Oft ist Prüfung was uns als ein heiteres Glück begrüßt, oft ist das was wir Unglück nennen, eine Stufe zum Glück. Glück, und Unglück, sind nur Benennungen von dem augenblicklichen Eindruck eines Ereignisses; Mancher klebt daran und verkümmert sein Leben; demjenigen, der das Ganze überschaut, verfliesset alles wie Wolkengebilde in heiteren Aether.
Trüb schaute ich in den Nebel, der erst allmählig sichtbar durch das Morgenlicht aus dem See aufstieg; der Morgenstern zitterte, hoch am Himmel erlöschend; ein kalter Schauer fuhr über die Natur, nicht als ob er einem neuen Leben voraufflöge: als ob er käme, alles Leben zu lösen. Die Schloßbewohner hatten den Weg bis zur rechten Straße als weit beschrieben; ich warf mich ohne Erwartung in den Wagen, kein Bild vom Abend des Tages schwebte mir vor, und fast gleichgültig schloß ich die Augen dem Morgen. Wir waren keine halbe Stunde gefahren; und plötzlich erregt mich der Zuruf meines Bedienten, der Wagen hält, er öffnet den Schlag, und sagt: nun werden wir wol auf der rechten Straße seyn. Ich blicke hinaus, die Gegend schwimmt im Morgenlichte, das Bächlein sprudelt ins Thal, der Bogen der Brücke spiegelt sich in die Fluth, die Bäume regen beseelt ihre Aeste, ein Schäfer kommt mit seiner Heerde über den Anger, und sein Horn schallt frisch dem Tage entgegen. Ich sprang aus dem Wagen, ich berührte den Stein des Brückenrandes, worauf seine Hand geruht; mir war, als bebte er mit lebendigen Pulsschlägen unter meiner Berührung.
Mit langsamem Entzücken durchstreifte mein Auge jeden Theil des Gefildes; meine Phantasie hatte mich nicht belogen. Ich hätte weilen mögen, und hinweg eilen; es kamen die Tage vor meinen Geist, wo ich an seiner Hand hier seyn würde, und das Bild trieb mich zu ihm.
Der Schäfer nahete, sein Gesicht war mir bedeutend; vielleicht hatte er ihn gesehen! Ich wagte nicht zu fragen, aber ich nahm im Gefühl der Möglichkeit, seine Blicke von desselben Antlitz, ich nahm sie von jeder Gestalt, jedem Gegenstand der uns begegnete. Bald erschien das verfehlte Schloß mir wirklich, ich kannte die Gegend wie aus der lebendigsten Erinnerung. Ich ließ den Wagen zurückschlagen, die entflohenen, die nahenden Gegenstände zu geniessen; der Tag strömte um meine Brust, und alle Gedanken flogen mit freudigem Rufen zu ihm!
XLVI.
