XXVII.

Ich werde ihn sehen! freue dich, mein Herz, du sollst wieder an dem seinigen schlagen. O holder Winter! Frühlingszeit meiner Hoffnung! Glücklicher Sieg, der du ihm Rast gewährest, und mir die Wonne, zu fliegen an seine Brust. So lange habe ich nun unthätig hier geschmachtet, kein Sehnen beflügelte den Zug der langsamen Stunden; doch bald, bald kann ich den Augenblick beschleunigen, der mich zu ihm bringt. Der Athem fliegt schnell aus der vollen überseligen Brust, die ihn nicht fassen kann vor der Fülle der Hoffnung.

XXVIII.

Ich muß mich beschäftigen, um den freudigen Aufruhr in meiner Seele zu stillen, der mich in süßer banger Unruhe umher treibt. Ich habe viele kleine Arbeiten vorgenommen: sie sind ihm bestimmt. Es ist mir, als wäre ich ihm so näher, und bei der leichten Beschäftigung, die meinen Geist nicht fodert, laße ich mich sanft hintreiben von dem Strome meiner Gedanken und Gefühle. Und alle wollen zu ihm! Dann springe ich auf, mein Auge durchforscht auf der Karte die Gegenden, wo er waltet, ich folge dem Lauf der Ströme, ich lese von der Lage, von den Sitten, den Freuden, den Eigenthümlichkeiten der Orte, wo er verweilt hat. Ich sehe ihn in jeder Lage, worin sein Beruf ihn versetzt.

Gestern ging ich, nur von einem Bedienten begleitet, zu Fuß hinaus vor die Stadt; das enge Zimmer hatte nicht Raum für meine Glückseligkeit. Ich ging nach einer Mühle, wo ich gern bin, seitdem er fort ist. Die Müllerfamilie lebt so glücklich, so einträchtig, und heiter; der kleine Hausstand athmet einen Geist der Behäglichkeit und Reinheit, der meinem Herzen wohlthut; denn die Liebe stimmt das Herz empfänglicher für den Eindruck jedes guten Glückes; und bei allem Kontrast dieses stillen Lebens, und seines thatenvollen, ist doch von seiner Art in diesem Glück. Alle dort süß vertrauerten Stunden traten vor mein Gemüth, als ich über den hartgefrornen Anger dahinschritt. Mit reger, langentbehrter Hoffnung eilte ich rasch vorwärts, und je weiter ich kam, je mehr verschwand meine Freude. Die Todtenstille umher, die kein Laut des Lebens unterbrach, das Knistern des Eises, das hie und dort sich von dem Ufer des Flusses löste, der wie ein emaillenes Band in der matten Beleuchtung der Sonne ruhete; die fernen Dörfer und Berge, wie farbige Nebelgebilde, auf den hellen Grund gehaucht; der Mühlbach, der erstarrt sich nicht mehr rauschend mit funkelnden Wellen über die Räder stürzte, und durch sein Erlenbett dahin riß; die Blätter der Erlen, die sonst im glänzenden Grün, angehaucht von der Flut über mir in lieblichem Schauer der Kühlung zitterten, und nun farblos und modernd den Boden bedeckten: die Bilder des Todes wurden mächtiger, als das lebendige Gefühl der Freude in meiner Brust. Es muß auf diese Wiedervereinigung doch eine neue Trennung folgen, vielleicht gefahrvoller, schmerzlicher, länger; und die Stunden, die mich dem Glücke näher bringen, nähern mich auch dem Trübsal. Ach, es ist das Gespenst unsrer Unvollkommenheit, und der Vergänglichkeit alles Menschlichen, das uns zurück in Furcht reißt, wenn eine Freude uns lichtbeschwingt in den Himmel der Liebe zu seligen Geistern trägt. O! daß ich bei dir wäre! alle diese Widersprüche würden sich in ein stilles unendliches Gefühl von Glück lösen. Jetzt kann ich eine bange Ahnung nicht unterdrücken.

XXIX.

Warum trägt jede Lebensblüte für mich nur Früchte des Entsagens? Ich stand an der Pforte eines unnenbaren Glückes, und Julie wird krank, so krank, daß sie meiner sorgenden Pflege nicht entbehren kann; und an ihrem Krankenbett martern mich getäuschte Hoffnung und Sorge für ihr Leben. Wie schön ist das bürgerliche Verhältniß auf solche Stunden berechnet, wo der Mensch des Menschen bedarf, auf Stunden des Seelen- und Körperleidens, das nichts lindert, als Liebe.

Wenn sie so meine Hand drückt, und ihn und mich beklagt, daß wir getrennt sind, ich nun bei ihr verweile: so kann ich nicht begreifen, wie es möglich wäre, sie zu verlassen, und empfinde nicht, welches Opfer ich ihr bringe, wegen der Freude, ihr nützlich zu seyn, ihren Zustand zu erleichtern. Doch wenn die Einsamkeit auf Augenblicke mich umgiebt; sein Bild vor die stille Seele tritt: er allein, nach aller Anstrengung, nach allen Kämpfen, gefesselt von seinem Stand, voll vergeblicher Sehnsucht nach mir; wenn ich seine Klagen lese: dann breite ich die Arme hinaus in den leeren Horizont, dann fühle ich, wie glücklich ich seyn könnte, und meiner Seele grauset vor dem Gefühl der Einsamkeit.

XXX.

Die Zeit geht dahin, und entfaltet sich anders, als das Bild, was uns von ihr vorgeschwebt, da sie noch Zukunft war. Selbst wenn unsere Hoffnungen erfüllt werden, gleicht die Erfüllung ihrem Bilde nicht. Wie anders schwebten diese Tage mir vor; und keine Zeit wird kommen, die mir ein Glück brächte, ähnlich dem von ihr geträumten. Ihn führt der Sturm der Begebenheiten zu neuer Gefahr: ich bange in doppelter Angst, um ihn und Julien. Man wird leicht abergläubisch, wenn man liebt. Das Bedürfniß, alles auf den Geliebten zu beziehen, macht, daß man auch dasjenige, was man nicht unmittelbar auf ihn beziehen kann, zu seiner Liebe, als ein Zeichen vom Schicksal rechnet; aber es giebt Augenblicke, wo ein Vorgefühl der Zukunft unverständlich durch die Seele klingt; und das ganze Leben ist anders gestimmt, und findet den vorigen Ton nie wieder.