XX.
Ja, ich war zu glücklich! Ein Maaß von Seligkeit, wie ich genoß, ist unsrem armen Geschlecht nicht beschieden; und die Zukunft rächt so göttliche Stunden. O Gott! konnte dieser glückliche Zustand nicht dauern, warum endete ihn nicht mein Tod? Warum trug dieser, ein freundlicher Engel, mich nicht sanft aus einem Himmel in den andren?
Noch fasse ich den Gedanken nicht: ohne ihn seyn! und meine Seele schaudert davor zurück, wie vor dem Hauche der Vernichtung.
XXI.
Immer näher rückt die furchtbare Stunde des Abschieds; ich kann sie nicht aufhalten; unthätig sitze ich hier und sehe dem Schlage entgegen, der all' mein Glück zertrümmern soll. Die Stunde ist noch nicht bestimmt, und die Hoffnung ruhet so fest an meinem Herzen, das mir ist als dürfte ich noch hoffen. Ich weiß es, ich weiß es gewiß, daß er mich verläßt; allein es ist mir wie der Tod, gewiß und unglaublich. Die Kraft kann den Gedanken ihrer eignen Vernichtung nicht denken, das wäre vernichtet seyn, und denken ist leben: und auch die Hoffnung schwindet erst mit dem Leben. Aber meine Freuden sind mir doch getrübt, jede seiner Liebkosungen lockt mir Thränen in die Augen, und wie ein drohendes Gespenst mischt sich die Furcht, ihn zu verlieren, zu dem Glücke, ihn zu besitzen.
XXII.
Morgen früh! O wie wünschte ich sonst der Nacht Flügel, wie froh habe ich dem ersten Sonnenstrahl von meinem Lager entgegengelauscht, wie freudig ihn begrüßt, wenn er mein Zimmer röthete; dem Klange der Glocken, gelauscht, die erst ganz entfernt, dann näher und näher die Morgenstunde lauthallend verkündeten, und mich gefreut über das Geräusch des Tages, das in den Gassen erwachte. Mein Zimmer ward hell, und heller, und ich verhüllte mein Haupt in die Kissen vor der einbrechenden Klarheit, und mahlte mir mit Farben der Phantasie den schönen Tag der vor mir lag. So schlief ich oft unter lachenden Bildern wieder ein, und der Schlaf lag mit seinen Träumen über meinen Sinnen wie ein duftig gemahlter Schleier, den ich mit einem Blick zerriß, daß ich frisch und freudig hinaus in das Leben trat, wo mich die schöne Wirklichkeit liebend umfing. Das ist dahin, — die Glocken werden schlagen, der Tag wird diese einzige Nacht verscheuchen, die noch zwischen mir und dem grenzenlosen Elende liegt. Die Stunde, ach die letzte! wird im ganzen Gefolge ihrer Schrecken erscheinen. O daß ich einschliefe, und nie wieder erwachte.
XXIII.
Schon acht Tage ist er fort, und ich trage meinen stummen Schmerz in der zerrissenen Brust umher. Die Zeit schleicht dumpf und trübe über mein Haupt dahin; die Gegenstände, welche er berührte, haben sich nicht verändert, allein ihre Seele ist entflohen, sie starren mich wie Leichen an. Hätte ich ihn doch nur ein einziges Mal gesehen, nur Abschied von ihm genommen; hätte ich meine Natur gezwungen, dem Schmerze nicht zu erliegen; ich hätte mit dem letzten Blick, sein Bild in meine Seele gesogen, und unter diesem lieben Bilde wäre mir der Tod erschienen; denn gewiß, er hätte mit seinem letzten Kuß auch das Leben von meinen Lippen geküßt. Warum mußte ich zu dieser langen qualvollen Angst erwachen aus dem Todesschlaf, der mich umhüllte? Hier bin ich nun, weich gebettet, die Freundschaft wacht bei meinem Krankenlager; und er, der süße Freund, ruht vielleicht, sein Haupt auf harten Steinen.
Ich mogte nie eine Freude allein geniessen; seit ich ihn kenne, ist mir keine geworden als nur von ihm: und mich umgeben alle Bequemlichkeiten des Lebens, und alle fehlen ihm. Unfreundlicher! warum mißgönnt er mir, sein Schicksal zu theilen.