Immer lebendiger wird sein Bild, immer mehren sich die Spuren seines Wirkens; mir ist, als ob er mir entgegen käme, und mit der Entfernung schwinden die Bilder der Trennung. Hier bin ich in Räumen, die er betreten hat, ich stehe vor den Zügen meines Namens, die seine Hand in das Glas, irrend in Gedanken, geschnitten hat. Mit Thränen betrachte ich das Denkmal seiner Liebe, und immer inniger umdrängen mich die neuen Bilder aus seinem Leben; so bekannt und so neu. Er hatte flüchtig erwähnt, wie er die Nacht nach einem Tage voll Arbeit und Gefahren, auf einem Meierhoff, nahe dem Schlachtfelde zugebracht. Die Sonne neigte sich zur Nacht, als ich vor einem Hause anlangte, das Lindenbäume friedlich beschatteten, und das sich an einen waldigen Hügel lehnte. Ein Mann mit einem Kinde auf dem Arm stand vor der Thür, und sein freundlicher Gruß gab mir Vertrauen, ehe er geredet. Ich ließ halten, und fragte ihn, ob er mich wol nach dem Schlachtfelde in der Nähe führen könne, welches ich zu sehen wünschte? Er erwiederte: gern; doch nöthigte er mich, auszusteigen und mich zuvor bei ihm zu erfrischen. Mit klopfendem Herzen trat ich über die hohe Schwelle, in das niedrige geräumige Zimmer; und mit der Freude, womit ein Wirth, wenn etwas Bedeutendes seinem Hause widerfuhr, die Nachricht davon, dem Fremden, gleichsam als Gastgeschenk mitzutheilen pflegt, erzählte jener mir sogleich, daß in diesem Zimmer, nach der gewonnenen Schlacht der Feldherr übernachtet habe. Sein Kind stand neben ihm und blickte mich neugierig an, wie es zu dem Helden aufgeblickt haben mogte. Ich sahe seinen hohen Wuchs, wie er, sich bückend, über die Schwelle steigt, an der Spitze seines Gefolges; wie er auf und ab schreitet, für alles sorgend; und dann zum Fenster tritt, in die Abendsonne schaut, und mein Bild ihm flüchtig erscheint; mein Bild! das seinem lieben Herzen Freude giebt.
XLVII.
Während wir nach dem Schlachtfelde gingen, erzählte der Meyer mir kleine Züge aus den Stunden seines Auffenthaltes: wie er alles Besitzthum geschützt, die Truppen vertheilt, die Verwundeten untergebracht, zwischen dem Lagerfeuer umherwandelnd, jedem zugesprochen habe: die Einwohner beruhigend, die Seinen lobend, streng und ermunternd. Auch von seiner eigenen Lage während der Schlacht, erzählte der Meyer; von seiner Ungewißheit und Angst; wie der Donner des Geschützes sie entsetzt, wie er sein Haus verrammelt habe, und mit Weib und Kind gebangt, der Feind werde siegen, oder Fliehende würden sich nach dieser Seite wenden.
Mir schlug das Herz von dem genäherten Bilde der Gefahr, in welcher er unablässig schwebt. Ich mußte oft still stehen und Athem sammeln. Endlich stiegen wir einen Hügelrücken hinan, und erblickten eine einzelne Kapelle, verödet in der Nähe. Der Mann sagte, daß hier ein Trupp sich vor Beginn der Schlacht vertheidigt habe. Ich begehrte hinein zu gehen, und er bat mich, dort allein zu verweilen, bis er nach seinen Heerden gesehen habe, welche in der Nähe geweidet würden. Ueber eingesunkene Gräber trat ich zitternd in das Innere des Heiligthums. Es trug alle Spuren der Zerstörung, die hier gewüthet hatte. Fenster und Thüren waren zertrümmert, Kugeln steckten in dem Gemäuer, und der weisse aufgewühlte Estricht, trug unverkennbare Spuren von Blut. Die Abendröthe fiel durch die dunklen Zweige einiger Hollunderbüsche hinein, und bekleidete den nackten Altar mit Himmelsglut. Alles war still, nur die Luft säuselte durch das Gezweig, und das dumpfe Gebrüll der Heerden, scholl von fern: ich warf mich vor dem Altar nieder, mit nie empfundener Angst habe ich an der Stelle, wo die Gefahr ihn umschwebt hat, für seine Sicherheit gefleht.
Mein Führer kam zurück, und längs dem Rücken der Hügel, den Pfad entlang, auf welchem die Vertriebenen gejagt waren, gingen wir zum Schlachtfeld. Manche Erhöhung des Bodens bezeichnete den gewaltsamen, schmerzhaften Tod der Fliehenden und ihrer Verfolger neben einander; und plötzlich sahen wir die Ebene, in einen Halbzirkel von Bergen gedrängt, auf dessen Mitte wir standen, vor uns. Ein einzelner Baum wehte am Abhang: dort hatte er gehalten, als Alles von den Bergen hinabgetrieben war: so deutete mir der Landmann: im Grunde standen die Feinde wieder gesammelt.