Einige peinvolle Stunden schlichen dahin: plötzlich hörte sie von außen: es brennt!
Nicht zu fern an der Tiefe des Horizontes erschien das Feuerzeichen. Der Hall des Geschützes hielt bald darauf inne. Sie starrte in die Gluthströme, die aufstiegen und einsanken; dort war also die Gegend, dort, dort war er, aber kein Laut drang mehr durch diese Entfernung; der Hall des Geschützes ertönte nicht länger.
Es schien vorüber! Ihr Schicksal war entschieden. Die Stille versenkte sie in gänzliche Abspannung, es war nicht Ruhe; es war kein Leben mehr in ihrer Seele. Sie dachte unaufhörlich ihn, doch sein Bild stand unbeweglich, die Wallungen der Furcht und der Hoffnungen waren erschöpft.
Aus diesem Gemüthszustand riß sie das Rasseln der Räder auf gepflasterter Bahn, welche die Nähe einer Stadt verkündete. Ihr Herz begann aufs Neue zu schlagen; die Entscheidung nahete, sie sollte ihn finden, aber wie? Es schlug höher und höher, daß sein Arbeiten ihr den Athem raubte. Die gothische Masse des Städtchens erschien schwarz in dem Dunkel der Nacht, der Wagen hielt am Thore, es war gesperrt, und lange dauerte es, ehe auf Fragen von Innen, und Antworten ihrer Leute, das Thor endlich aufrasselte. Sie fuhr durch das niedrige lange Gewölbe desselben; und als innen der Wagen hielt, hörte sie, daß ihr Geliebter, auf Kundschaft von dem Vorhaben des Feindes, sich der Stadt durch Ueberraschung zu bemächtigen, demselben entgegengegangen sei, ihn in die Flucht geschlagen habe; und die Verwundeten, welche auf der entgegengesetzten Seite eingebracht wurden, berichteten, daß er noch in Verfolgung desselben begriffen sei; worauf er sich wol wieder auf die Stadt, in die Linie der Armee zurückziehen würde. Es herrschte öde Stille in diesem Theile der Stadt, aber je mehr sie dem Mittelpunkte nahten, je mehr belebten sich die Straßen; Seufzen, Geächz' der Verwundeten, Geschrei der Helfenden, scholl aus dem Gedränge, durch welches sie mit Mühe zu einem Gasthof gelangten.
Betäubt und zerstreut von diesen Nachrichten und diesem Anblick, eilte Heloise in ein Zimmer, zu welchem der Lärm nicht zu dringen vermogte. Es war ihr sonderbar, als sie sich gesammelt hatte, Licht gebracht wurde, und sie nun die Räume erkennen konnte, daß nun bald, daß hier, sie ihn sehen sollte. Sein Bild, die Vorstellung des Wiedersehens erregten in ihr die gewohnte Ruhe der Liebe, das Vergangene mit seinen trüben Ahnungen versank vor der Hoffnung, die wie ein neues Morgenlicht aufzudämmern begann.
Sie lauschte auf jedes Geräusch, in Erwartung seinen Tritt zu hören. Auf einmal schlug der Klang aller Glocken, dumpf und langsam an ihr Ohr. Es fuhr wie der Tod in ihre Brust. Im Hause hörte sie Menschen die Treppe herab eilen, Rufen und Jammern, sie hörte den Namen ihres Geliebten; geblieben, todt, mehr konnte sie nicht unterscheiden, sie wollte fragen, sie vermogte es nicht, ihre Leute stürzten herein, und bestätigten was sie entsetzte; sie griff an ihr Herz, und sank leblos zurück.
Als sie aus der Bewußtlosigkeit erwachte, war der erste Eindruck, daß es Tag sei, und der nächste, daß er nicht mehr sei. Und dieser riß mit ungeheurem Schmerz sie wieder in das Leben zurück. Sie starrte umher, da fiel ihr Auge auf ein Tuch, das mit Blut befleckt neben ihr lag. Sie erkannte das Gewirk; es war ihre Arbeit, es hatte ihre Brust einst verhüllt, sie hatte es ihm geschenkt: sein letztes Lebensblut klebte daran. Sie nahm es, sie drückte es an sich, ihr Schmerz brach in Thränen aus.
So fand sie sein Waffengefährte, sein Jugendfreund, als er stumm zu ihr trat. Aber sie winkte ihn von sich, denn ein Geschick, wie das ihre, faßt sich nur in der Einsamkeit.
Aber wie allmählig ihre Seele sich den Vorstellungen wieder erschloß, ertheilte er ihr den einzigen Trost, dessen sie empfänglich war. Er erzählte ihr jeden Zug aus den letzten Lebenstagen seines Freundes; er sagte ihr, wie viel sie ihm gewesen: wie, wenn der Drang des Krieges seine Gedanken, seine Kräfte fortgerissen, eine Erinnerung an Sie, die Gewißheit ihrer Liebe, ihn mit all' der stillen Heiterkeit bereichert habe, welche der Genuß einer friedlichen Heimath gewährt.
Seine letzte Rede war der Wunsch gewesen, daß sie gleichsam als seine Witwe, bei seiner Familie, an dem Ort seiner Geburt leben mögte: seine Einrichtungen erhalten, seine Anstalten fortführen. Seine letzte Bewegung war, ihr Tuch von der Brust zu nehmen, es dem Freunde zu reichen für sie.