VI.
Ich werde nie Gewalt über Menschen erlangen, die mir lieb sind. Julie hat keinen Einfluß auf meine Denkart, und doch folg' ich, aus Furcht ihr wehe zu thun, öfter ihrer Neigung als der meinigen. Sie legt so viel Gewicht auf die Kleinigkeiten der Gesellschaft, und ich so wenig; sie findet so ganz ihr Glück darin, ich muß ihr nachgeben, ich würde sie kränken, thät' ich es nicht, und opfere so wenig, es zu thun; — und doch, wie manche schöne Stunde bringe ich ihr zu Liebe in öder Gesellschaft hin, die ich wie gern und selig auf meinem einsamen Zimmer, mit meinen Erinnerungen, mit meinen Büchern verschwärmt hätte. Am liebsten kehrte ich zurück auf mein Landgut, aber Julie, deren Freundschaft der Gedanke unglücklich machen würde, daß man etwas über meine dortige Einsamkeit reden mögte, aus welchem Grunde sie auf mein Herkommen drang, hält mich hier zurück. Vergebens sehne ich mich nach der stillen Freiheit meiner Wälder, nach meinen ahnungsvollen Bergen, welche die Erde hinauf zum Himmel heben, auf deren starker Brust er liebend ruht.
VII.
Stille, mein Herz, er ist da! ich hab' ihn wieder, ich hab' ihn gesehen, ich werde ihn täglich sehen! — ihn sehen — o gütiger Himmel, wie reich an Freuden ist mein Daseyn! Hat sich meines Lebens schönster Traum verwirklicht?
VIII.
Es giebt kein himmlischeres Gefühl, als mit der Hoffnung eines Glückes erwachen. Hell und freundlich, ein ganzes kleines Leben, liegt der Tag vor uns da. Mit sehnender, lieblicher Unruhe tritt man rasch und freudig hinein, und jede kommende Stunde windet eine neue Blume in den schwellenden Freudenkranz, bis endlich die schönste erscheint, in der seine Nähe das überglückliche Wesen mit all ihrem Zauber ergreift. Wie erwartete ich den Nachmittag mit Sehnsucht: kein Augenblick verging, ohne das Bild dieser Stunde, ohne sein Bild! Bei jedem Wagen, der vorfuhr, bei jedem Tritt im Vorgemach, zuckte ein süßes Bangen durch meine Glieder, und fesselte den Athem in meiner Brust. Und als er kam! wie stürmte mein Herz, wie rang mein Bewußtseyn, wie war ich überwältigt von aller Liebe.
Und Julie empfing ihn kalt, und höflich wie jeden Fremden. Ihre Kälte gab mir Besonnenheit. Es giebt Gemüther, die auch nichts ergreift! nie überschreiten sie die Grenzen des Anstandes, und selbst das Herz treibt sie nicht darüber hinaus.
Er saß mir gegenüber, ich hörte seine Stimme, und wie ein mächtiger Strom ergriff mich ihr Umfang, ihre Gewalt. Die Gedanken schienen mir größer, kühner die Bilder, von seinen Tönen getragen. Seine Gestalt, wie erhaben! welche Glut auf seinen Wangen, seinen Lippen! Fest stand er, als sei die Erde sein Gebiet, das Haupt wiegte sich auf dem geschwungnen Halse, kühn und frei strebten die Augenbraunen über die großen Feuerblicke. Ich konnte mich nicht losreissen von dem Zauber der Hoheit; ich wollte sprechen, allein mir fehlte die Luft; und ein flüchtiges Roth, flog bei jedem einzelnen Wort, das ich sagte, ich fühlt' es, flammend über mein Gesicht. Schweigend staunte ich ihn an, wie man dem Fluge des Adlers in den Wolken aus tiefem Thale nachschaut. Und als er fort war, — o welche Unruh, welches Treiben.
IX.
Ich habe alle Wesen lieber, seit er mir theuer ist. O! ich kann begreifen, wie ein höheres, unendlich höheres Wesen, als ich, mit diesem Gefühl Welten ins Daseyn rief, und erhält. Das Geheimniß der Schöpfung, der Gottheit ist mir enthüllt; meine Liebe trägt mich hinauf zu dem Gott der Liebe. Seinen Athem trink' ich in der reinen Himmelsluft, die meine Brust stärkt, wenn sie diese allmächtige Empfindung nicht mehr faßt. Es giebt eine Seligkeit, die keines Menschen Brust trüge, könnt' er sie nicht an deinem Herzen, unendlich liebende Natur, ergiessen, könnt' er sich nicht das Leblose damit zum Freund beseelen.