In bezug auf den Habitus der verschiedenen Stämme hier auf dem Westrande des Plateaus komme ich zu keinem anderen Ergebnis als dem bereits in der Ebene gewonnenen: es ist für einen Nichtanthropologen unmöglich, es dem einzelnen direkt anzusehen, welches Stammes er sei. Ich glaube aber, auch für den Anthropologen von Fach möchte diese Unterscheidung schwer sein, selbst auf Grund der peinlichsten Untersuchung; die ganze große Völkergesellschaft hier im Osten des Erdteils, zwischen dem großen zentralafrikanischen Graben, dem Tanganyika und dem Nyassa im Westen und dem Indischen Ozean im Osten, ist nun einmal eng miteinander verwandt; manche ihrer Sprachen unterscheiden sich nur dialektisch; die Stämme werden zweifellos dieselbe Schädelbildung und denselben Knochenbau besitzen; von auffallenden äußeren Stammesunterschieden kann da unmöglich die Rede sein.
Und selbst wenn sie beständen, hätte ich keine Zeit und Muße, mich mit ihnen zu befassen, denn welch ungeheure Fülle von ethnographischen Erscheinungen allein ist es, die Tag für Tag auf mich einstürmt, die gesehen oder gehört, in beiden Fällen aber begriffen, aufgezeichnet und niedergeschrieben sein will. Fast könnte ich es als ein Glück bezeichnen, daß wenigstens einzelne Forschungsgebiete durch äußere Umstände brachgelegt worden sind. Da ist vor allem das Gebiet der Eisentechnik. Afrika gilt sonst als ein Erdteil, wo der Eisenstein sozusagen auf der Straße liegt und wo es verwunderlich erscheinen möchte, wenn seine Bewohner nicht zur Verhüttung des überall anstehenden Materials gelangt wären; tatsächlich reicht ja auch die Kenntnis des Eisenschmelzens vom Nordrand bis zu den Kaffern.
Hier zwischen Rovuma und Lukuledi liegen die Verhältnisse nicht so günstig. Raseneisenstein oder eine andere Eisenverbindung ist, wie die Makonde erzählen, ihnen nicht bekannt; sie und ihre Vettern, die Wamatambwe, sind demgemäß nicht bis zur Technik des Eisenschmelzens fortgeschritten, sondern haben seit jeher ihre Eisengeräte von den Nachbarstämmen kaufen müssen. Aber auch den Bewohnern des Tieflandes ist es nicht leicht gemacht worden. Nur ein einziger Fundi, ein alter Mann am Huwe, jenem steilwandigen Granitklotz, der sich einsam mitten aus der weiten, grünen Einöde zwischen Massassi und Chingulungulu erhebt und dessen zackiges, wild zerklüftetes Haupt den Wanderer überall grüßt, steht im Ruf, als letzter der Lebenden noch die Kunst des Eisenschmelzens zu bewahren. Schon von Massassi aus wollte ich den Mann in seiner Tätigkeit studieren; doch da hieß es: er ist aus Angst vor dem Aufstand über den Rovuma gegangen; er kommt indes bald wieder. Seitdem habe ich immer wieder gefragt: Ist er denn nun endlich da, der Fundi? „Bado“, hieß es dann urecht afrikanisch.
Gelbgießer beim Schmelzen des Messings.
Einen gelinden Trost hat mir dafür ein Gelbgießer gewährt, den ich im Walde von Akundonde erwischte. Der Mann ist der Liebling der Frauen und also wohl auch der Götter; er fabriziert aus goldgleißendem Messing, das er um schnöden Mammon von der Küste erhandelt, jene massiven, wuchtigen Fuß- und Handknöchelringe, die an den schlanken Gliedern der Schönen meine staunende Bewunderung stets von neuem erregen. Wie jeder ordentliche Meister trug der Mann sein gesamtes Handwerkszeug bei sich: 2 Blasebälge, 3 Schmelztiegel, 1 Hammer, das war alles. Bitten ließ er sich nicht lange; eins, zwei, drei waren die beiden Blasebälge am Boden befestigt. Es sind einfache Ziegenbälge, deren Extremitäten durch einen Knoten in sich verschlossen sind, während die obere, für die Luftzufuhr bestimmte, weite Öffnung von zwei Holzleisten eingefaßt wird. Am anderen Ende des Balges ist eine schmale Öffnung gelassen; in dieser steckt eine Holzröhre. Rasch hat der Fundi aus der nächsten Hütte einen Haufen Holzkohlen erborgt; schon hat er auf die Mündungen der zwei Holzröhren — es kommen stets zwei Blasebälge zur Anwendung, um einen dauernden Luftstrom zu erzielen — eine Tondüse gesetzt; mit einem derben Schlag treibt er einen Holzhaken über den Holzröhren in die Erde. Jetzt füllt er den einen seiner kleinen, bereits stark verschlackten Tontiegel mit dem gelben Material, setzt ihn ins Zentrum des Kohlenherdes, der einstweilen nur schwach glimmt, und dann beginnt die Arbeit. In raschem Wechsel fahren die Hände des Fundi mit den Schlitzen der Blasebälge auf und nieder; hebt er die Hand, so spreizt er den Schlitz breit auseinander, so daß die Luft ungehindert in den Fellsack hineintreten kann; drückt er die Hand nieder, so schließt er den Sack, und fauchend bläst die Luft durch Bambusrohr und Düse in das rasch erstarkende Kohlenfeuer. Doch der Mann bleibt nicht bei der Arbeit; schon hat er einen andern herangewinkt, der ihn beim Blasen ablöst. Im Gleichtakt sausen die Hände auf und nieder, der Fundi aber hat aus seinem Rucksack, einer großen Felltasche, noch ein paar Werkzeuge geholt; mit Verwunderung sehe ich, wie er zunächst mittels eines glatten, fingerstarken Rundstabes ein paar Löcher senkrecht in den reinen Sand des Waldbodens drückt. Dies mag nicht schwer sein, gleichwohl entwickelt der Mann dabei bedeutende Sorgfalt. Darauf ein rasches Niederknien, ein paar Schläge auf ein paar kleine Holzhaken; an den Boden genagelt sehe ich eine kleine, niedliche Mulde. Ein Stück Bambusrohr ist es, der Länge nach halbiert, so daß die beiden Endknoten den Miniaturtrog abschließen. Endlich ist das gelbe Metall flüssig genug; mit zwei langen, durch Aufsplittern zangenartig gegabelten Stäben hebt der Fundi den Tiegel vom Feuer: eine kurze, rasche Wendung nach links, ein Neigen des Tiegels, unter Zischen und starker Rauchentwicklung fließt das Metall zunächst in die Bambusform, sodann in die Erdlöcher.
Das Verfahren dieses hinterwäldlerischen Meisters mag technisch nicht auf der Höhe stehen; es läßt sich indes nicht leugnen, daß er mit den geringsten und einfachsten Mitteln vollkommen Ausreichendes zu erzeugen versteht. Die vornehmen Damen hierzulande, d. h. die, welche es sich leisten können, tragen zweierlei Arten dieser schweren, massiven Messingringe: eine im Querschnitt halbkreisförmige und eine kreisrunde. Jene erzeugt der Fundi in genialster Weise in der Bambusform; Peripherie: rund, Oberfläche: horizontal; die andere in seinem kreisrunden Sandloch. Das Anlegen an die Gliedmaßen seiner Kundinnen ist einfach; mit leichten Schlägen seines Hammers legt der Meister das biegsame Metall ohne weitere Belästigung für die Trägerinnen um Arm und Knöchel herum.
Formen des Topfes.