Die erste Nacht
Die Mäuse huschen unter den Heizungsrohren durch die Zimmer. Erschrecken Sie nicht, wenn die Fallen klappen. Elf Uhr. Die elektrischen Bogenlampen draußen auf den Fahnenmasten für die Verirrten dringen keine zwanzig Meter in diese Nacht.
Das dumpfe Dröhnen sagt, daß der Neufundländer Bary vom Hebelhof diese Nacht nicht im Schnee schlafen kann und morgen nicht seine Geliebte, die Wolfshündin auf Herzogenhorn besuchen wird. Als wir vom Blösling das erstemal in der Lawinenzeit unter den Wächten herkamen und uns die schöne Frau mit dem Monocle und die beiden Badener von der Terrasse des Blockhauses, das unten mitten in der Ebene stand und jede Minute weggewischt ward von Schneewehen, mit Posaunen und Reiterdrommeln begrüßten, wie lachten wir vor Wonne über die Musik, die man wie ein Geschoß uns entgegenknallte . . . . . . aber wie entsetzten wir uns, als über der Grafenmatte mitten im Schußfeld wir Bary zum erstenmal erblickten, der unfehlbar einem schwarzen Bären glich, und wie umfuhren wir ihn mit entsetzten Schwüngen.
Denn der Wechsel von Licht und Schnee war so gespenstisch, daß uns kein Tier der Urzeit erstaunt hätte, wäre es aus diesem von Sonnenkanonaden und Luftspiegelungen durchwehten Tag aus der Landschaft herausgetreten, über die wir wie Götter herabkamen, achtzig Kilometer Stundengeschwindigkeit, auf Hickorys, immer neue schier unabsehbare Terrassen von Hängen hinunter. Nun sitzen wir auf den Fenstern und starren bei Kerzenschein in die Nacht. Kommt uns ein Echo zurück aus dem Brausen?
„Was nun ist deutsch?“, fragt Ihr Auge, Mijnheer, frug es schon oft an meinem. Frug es, als man den jungen Springer vom Hügel gestern brachte, der, als die Chirurgen die scharfen Knochenenden in den Oberschenkel zurückspießten, Ziehharmonika spielte. Es war schneidig, doch ich sah dasselbe bei Blériot. Sie frugen, ohne zu reden, das Gleiche, als hinter Konstanz ein Rotbart ins Coupé schaute und ehe er Platz nahm, schrie: „Sind Juden drin?“ Das war nur untermenschlich. Sie sagten einmal, daß in Ihrer Jugend in Grénoble, als französische Studenten den wahren Mut der Deutschen bezweifelten, ein alemannischer Skulptore vor Ihren Augen am Tisch des Cafés sich die Brust aufschnitt. Das war barbarisch aber nett. Nicht deutsch. Nun fragen Sie ernstlich und wollen eine Antwort, rund und klar und voll Verantwortung. Das ist nicht leicht. Das ist unmöglich.
Was ist italienisch, was spanisch? D’Annunzio oder Michelangelo? Cervantes oder Goya? Ein Teil jeder Nation würde jeden dieser Reflektanten bestreiten. Die Deutschen haben aber sogar in der Gesamtheit den Sinn für das wirklich nationale Grundgefühl verloren und sich falsche Götter aufgebaut. Goethe ist eine völlig romanische Mischung. Und Schiller hat das Pathos, nach dem sie sich vergeblich sehnen, weil sie es nicht wie die Romanen im Blut besitzen. Die Weimarer Tradition hat mit keiner deutschen Vergangenheit irgend etwas zu tun. Diese Klassik ist der stehengebliebene Wunsch der deutschen Germanen nach der südlichen Erlösung, der sie früher mit Schwerten und Kreuzzügen dienten. Rodin, der bestimmt Germanisches in seinem Wurf besaß, hielt die griechische Kunst nicht für mehr als gute Geometrie. Ein wahrhaft innerlich deutscher klassischer Stil würde nie bei dem von Pelasgern bewohnten Griechenland anfangen, die uns bei allem Neid auf ihre Vollendetheit so wesensfremd sind wie Chinesen und uns nur durch die Renaissance als Blutsbrüder vorgetäuscht wurden. Sondern er würde sich in jener Herbe erfüllen, die von den Domportalen her, von Mäleskirchner und Cranach, den Sängern des Nibelungenliedes, von Ekkhart, von Fischart, von Grünewald ausgeht und aus einer barocken Fontäne in einen stillgewordenen Himmel hinein sich formt.
