X.
Der schönste Herbstmorgen blickte vom Himmel. Wie ein duftiger weisser Schleier umhüllte Nebel die Stadt; je höher die Sonne stieg, desto glänzender ward er, und endlich traten golden die Thürme, und ferne Bergwipfel daraus hervor. Immer tiefer sank der Nebel, und wogte und ballte sich in den Thälern, zwischen den Bergen. Einzelne Massen riß der Wind loß, und trieb sie, wie luftige Geisterbilder durch den Aether. Bald war er verschwunden und glänzte in tausend kleinen Sonnen auf den Grashalmen. Laut schmetternd begrüßte das Hüfthorn den hellen Morgen.
Sein muthiges Roß stampfte und wieherte, Herz und Sinne waren frisch, Geist und Seele lebendig! Ach und seine Blicke, seine seligen Blicke, sagten sie nicht mehr als alle Sprache? O dürfte ich sie deuten. —
XI.
Der Garten war erleuchtet, und der Schein der Lampen spielte grün und golden an den Blättern. Im reinen Aether schwamm der Mond, und warf sein ruhiges Licht auf die geschmückte bewegliche Masse, die in den Gängen und Sälen wogte; und hell, als wäre der Tag hieher geflüchtet, schimmerte das Schloß und ertönte vom Wiederhall rauschender Freude. Nie hab' ich sonst den Tanz geliebt; er ist ein Fest der Liebe, sie allein verleiht ihm Sinn und Bedeutung. Aber welch ein Entzücken, von ihm und immer von ihm bemerkt dahin zu schweben, welch ein Meiden und Suchen, welche Freude, wenn der Augenblick kommt, da eine Berührung der Hand, flüchtig, vorübereilend, zitternd verräth, was das Herz empfindet; und mit ihm zu tanzen, auf Augenblicke getrennt, sich immer wieder zu finden, wie Planeten in verschlungenem Wandel einander zu umkreisen, von schwellenden Tönen getragen; nur leise im Vorüberschweben Händedruck und Blick zu wechseln, und dann, von ihm gehalten, von seinem Arm umschlungen, rasch dahingetragen, von derselben Luft gekühlt!
XII.
O Du! Du! was hat Deine Liebe aus mir gemacht. Ich bin mir selbst in meinem Innern fremd, und doch find' ich mich in jedem Gedanken, in jedem Gefühl wieder. Eine unendliche Klarheit erfüllt meine Seele, neue kühne Gedanken und Wünsche und Bilder steigen darin auf: neue Kräfte beflügeln meinen Geist, ich erstaune über mich, und doch ist mir so wohl, so unaussprechlich wohl? So mag den Verklärten seyn, die aus dem dämmernden Todesschlummer voll lieblicher Lebensträume in seligen Gefilden erwachen. Ungewohnt der neuen Vollkommenheit gebrauchen sie schüchtern Kräfte, die sie nicht ahneten. Ja, der Keim zu dem was ich mich jetzt fühle, er lag in meiner Brust, doch seine Liebe, seine beglückende Liebe, hat, wie eine schöne Sonne, ihn hinauf ins Leben gelockt!
XIII.
Diese Wonne, diese unendliche Wonne, seine eigne Seligkeit, tausendfach im Glück des Geliebten zu genießen! So langsam gedeiht, was man oft mit Aufopferung für das Wohl anderer thut; und hier trägt ein Wort, eine süße kleine Handlung, wozu das Gefühl unaufhaltsam hinreißt, trägt jede Blüte im Augenblick des Entstehens die lohnende Frucht. Ich lieb' ihn mehr, mögt' ich meinen, seit meine Liebe ihn glücklich macht. Gern gehe ich in das Gewühl der Welt hinaus, gern suche ich die Einsamkeit mit der Fülle von Seligkeit in meiner Brust, die mich durch alle Himmelsräume jauchzend trägt. Ich habe neue Sinne bekommen für alle Freuden, für alles Leid; und trag' ich es nicht mehr, dann nenne ich seinen Namen, das ewige Jubellied meines Herzens, den einzigen Ausdruck für das Unaussprechliche.