Mein Herz war in der Tiefe erschüttert; Grabhügel zu meinen Füßen; und hier, wo ich stand, war der Tod um ihn gewesen. Ich sah ihn auf seinem Pferde; seine Boten eilen, und kommen; das Geschütz kracht, das Geschrei übertäubt die Feldmusik; die wilde Scene erneuerte sich vor mir.
O! der Krieg ist kein schrecklicher Gedanke, wenn man ihn als ein großes Schicksal von Völkern betrachtet; des Einzelnen Loos ist, dem Zwecke des Ganzen geopfert zu werden: aber wenn das Bild des Einzelnen vor die Seele tritt, seine Verhältnisse, seine Art, sein Schmerz; dann wird die menschliche Natur von einer solchen Nothwendigkeit zerrissen, die sie vertilgt. Ich konnte mich des Schauders nicht bemeistern. Was ist sein Beruf! Sein Bild verliehrt sich in dem gräßlichen Gewühl, und das Entzücken der Liebe kommt nicht in mir auf.
Die Vorstellung des Krieges hatte Heloisens Gemüth tief erschüttert. Alle Bilder des häuslichen Glücks, die in ihrer Fantasie heimisch waren, fühlte sie von schreckensvollen Vorstellungen vernichtet, und es war umsonst, daß ihr Verstand das Heil der Schlachten für das Allgemeine der Menschheit zu fassen vermogte, daß ihr Herz Kraft hatte, durch eine solche Ansicht erhoben und beruhigt zu seyn, seine Kraft war von der Liebe dahin genommen. Das Bild ihres Geliebten erschien ihr unaufhörlich, demselben Schicksal erliegend, das so viele Geliebte, Gatten, Väter, fern von der Heimath und den Geliebten getroffen; eine Täuschung entstand unbewußt, als ob ihre Nähe ihm ein schützender Talisman seyn würde, und sie strebte mit von Angst vermehrter Eil ihn zu erreichen.
Die kleinen Auffenthalte der Reise vermehrten ihre Bangigkeit, wie die Gewalt der Schreckbilder, welche ihre Seele umlagerten, durch die Gespräche an den Orten wuchs, wo sie genöthigt war zu verweilen.
Gegen Abend hatte sie das Städtchen noch nicht erreicht, wo sie ihn zu treffen hoffte, und bei dessen Namen ein augenblicklicher Friede, ihr Luft zu hohlen, vergönnte. Das Wechseln der Pferde verursachte neuen Auffenthalt, sie ertrug das Harren nicht länger in Müssigkeit, und befahl daß der Wagen in der größten Eil nachkomme, indem sie die Straße zu Fuß voraufeilte.
Auf der Mittagsseite, umschränkte das Thal eine Felsenwand, in welcher die Natur Wölbungen gebildet hatte, und längs den Felsen zog sich ein Dorf hin. Ihre Aufmerksamkeit erregten Menschengruppen, die an den Wölbungen lauschten, nach Untergang deuteten, woher der Wind strich, und sich lebhaft unter einander besprachen. Sie wandte sich, um ihren Bedienten zu fragen: was der Anblick bedeute? indem schlug ein dumpfes Hallen kaum vernehmlich an ihr Ohr. Der Bediente hatte den Kopf zum Boden gebeugt, und erwiederte: in diesem Augenblick müsse in der Nähe ein Gefecht vorfallen, denn was man höre, sei wie Laut von Geschütz, und an den Felsen mögte der Hall noch vernehmlicher seyn, vom gehemmten Luftstrom.
Heloise schauderte in sich herab, in unergründlichem Weh; ihr entstanden Luft und Kräfte, sie mußte sich an einem Baumstamm halten; der Wind strich schärfer über das Feld, und der schreckliche Hall erschallte deutlicher und rasch wiederhohlt. Er spannte ihre Seele wieder, sie hätte Alles hören mögen, bei Allem gegenwärtig seyn, die Bilder einer Schlacht verlohren ihre Gräuel vor dieser Pein der Ungewißheit.
Indem nahte ihr Wagen. Ihre zusammentreffenden Leute unterredeten sich über das, was sie gehört, voll Besorgniß vorwärts zu gehen, auf die Gegend zu, woher das Geschütz schallte; ein Landmann kam von den Felsen über den Anger gelaufen, und rieth, die junge Dame solle umkehren, sich nicht in Gefahr geben. Heloise befahl mit der höchsten Gewalt, vorwärts. Sie warf sich zurück in den Wagen, keinen Laut zu vernehmen; dann spannte sie alle Gehörnerven an, daß ihr keiner entginge; sie trieb zur Eil mit der größten Hast.
Es wurde Nacht, der Schall des Geschützes klang immer vernehmlicher, die Dörfer waren nicht nächtlich öde: es wachten die Bewohner und riefen den Reisenden zu: wo das Gefecht seyn müsse; und ermahnten sie zu warten: »siegen die Unsrigen nicht, wendet der Feind sich nicht diesseits.« Er habe wahrscheinlich den General überfallen, der in dem Städtchen gestanden. Es war sein Name. Was sollte ihr Sicherheit, da er in Gefahr schwebte. Sie warf sich in dem Wagen auf die Knie, mit gerungenen Händen, sie rief ihrem Freund zu, daß sie komme, sie flehte ihn, sie flehte Gott, sie flehte die Luft um Schonung für sein Leben; dann erstarrte ihr Bewußtseyn, und nur ein krampfhafter Schmerz wand sich durch ihre Sinne.