Eher ist der Bamberger Platz bei all seinem Chaos deutsch, der immerhin einen Riesenwurf darstellt von dem romanischen Geist des Doms an über die Paläste der Renaissance und des Barock bis zur Schlußgestaltung des monumentalen Raums, als daß Deutsch sich offenbare in jener nichts-als-harmonischen Geste, auch wenn sie die größte Begabung, die je den Deutschen ward, zelebriert.
Dazu braucht es anderes Klima und anders vor Wonne des reinen Seins geschüttelte Himmel. Das Deutsche hat immer als Reiz, selbst in seiner landschaftlichen Atmosphäre den unbestimmbaren Hintergrund getragen, und war immer fern der farbigen Plastik, mit der die Südländer ihre Gebärden schließen. Constant, der gescheiteste Franzose, der gleichzeitig Deutschland, in dem er Jahre lang hörig hinter der Staël herreiste, heiß liebte, hat Goethes zentrale Schwäche rasch durchschaut. Denn er spürte unfehlbar, wo das schönste Genie der Deutschen abbog von seiner Bestimmung, die Menschen in Liebe zueinanderzuführen, indem es keine Stellung nahm zu ihren kriegerischen Konflikten, und statt in den geistigen Kampf zu jagen, einbog in die Verherrlichung einer Klarheit, die bei Deutschen nie Inhalt sondern nur Fassade sein konnte. Constant hielt den „Faust“ daher für eine Verhöhnung des Menschengeschlechtes und stellte Voltaires „Candide“ darüber, den er zwar gleich unmoralisch und dürftig aber geistreicher und besser gemacht fand. Teutonische Ajaxe werden dies Urteil unerhört finden, weil sie die Welt nur zwischen Elbe und Rhein und mit viel Vorurteilen gemalt sehen. Es ist jedoch nur gerecht. Denn andere Völker sehen mit Puppille, wie ihre Leidenschaft am idealsten sich in der entsprechendsten Form löst.
Die Deutschen haben aber keinen Sinn mehr für ihre Eigenart, verehren Götter, die keine sind und Heroen, die sich als Puppen aus falschen Sentiments entschleiern. Deutsch ist daher fast nie, was die heutigen Deutschen lieben, deren Andachtsheißhunger vor allem Anders-Seienden sie in Ideale hineinreißt, die andere, nur nicht sie selbst besitzen. Sie lieben entweder das Sentimentale, das klassisch aussieht, im Grunde aber Lüge ist. Oder sie verehren das unvollkommen Dunkle, das nicht das groß Barocke, sondern die eitle Ohnmacht von Narren ist, die ihre Schwäche damit verbergen. Stellen sie aber einmal ein Denkmal von Qualität auf ihre Landschaft, in der die verlogenen Feldmarschallbilder des Tuaillon mit erbärmlicher Glätte neben dem Kölner Dom stehen, so stellen sie Figuren Meuniers auf die Frankfurter Mainbrücke, die zwar Kunst sind, aber den nationalen Ausdruck wallonischer Fischer und nicht deutscher Seeleute ausdrücken.
Deutsch ist nicht das unvollkommen gestaltete Klare, sondern das im Dunkel ringend Gebaute. Deutsch ist nicht der magyarische Melancholiker Lenau aber etwas an Grabbe. Deutsch ist nicht Herr von Münchhausen, der einfach einen Panzer umtat und blödsinnig mit kriegerischem Gebrüll das Maul aufriß, wie er es für adlig hielt, aber sicher etwas von Richard Dehmel. Deutsch ist nicht etwa jener mit Kothurn auftretende Gott der Langeweile, der mit Paul Ernsts gesammelten Schriften am Arm erscheint, aber sicher etwas von der Malerei des Max Beckmann. Deutsch ist nicht das dumme hohle Zeug, das mit klassischem Jambus Herr von Wildenbruch in anständigster Gesinnung verbrach, aber sicher etwas in den tollen Phantasien des Architekten Poelzig, dem Deutschland keine Bauaufträge gibt. Deutsch ist vor allem nicht Gerhart Hauptmann, aber sicher etwas in Wedekind.