Mit dem reizvollen Fest von Akuchikomu scheint der Zauberbann gebrochen, der mir gerade die besten Wochen hindurch die Einsicht in diesen völkerkundlich so wichtigen und hochinteressanten Gegenstand verwehrt hat; an nicht weniger als zwei typischen Festfeiern habe ich in der kurzen Zeit meines Newala-Aufenthaltes bereits teilgenommen, und beide waren noch dazu Mädchen-Unyago. Und das hat mit seiner Güte Akide Sefu getan.
O du braver Sefu bin Mwanyi, du Zierde deiner Vaterstadt Ssudi, du Stolz und Perle deines Standes, wie soll ich dir danken, was du bereits an mir getan hast, täglich tust und fernerhin noch tun wirst! Du bist ein Mann von edlem Schnitt des Antlitzes, von hohem Wuchs und der Farbe der Nachkommen des Propheten; Negerblut hast du wohl kaum ein Tröpfchen in deinen Adern, sondern rein und unvermischt hat sich die Reihe deiner arabischen Ahnen durch die Jahrhunderte hindurch bis auf dich herab fortgeführt. Und sprachgewandt bist du, daß Nils Knudsens Ruhm schnell vor dir verblaßt! Bewahre dir dein Verständnis auch für die Ziele späterer Reisender, dann kann es an Früchten deutscher wissenschaftlicher Forschungsarbeiten nicht fehlen!