Ich bin so glücklich, so überschwenglich glücklich; wie kann man einem so glücklichen Wesen zürnen! So lange nun hab' ich ein einsames Daseyn geführt, und nun sollt' ich den Genuß, ihm meine Liebe zu zeigen, darzuthun, daß ich stolz auf das Gefühl bin, ihm Freude zu machen, um nichts geben? Sollte ich die Liebe, wie einen schönen duftigen Strauch vor mir blühen sehn, und seine reinen Himmelsblüten nicht pflücken? mein Daseyn anders, als in dem Seinigen haben? Mein reines freies Gefühl in konventionelle Formen zwängen, und der Welt Theil daran geben? Sie hat keinen daran, alles, alles ist von ihm und mir: ich will nicht von jedem Unerträglichsten Glückwünsche hören, über ein Glück, das keiner ahnet. Ich bin frei, ich werde, ich kann ihn wählen, meiner Liebe steht nichts im Wege, das sie zum Opfer verlangte, sie kränkt Niemand, sie zerreißt keine Verbindung; warum soll ich mir den unschuldigen Genuß versagen, daß er sie als eine freie Göttergabe von mir empfange? Und doch thut es mir weh, Julie nicht zufrieden zu wissen — sie ist so gut — sie meint es so gut mit mir. —

Könnte sie nur empfinden, wie glücklich ich bin, wie glücklich!

XV.

Ich glaube nicht, daß eine Liebe, welcher eine große Pflicht, welcher auch nur das Glück eines Wesens geopfert wurde, ganz glücklich seyn kann. Sie erfüllt ja das Herz mit so unendlichem Wohlwollen gegen alle, alle Geschöpfe.

Den ersten heftigen, leidenschaftlichen Ausbrüchen der Seligkeit folgt eine ruhige Stille. In Gesprächen entfaltet sich die Seele, kein Gedanke bleibt dem Geliebten verborgen, und ein unendliches Vertrauen tauschet Herz gegen Herz. Wie lieb und immer lieber wird er in solchen Augenblicken, welchen Genuß gewährt jedes seiner Worte, jede kleine Gewohnheit, jeder Ausdruck, den er gern gebraucht, welcher namenloser Liebreiz ist in seinem Sprechen, seinem Gehen, seinen Bewegungen. Ich könnte Tage lang ihm so mit meinen Blicken, mit meiner Seele folgen, und in der größten Einsamkeit ganz allein mit ihm würd' ich glücklich seyn; denn wer ergründet je den geheimnißvollen Zauber seiner Liebenswürdigkeit? O mein Gott! rufe ich oft mit Thränen und drücke die Hände auf meine beklemmte Brust, warum mir, mir so viel namenloses Glück! — Und der Wunsch, das glühende Gebet, daß solches Glück allen Seelen werden möge, wirft mich vor den Allmächtigen nieder.

Könnte ich so selig seyn, trübte der Gedanke an eines Geschöpfes Unglück, das ich verschuldet hätte, mein Bewußtseyn?

XVI.

Es giebt kein süßeres Gefühl als die Bande, womit die Liebe zu ihm mich an diejenigen fesselt, die ihm theuer sind; keinen holderen Schmerz, als die Theilnahme an Leiden, die ihn einst gekränket. Wie lieb ich seine Aeltern habe, die ich doch nicht kenne, seine Geschwister, seine Untergebene, die großen Schaaren die sein Geist anführt. Unser Gespräch bringt uns oft zurück in die Vergangenheit, mit stiller Wehmuth blicken wir aus unsrer schönen Gegenwart darauf hin. Die Erinnerungen verlebten Kummers, verklungener Freuden gehen an uns vorüber, wie liebe traurige Freunde. Er hat eine Freundin verloren, und sprach von ihr mit besiegtem, unvergessenem Schmerz. Es war mir als wären wir mit einander erwachsen, als hätten wir von Kindheit auf mit einander gelebt. Mein Herz zitterte, da wir uns trennten. Ich warf mich an mein Fenster, und badete die glühende Brust in der Nachtluft. Meine Phantasie wandelte die fliehenden Wolken, in die Gebirge seines Vaterlandes, und zeigte mir bald diese, bald jene Scene aus seiner Kindheit. Ach! alle meine eignen Gedanken ketten mich unaussprechlicher an ihn.

Wie ich so lag, hörte ich Schritte über meinem Haupte, die zum Fenster eilten. Es war sein Tritt. Er stahl sich aus der Männergesellschaft, zu welcher er bei Juliens Gemahl geladen war, in die Einsamkeit, den Schein der Kerzen aus meinem Gemach auf den nächtlichen Rasen zu erblicken.

Die Natur schwieg, Sterne traten aus den zerrissenen Wolken, ich hörte das Geräusch seiner Bewegung in dem Fenster über dem Meinen; der Baum verbarg mir die dunklen Umrisse seiner Gestalt, aber ich fühlte seine Nähe; ich wagte nicht ihm zuzurufen; ein kleines Gedicht fiel mir ein, das ich einst irgendwo gelesen, ich sang mit leiser Stimme: »nur bei Dir weilt meine Seele!« Er vernahm mich, er flüsterte meinen Namen durch die Aeste. Da hörte ich Schritte die zu ihm traten, eine fremde Stimme, und lauter vernahm ich die seine, in einem ernsten Gespräch.