XXIV.
Ich segne die Krankheit, die mich in den ersten schrecklichsten Tagen des Leidens auf Juliens Umgang beschränkte. Nichts ist schmerzlicher, als das gleichgültige Treiben der Menschen um uns her, wenn alles dahin ist, was diesem Treiben Seele und Bedeutung verlieh. Die Natur ist freundlicher, sie schmiegt sich gern an unsre innere Sinnen, und nimmt von unsrem Gefühl die Seele, welche sie belebt.
Ein lieblicher Herbsttag lockte mich heute, zum ersten Mal seit seiner Entfernung, ins Freie. Alles trug den Anstrich sanfter Trauer; die Sonne stand so blaß am Himmel, und warf matte Strahlen auf die Erde, gleich einem Kranken, der sich mühsam aufgeschleppt von seinem Lager, sich den nach ihm verlangenden Freunden zu zeigen. Das einst üppige Laub rauschte erstorben unter meinen Fußtritten, und hie und dort zitterte falb ein spät erzeugtes Blatt, das kaum die linde Luft zärtlich bewegte, einsam im rauhen Nord am Stamme. Ich schlich langsam dahin; Thränen überströmten mein Gesicht, als ich umblickte.
Trift mich nicht das allgemeine Loos alles Glückes, aller Liebe? Erst sinkt eine Blüte, ein Blatt nach dem andern von des Lebens blühendem Getriebe, und zuletzt sinken wir nach; und wie Wenige haben soviel Glück genossen, als mir ward. Mit der Dämmerung kehrte ich auf mein Zimmer zurück, und mein Schmerz war linder geworden.
XXV.
Mein Ruf! Was bin ich denn ohne Ihn? durch ihn erhielt mein Leben einen Zweck, für ihn opfere, leide ich alles.
O der Theure, mitten in Gefahren, Entwürfen, und Sorgen, denkt er immer an seine Freundin, sorgt er um sie. Mit welchem namenlosen Schmerz, mit welcher namenlosen Freude habe ich die theuren Züge seiner Schrift an meine Lippen gedrückt: die todten Buchstaben lebten, er hatte sie berührt, sein Geist, der Geist seiner Liebe athmete aus jeder Zeile.
Von den Bergen führt der Bogen einer Brücke hinab in das Thal. Das Gewühl des Tages war vorüber: oben und in der Tiefe waren seine Schaaren gelagert. Und zwischen ihren Trupps, auf dem steinernen Rand des Gewölbes, schreibt er an mich, sorgt er mich zu beruhigen, daß keine Kunde des Tages mich früher erreiche, als die, daß er siegte, daß er lebt, und mich liebt. Wie ist die Quelle unendlichen Schmerzes, auch die unendlichen Genusses, und welche süße Gabe empfing der Mensch in der Kraft, selbst aus dem Kummer Freude zu ziehn.
XXVI.
O es ist nicht sein Ruhm, der mir ihn theuer macht. Er könnte der Unbekannteste seyn; so wie ihn mein Herz fühlt, wird er darin leben, und ich stiege in jeden Stand mit ihm hinab. Aber daß ich sein Lob von Aller Zungen höre, den Abglanz meiner innigsten Verehrung in Aller Augen strahlen sehe, das freut, das entzückt mich, das zieht mich wieder in die Gesellschaft zurück. Sorgsam lenke ich die Unterredung, bis sie auf dem Punkt ist, wohin ich sie haben mögte; dann entziehe ich mich ihr, und versenke mich schweigend in die Wonne, von ihm sprechen zu hören, dessen Andenken meine ganze Seele erfüllt; sein theures Bild belebt sich, Schauer der Lust durchzucken mein Herz. O er kann nicht ahnen, ich kann ihm nicht sagen, wie namenlos theuer er mir ist. Sagt es ihm kein geistiges Flüstern, fühlt er es nicht an der Luft, die sich liebend an ihn schmiegt, wie auf dem leichten Fittig der Gedanken meine Seele ihn immer umschwebt? Schon oft, wenn ich in stiller Nacht, allein auf meinem Zimmer so sehnend an ihn dachte, hab' ich auf jedes leisestes Geräusch gelauscht, gewähnt, die Züge seines Bildes bewegten sich, und diese unendliche Sehnsucht müßte seinen Geist zu mir ziehen. Ich denke, ich sehe, ich geniesse ja Alles, nur in Bezug auf ihn. In dem Himmel, wo mein Blick tief und tiefer in Unendliches dringt, bis die Gestirne sich von der Fläche lösen, und mein Auge ihren Wandel erkennt, seh ich das Bild unsrer Liebe: in den Wolken, die drohend aufziehen, das Schicksal, das uns trennt, seine Gefahr. Er! dies beseligende Gefühl, ist für mich überall in der reichen Schöpfung.