Anbrennen auf der Gegenseite.
Wenden des glühenden Gefäßes.
Wanyassa-Töpferei in Massassi.
Eine Technik, die immer und überall das Interesse jedes Kulturhistorikers erwecken muß, eben weil sie so eng einesteils mit der Kulturentwicklung der Menschheit zusammenhängt, sodann weil gerade die Rekonstruktion unseres eigenen vorgeschichtlichen Kulturbildes sich in hohem Grad auf ihre Reste stützt, ist die Töpferei. Mit Vergnügen denke ich an die zwei oder drei Nachmittage zurück, wo in Massassi Salim Matolas schlanke, freundliche Mutter mir mit rührender Geduld die keramischen Künste ihres Volkes in konkretem Beispiel erläutert hat. Ist das ein urwüchsiges Verfahren! Einzige Hilfsmittel: in der Linken ein Patzen Ton, in der Rechten eine Kürbisschale mit folgenden Kostbarkeiten als Inhalt: dem Fragment eines ausgelutschten Maiskolbens, einem taubeneigroßen, eiförmigen, glatten Kiesel, ein paar Stückchen Flaschenkürbis, einem handlangen Bambussplitter, einer kleinen Muschelschale und einem Päckchen eines spinatartigen Krautes. Das ist alles. Mit der Muschel kratzt die Frau in den weichen, feinen Sandboden ein kreisrundes, flaches Loch. Inzwischen hat eine frische Negermaid das Kürbisgefäß mit Wasser gefüllt; die Frau fängt nun an, den Klumpen zu kneten. Wie durch Zauberhand entwickelt sich dieser zu einem zwar rohen, aber doch immerhin bereits formenreinen Gefäß, das lediglich einer kleinen Nachhilfe mit jenen Instrumenten bedarf. Gespannt habe ich nach irgendwelchen Anfängen der Drehscheibe ausgeschaut; hapana, gibt es nicht. Ruhig und fest steht der Topfembryo in jener kleinen Vertiefung; tiefgebückt umwandelt ihn die Frau, ganz gleich, ob sie mit dem Maiskolben die größeren Unreinlichkeiten, kleine Steine und dergleichen entfernt oder Innen- und Außenfläche mit dem Bambussplitter glättet, ob sie später, nach eintägiger Trockenzeit des werdenden Gefäßes, mit zugeschliffenem Kürbisstück die Ornamente einsticht oder den Boden ausarbeitet; ob sie mit scharfem Bambusmesser den Rand schneidet, oder das nunmehr fertige Gefäß noch einer letzten Revision unterzieht. Unendlich mühselig ist dieses Frauengeschäft, aber es ist zweifellos ein getreues Spiegelbild des Verfahrens, wie es auch unsere neolithischen und bronzezeitlichen Vorfahren geübt haben.
Die Frau hat das unschätzbare Verdienst, die Erfinderin der Töpferei zu sein. Rauh, roh und rücksichtslos schweift die Männerwelt des Wildstammes durch das Gefilde; mit vereinter List haben die Jäger soeben das Wild zur Strecke gebracht; keinem fällt es ein, die Beute zum Wohnplatz zu schaffen. Schon prasselt, vom kraftvoll gequirlten Bohrstab hervorgerufen, ein helles Feuer zu ihrer Seite; kunstgerecht ist das Tier ausgeweidet und zerlegt; bald wird es als knapp angerösteter Braten hinter den scharfen Zähnen der Männer verschwinden; an Frau und Kind denkt niemand von der Schar.
Frau und Kind! Kommt, laßt uns unseren Kindern leben! erschallt der Ruf von der einen Seite; ehret die Frauen! von der anderen. Das gilt aber nur von uns, die wir auf diesem Gebiet wirklich die Träger höchster Vollkultur sind. Wie jammervoll und kläglich hat sich dagegen die Urfrau und noch mehr die Urmutter durchhelfen müssen! Ewig nur den Küchenzettel, den eine zwar gütige, aber doch auch nur einseitige Natur darbietet, das hält nicht einmal ein Urmagen aus! Von irgendwo hat Frau Urahne Kunde von den wohltätigen Wirkungen heißen Wassers auf die Mehrzahl altbewährter, aber doch schwer verdaulicher Gerichte erhalten. Die Nachbarin hat es auch versucht. Die sonst so harten Knollenfrüchte hat sie in einer mit Wasser gefüllten Kalebasse — oder war es ein Straußenei, oder gar ein schnell improvisierter Rindenzylinder? — über Feuer gehalten, da wurden sie viel weicher und schmeckten viel besser als vorher; leider aber hat das Gefäß nicht ausgehalten, sondern ist dabei elendiglich von außen verkohlt. Dem kann mit Leichtigkeit abgeholfen werden, denkt sie, und schon hat sie eine Schicht bildsamer, nasser Erde um ein ähnliches Gefäß herumgestrichen. Nunmehr geht es besser, das Kochgefäß bleibt unversehrt, nur hat es sich in dem heißen Feuer in seiner Umhüllung gelockert. Also herunter damit! Ein Griff, ein Ruck, Kern und Hülle sind getrennt — die Töpferei ist erfunden!
