Ja ich will zu ihm, ich muß sein werden: jede Gestalt, jedes Gespräch, die unbeseelten Räume erinnern mich, daß ich nicht bin, wo ich seyn sollte; daß ich zu ihm gehöre, auf dem Gebiet seines Besitzthums, einsam mit seinem Bilde, oder an seiner Brust.
Es ist keine Wahrheit, keine Zuverlässigkeit im Leben, als von einem entsprechenden Herzen. Wir sagen unsre innerste Meinung, und wer versteht ganz was wir ausdrücken, als wer den Keim unsres Wesens, in seiner Liebe fühlt; vor dem das Bild unsrer Lebensereignisse in seiner ganzen Folge daliegt, aus welchen sich unsre Meinungen entwickelt haben, durch welche sie ihr Kolorit erhielten? Die bürgerlichen Verhältnisse erscheinen in ihrem Mißbrauch so leer, daß die Fülle eines natürlichen Gefühls, der Uebermuth seiner Kraft wol verleiten mögen, sie zu verschmähen: allein sie sind die nothwendigen Bedingungen, wodurch allein das Gefühl vollkommen das Leben zu beglücken vermag, und die Betrachtung und die Erfahrung, leiten immer auf sie zurück.
XLI.
Mein Herz schlägt heftiger von Hoffnung; die Fülle der Bilder umdrängt wieder meinen Geist, und verscheucht die gewohnte Schwermuth.
In den dürftigen Räumen des Hauses, welche er ahnungslos betreten hat, in gewohntem Geschäft wird ihm das Blatt gereicht werden, auf welchem die Namen der Angekommenen stehen. Gleichgültig und ernst wirft er den Blick darauf; erkennt geliebte Züge; sein Gesicht glüht, sein Auge flammt auf, forscht voll Unruh, und ich, ich, die Seine, fliege an seine Brust.
XLII.
Ich nehme alle Gründe zusammen, mir jene gräßlichen Schauer zu erklären, aber mein Herz bleibt in der Tiefe gebunden. Denn dort finde ich die Vorstellung seiner Gefahr. Ach sie ist wirklich! und mehrt die Angst, statt sie zu zerstreuen.
Flüchtig und freudig hatte ich von allen Erinnerungsstätten meines Landgutes Abschied genommen; sicher, sie beglückter wieder zu sehen. Es war Abend geworden, ich eilte zur Quelle, wo ich den Geliebten zum ersten Male erblickt hatte. Wie oft, wenn die Wässer mit immer neuem Leben aus dem kiesigten Grunde empormurmelten, habe ich sie lange betrachtet, in schwärmerischer Hoffnung, sein Bild könne von dieser Lebendigkeit wieder vor meine Blicke gezaubert werden. Die Schatten der Dämmerung lagen grau durch den Wald, keine Stimme unterbrach mehr sein Schweigen; leises Rauschen, Flüstern entstand, und verlohr sich im Entstehen weiterhin, und der Quell, wie ich nahte, seufzte laut und lauter mit unartikulirten Tönen. Ein sonderbares Grauen stahl sich durch meine Brust, ich hatte ihn fast erreicht, ich vermogte nicht weiter zu gehen; alle Hoffnungen der Liebe waren ausgelöscht, das Bild meines verschiedenen Gemahls, das Bild von Julien traten starr, mit nie empfundener Lebendigkeit vor meine Seele, es war als wären die Pforten des Todes gelöset. Sein Bild erhielt sich nicht, ich flüchtete nach dem Schlosse zurück! und nun bin ich hier, und kann mich nicht von diesen Todten trennen, und es beklemmt mein Herz, daß ich es nicht kann.
XLIII.
Ich habe keine Begleitung auf meiner Reise gewünscht. Ganz allein, wie ich sein bin, wie mein Gefühl und Muth mich zu ihm führen, will ich zu ihm treten. Feld und Wald, und geschäftige Menschengruppen, schwinden an mir vorüber, als ob sie eileten, zurückzubleiben und mich zu ihm zu fördern. Schon wird die Gegend mir fremder, die Wolken fliegen mit Winken abwärts zu ihm: ehe die Sonne dort unter ist, habe ich die Stelle erreicht, wo der Pfad sich trennt, wo die Hügel sich erheben, jene Gefilde, wo er gewaltet, nachdem mein Auge ihn zum letzten Mal erblickt hat. Ich werde von ihm hören, ich werde Menschen treffen, die ihn später sahen, als ich! Diese Gegend! wie oft habe ich sie auf der Karte durchmessen, und Abends, ehe ich ruhte, jeden Standpunkt mit den Augen geküßt, und vielmal gesegnet, wo er nun weilte.