XXXI.
Juliens Herz, das mich liebte, ist erstarrt. Ruhig und fest, wie sie durch das Leben ging, trat sie dem Tode entgegen. »Wir tauschen:« war ihr letztes Wort, »ich leitete deine Kindheit in das Leben hinaus, du leitest mein Leben zu Grabe.«
Morgen wird sie beigesetzt, und nach kurzer Zeit ist jede Spur ihres Daseyns, aus dem Kreise, welchen sie belebte, verschwunden. Nur die Erinnerung desselben, die leise Spur ihres lebendigen Wirkens, umschweben noch einige Zeit die Gegenstände, welche ihr angehörten, wie der Nachhall einer verklungenen Harmonie noch melancholisch durch die Lüfte zittert. Eine Trennung, die längste, schmerzlichste, ist doch nicht gleich dem Tode: der Geist begleitet den Geschiedenen, in die Kreise seines Wirkens, und das Wiedersehen liegt innerhalb des freudigen Gebietes der Möglichkeiten im Sonnenstrahl der Hoffnung. Doch jenseit des Grabes ist alles still und dunkel, und unser Leben versinkt in Nacht, wie ein Stern aus dem Bogen des Himmels.
XXXII.
Die Kirche war schwarz behängt, weiße Kerzen brannten auf dem Altar, und mischten ihr trauriges Licht zu dem trüben Tage, der durch die dunklen gemahlten Scheiben einbrach. Eine dumpfe Kellerluft schwebte unter den gothischen Gewölben; das Requiem begrüßte die Verstorbene in ihrer stillen Wohnung, mit feierlich schwellenden Tönen, aus der starken Brust der Orgel, wie ein Willkommen der längst Verschiedenen.
Unter meinen Füßen ruhete nun auf immer, die ich noch vor wenig Tagen empfindend und lebend in meine Arme schloß. So weniger Zeit bedarf es, ein Leben auszulöschen, und wie vieler Jahre, wie vieler Kämpfe, ehe es zum wahren Leben erblüht. Wohin ich blickte, trafen meine Augen auf Spuren von Zerstörung, auf Bilder von Vergänglichkeit. Eingesunkene Leichensteine mit verwitterten Innschriften; zertrümmerte Grabmähler und Beichtstühle; und kein Laut aller Klagen, die an diese Gewölbe geschlagen, erinnerte an jene, welche nun schon lange ausgelitten hatten, und vergessen waren. O wie erschien mir in diesem Augenblick auch mein Leben nur ein flüchtiger Moment, und nicht des Schmerzes, nicht der Freude wehrt. Alle ihre Klagen hat der Ewige gehört, in seinem Herzen steht, was Aeonen von Geschlechtern litten, sein Himmel wölbte sich über Alle, und immer aufs Neue ruft sein Athem Atome in das Leben. In solchen Augenblicken verschwindet der eigene Kummer aus der Erinnerung; und verliert sich in die Masse fremden Schmerzes, wie ein Moment in Jahrtausende verrinnet; sein dunkles Gefühl läutert nur die Andacht der Seele.
Da warf ich mich nieder vor den Allmächtigen, und legte das Mitgefühl für alle meine Nebengeschöpfe, legte das dringende Gebet für meines Geliebten Glück an sein Vaterherz. Es war ein himmlisches Gefühl, welches mich vor ihn niederwarf, ich fühlte in dem Augenblicke Kraft, die Leiden einer Welt auf meine Brust zu laden und zu tragen.
Aber wenn auch meine Stunde erschienen ist, zurück an den Busen der Natur soll man meinen Körper legen, auf Erde gebettet, mit Erde zugedeckt; ein Opfer den Elementen, von denen er genommen ist, kein Raub der Verwesung in gemauerten Gewölben.
XXXIII.
Hier bin ich wieder auf dem Lande. Der Frühling haucht mich mit wärmerem Lebensathem an, und die Natur regt sich, von ihrem Winterschlaf erwacht. Die in der Stadt verlebten schönen Tage sind wie versunken, und nur an dem Schmerz der Trennung, der in meiner Seele zuckt, empfinde ich, daß sie waren.