Doch zu einer verständnisvollen Benutzung der hartgebrannten Tonhülle selbst hat vielleicht ein um ein weniges anderer Weg geführt. Straußeneier und Kalebassen gibt es nicht überall auf der Erde, dagegen hat der Mensch es überall verstanden, sich aus biegsamen Bestandteilen, Rinde, Bast, Blattstreifen, Ruten und dergleichen, Behälter für seinen Haushalt herzustellen. Auch unsere Erfinderin hat kein wasserdichtes Naturgefäß. „Macht nichts; streichen wir den Korb von innen aus.“ Auch so geht es; aber o weh, das Korbgeflecht verbrennt über dem hellodernden Feuer jämmerlich; immer ängstlicher schaut die Frau dem Kochprozeß zu; sie befürchtet jeden Augenblick ein Leck, aber nichts von alledem. Das Gericht ist geraten und mit besonderem Appetit verzehrt; halb neugierig, halb befriedigt wird das Kochgefäß gemustert. Der vordem so bildsame Ton ist jetzt steinhart geworden, zudem sieht er gut aus, denn das nette, saubere Geflecht des so schmählich verbrannten Korbes zeichnet sich in hübschen Mustern auf ihm ab. So ist mit der Töpferei gleichzeitig auch ihre Ornamentik erfunden worden.
Wir sind heute galant; aber wären wir es auch nicht, eine tiefe Verbeugung geziemte der Frau auch aus dem folgenden Grunde. Der schweifende Mann ist der Entdecker der willkürlichen Feuererzeugung; mit kraftvollem Arm zaubert er den göttlichen Funken aus jedem Astwerk hervor. Das kann ihm die Frau nicht nachtun. Sie ist dafür Vestalin von Urzeit herauf; nichts verursacht so viel Sorge wie die Erhaltung des glimmenden Spans. Und nun gar im Lager erst. Die Männer sind fern. Drohend ballen sich schwere Regenwolken zusammen; schon fallen die ersten dicken Tropfen; wirbelnd rast der Sturm über die Ebene daher. Unruhig zuckt das kleine Flämmchen des glimmenden Astes, das der Frau seit jeher mehr Sorge bereitet als das eigene Kind. Was tun? Ein blitzschneller Gedanke, rasch steht eine primitive Hütte, aus Rindenstücken gefertigt, da; noch immer zuckt zwar die Flamme, doch die Gefahr des Verlöschens in Regen und Wind ist glücklich abgewandt.
Einem solchen oder einem ähnlichen Vorgang ist zweifelsohne die Erfindung des Hauses im Prinzip zu danken; sie der Frau abzusprechen, hat selbst der hartgesottene Weiberfeind nicht das Recht. Der Schutz des glimmenden Herdfeuers gegen das unfreundliche Walten der Natur ist das Hauptmotiv zu Weiterentwicklung der menschlichen Behausung. Der Mann ist an diesem Fortschritt kaum beteiligt, oder doch erst sehr spät. Noch heute ist im ganzen Osten Afrikas das Bestreichen der Hauswand mit Lehm ausschließlich Sache der Frau, wie die Herstellung aller Tongefäße; zwei Überbleibsel, aber zwei sehr bezeichnende. Auch unser europäischer Gemüsegarten ist ein solches gutes, altes Reliquienstück aus den Anfängen höherer menschlicher Wirtschaft, die ich mit dem Einsetzen der Kochkunst beginnen lasse; er interessiert noch heute den deutschen Hausherrn wenig, er geht ihn genetisch ja auch gar nichts an, denn auch er ist eine Erfindung der Frau. Mochten die schweifenden Männer ihr rohgeröstetes Fleisch selbstsüchtig in rauher Tafelrunde unter sich vertilgen, ihr blieb die nette, kleine Auswahl grünender Kräuter und rauschender Ähren, die sie im Laufe der Jahre als genießbar und schmackhaft herausgefunden hatte. Im Wesen ist es noch heute so; selbst das Urgerät dieser alten Beetkultur, die Hacke, steht bei diesem Zweig unseres Feldbaues noch in vollem Gebrauch.