XXXVII.
Eine Empfindung, welche ich in dieser Stärke nicht ahnete, mit der sie mich hier unabläßig quält, ist der Kontrast zwischen der stummen Trauer, worin ich dieses Haus verließ, und dem Festgepränge, in welchem ich es wieder erblicke. Zum letzten Mal, als ich den Saal betrat, geschah es um Abschied von der geliebten Leiche Juliens zu nehmen. Damals waren die Wände schwarz bekleidet, silberne Ampeln brannten statt der kristallenen Kronen, und warfen ein traurig schwankendes Licht umher. Jeder Fußtritt dröhnte dumpf durch den weiten Saal, und kein Laut unterbrach die Stille, als das leise Weinen ihrer Leute um den offenen Sarg. Ein Lächlen der Verklärung schwebte über ihre bleiche Form, und von der oberen Wand blickte ihr Gesicht, mit frischen Lebensfarben gemahlt, fühllos in den Gram ihrer Hinterlassenen.
Nun führte mich ihr Gemahl eben dorthin, die Anstalten zu seinem Feste zu sehen. Das Pochen und Zurufen der arbeitenden Handwerker lärmte wüst; die Bedienten liefen geschäftig umher, ihr Bild, ihr Andenken war hinweggenommen, ein südlicher Frühling umblühte die Wände, alles athmete Lebensgenuß und Freude.
Hier sprechen mich von jeder Stelle die Geister längst gestorbener schöner Stunden an; hier habe ich das überschwengliche Glück genossen, um welches meine Sehnsucht klagt. Wie wenig sagt dies laute Festgepränge meiner Stimmung zu. Ich habe mir ein Zimmer, in einem entlegenen Flügel zum Garten, erbeten, wo ich auf Augenblicke ihm leben kann.
XXXVIII.
So oft habe ich gewünscht, daß unsre Geister, von einer Vorstellung erfüllet, auf einen Punkt mit all' ihren Kräften gebannt, sich losringen könnten von den Banden des Körpers, und dahin eilen, wohin die Sehnsucht sie zieht.
War es ein Spiel der erhitzten Phantasie, war es eine Täuschung, welche mir die Gewährung dieses süßen Wunsches vorspiegelte? Es war die schönste Sommernacht; Glühwürmchen schimmerten im dunklen Grase, als wären Sterne dem Boden entblüht: dämmernd schwamm das Mondlicht um die Büsche; ein kühler Wind rauschte in den Wipfeln der Bäume, trug auf seinen Luftwellen die Düfte der Orangerie, der blühenden Gewächse zu mir herein, und wogte wie ein Liebesmeer um meine Brust. Die Flammen der Kerzen wankten, die Vorhänge bewegten sich leise, draußen neigten sich die Wipfel, und lindes Leben regte jeden Gegenstand umher, regte sich auch in meiner Brust. Ein reines Gefühl des Daseyns hatte sich meiner Lebensgeister bemächtigt, die Gegenwart umfing mich mit stillem Zauber. Da rauschte es lauter außen in den Büschen; eine dunkle Gestalt wallte im Mondlicht an meinem Fenster vorüber. Er! er! schlug mein Herz. Eine Sekunde blickte sie mich an; ich stürzte zum Fenster; alles war ruhig, unbeseelt von der Spur eines lebendigen Wesens lag die stumme Nacht. O Geliebter! war es dein Geist, der die Liebende grüßte?
XXXIX.
Ich bin nicht mehr dieselbe, die ich war, als ich diese Wohnung verließ. Jene Täuschung der ersehntesten Hoffnung, jener erste Verlust, der mir ein Stück meines Lebens in Julien hinwegnahm: sie haben mich in die Tiefen des Lebens geführt, wo die Schwermuth hauset. Damals fühlte ich zuerst den Schmerz, daß alle Verbindungen, die der Mensch im Jugendmuthe, als zu seinem Seyn gehörend betrachtet, wandelbar sind. Ich fühle nun meine Liebe nicht mehr über dem Schicksal, und sehne mich, sie durch engere Verhältnisse zu sichern. Der Gang meiner Vorstellungen ist verwandelt; das Spiel mit jeder Lebensfreude, welches mich sonst dahinriß, betrachte ich jetzt aus der Ferne, als ein Schauspiel.