Wir hatten uns von dem schrecklich mühsamen Aufstieg, den die Steilheit des Plateauabsturzes gerade hier bei Newala bedingt, ein klein wenig erholt, hatten uns notdürftig in der gegen den gefürchteten Abendwind von Newala weit offenen Barasa in der Boma, der Palisadenumzäunung, dieses Ortes eingerichtet und uns gegen die geradezu arktische Kälte der ersten Newala-Nacht durch alle verfügbaren Decken zu schützen gesucht, da kam auch schon im frühen Morgengrauen der diensteifrige Akide herbeigeeilt, um uns nach dem Makondedorf Niuchi zu führen; dort sei heute das Schlußfest des ersten Mädchen-Unyago, da würde ich viel Neues sehen und hören. Eine Stunde später hatten meine Auserwählten, wozu in diesem Falle auch mein gutes, altes Maultier gehörte, und wir uns bereits durch eine tüchtige Portion urechten Makondebusches hindurchgewunden; mein Reittier hätte, selbst wenn es in seinem angeborenen Stumpfsinn dazu fähig gewesen wäre, sich durchaus nicht zu wundern brauchen, warum es denn heute die gewohnten 180 Pfund nicht zu tragen hatte, denn an Reiten war bei diesem Kampf mit Dorn und Busch, die selbst auf dem begangensten Makondepfade kaum 30, 40 Zentimeter eines halbwegs freien Raumes offen ließen, nicht zu denken. Gänzlich unvermittelt standen wir auf einem kleinen, freien Platz inmitten einiger Häuser und sahen mit ebenso großer Verwunderung auf einen stattlichen Haufen seltsam ausschauender Frauengestalten, die erschreckt zu uns herüberstarrten. Ich sah sofort, daß auch hier möglichste Zurückhaltung nur von Nutzen sein könne und verschwand mit all meinen Apparaten und Leuten hinter der Ecke der nächsten Hütte. Von dort aus habe ich ganz ungestört eine Summe von Vorgängen sich abspielen sehen, wie sie in dieser Eigenart bisher wohl selten einem Reisenden sichtbar geworden sind.
Es ist 8 Uhr morgens; im frischesten Grün schließt sich der Makondebusch fast über unseren Häuptern zusammen; nur ein Baum mitten auf dem Dorfplatz und einige wenige, ebenso stattliche Gefährten ragen über das Buschwerk und die niedrigen Makondehütten hinaus in die klare Morgenluft. Die wenigen Weiber, die bei unserer Ankunft den Platz mit Büscheln grüner Zweige sauber gefegt hatten, sind blitzschnell in den Schwarm der übrigen Frauen zurückgetaucht. Diese stehen wie eine Mauer um fünf andere, in schreiendes Bunt gekleidete Wesen, die in Hockstellung im Schatten eines Hauses kauern, sich mit den Händen Augen und Schläfen überdecken und durch die Finger unverwandt zu Boden starren. Da, ein schriller Ton; fünf oder sechs der Frauen eilen mit grotesken Sprüngen über den Platz, keck steht das Pelele, die Lippenscheibe von wahrhaft fabelhaften Dimensionen, in die Luft, unter ihm aber fliegt die weit vorgestreckte Zunge in raschen Horizontalschwingungen hin und her. Dies gehört nun einmal zu dem berühmten Frauentriller Ostafrikas; ohne dies ist er nicht kunstgerecht. Den ersten sechs folgen bald ein Dutzend andere Weiber.
„Anamanduta, anamanduta, mwanangu mwanagwe“,
„Es geht weg, es geht weg, mein liebes Kind“,
ertönt es aus ihrer Mitte, zunächst solo, dann im Chor; Händeklatschen im strengen Takt, tänzelnde Schreitbewegungen über den Platz hin und her begleiten das Lied. Trennungsschmerz im wilden Osten, denke ich, als mir Sefu in rascher Gewandtheit den Text übersetzt hat. Da ertönt auch schon ein neuer Sang:
„Namahihío atjikuta kumawēru.“
„Die Eule schreit in der Schamba.“
Auch der Vortrag dieses Sanges dauert eine geraume Zeit; dann steht alles plötzlich wieder in dichter Scharung um jene fünf Kleiderbündel herum. Aus dem Schwarm treten fünf ältere Gestalten hervor; mit Bündeln von Hirserispen schmücken sie das Haupt ihrer Schülerinnen, denn das sind jene buntfarbigen Wesen. Diese erheben sich jetzt, treten eine hinter der andern an, legen beide Hände auf die Schultern des „Vordermannes“, die Trommelkapelle setzt ein; alt und jung wiegt den Mittelkörper rhythmisch und meisterhaft zugleich im Bauchtanz.
„Chihakātu cha Rulī́wĭle nande kuhuma nchēre.“
„Das Chihakatu (eine kleine Korbschale) des Liwile wird früh aus dem Haus herausgetragen“, so erschallt es jetzt aus dem Chor heraus. Mit dem Chihakatu ist anscheinend der Ährenschmuck gemeint; der Neger liebt es, zu symbolisieren.