Ich habe daran denken müssen, als nicht nur die Wände des Barbarossa-Pallas mit den schmalen Scharnieren der Säulen sondern auch die Färbungen der Ecken und die Dunkelheiten der Verließe und die schmerzlichen Lücken des Fehlenden mir den Ruhm ihrer Zeit erst völlig entgegenbrachten. Fesseln wir den Augenblick! Durchbohren wir ihn, weil er erst dann unsterblich ist. Alles andere geht, wie Deutschland geht. Es lebe die Republik!
Wir gehen in die erste Nacht, Mijnheer, als ob wir in die Verbannung gingen und Deutschland so fern hinter den Schneewehen sei, als habe das Exil sich wahrlich zwischen uns und die Heimat gelegt. Der Sturm, der an den Schwarzwaldbergen hängt, hat die Gegenwart wie die eines Sternes entfernt, man sieht durch den Kerzenschein nur Kämpfe und Gesinnungen wie bei Homers großer Schlacht. Man sieht nur die Dichte der Leistung und den Adel des Wettspiels und erschrickt nicht, wenn man beim Reden das Herzblut der Zeit auf den Lippen spürt und stirbt nicht daran wie jene Geliebte und Liebende von Coucy, die wie am Blitz starb, als sie das Kreuzzugherz ihres Freundes durch Irrtum verspeiste. Hinter dieser Betrachtung formieren sich dann schon die Massen. Man kommt nirgens ohne innere Haltung aus: „Après vous, messieurs,“ schrien englische Cavaliere französischen Rittern zu, als diese höflich den Briten den Vorrang der ersten Salve bei einer Schlacht lassen wollten. Diese Devise ist nicht flacher in einer Zeit, wo die Schwengel sich duellieren und die Edelleute sich öffentlich verleumden. Man darf nicht erstaunt sein, beim Untersuchen der Zeit statt einer Armee von Helden ein Lager von Schelmen anzufinden, aber man braucht deshalb seine Unparteilichkeit und seine Manieren nicht zu verlieren. Man kann unbefangen sein und kalt wie ein Fisch im Urteil und doch seine private Sehnsucht vor alles Richtige nachher wie einen Traber vorspannen.
O Deutschland!
In seinen Tälern beginnen die zaghaften Anfänge des Frühlings schon in den ersten Sommer einzukreisen und aus den Gärten bricht schon der Geruch der vielen Blumen. Unsere Träume haben keine Muse, teilzunehmen an so sanften Entzückungen seines Wesens. Im Gewirr seiner Pfade einen Weg suchen und die Beete zu unterscheiden ist eine Aufgabe, die verflucht ist, auch wenn die Donner eines stürmischen Frühjahrs nicht mit dunklen Gewittern über uns hingen. Unser dreißigstes Jahr ist nicht heiter wie das der Jünglinge des Boccacce und unsere Jugend ist stürmischer wie die des Cinna und Hannibal. Was ist noch zu tun?
Ich habe gehört, daß über mein Ordnen und Schichten und Höhe- und Tiefe-Weisen einige schrien, es sei Diktatur, die versucht werde, aber da es, wie ich näher hinsah, erbärmliche Schatten waren, die schrien, habe ich nicht geantwortet und mein Ehrgeiz war nicht klein genug zum Kampf mit den Gerippen. Die Erfolglosen, die das Nein gegen die Gesunden stets im Munde führen, haben mich nie gereizt und Verneiner sind nichts anderes als frühzeitige Tote.
Man hat in Deutschland wie das züchtigende Ja so auch das Ringen um die klar erkannten Ziele und das Bewußtsein der handwerklichen Leistung ganz verlernt. Man hat sich so zerspalten, daß man nichts mehr weiß von jener weltumspannenden Kameraderie der Handwerke, von der gemeinsamen Wollust europäischer Arbeit, von jener Staffelung in Gut und Schlecht und Volk und Arbeit . . . . und wie in seinem Mittelalter man sich verehrte, nicht weil man berühmt war, sondern weil man etwas konnte, wie man sich gegenseitig unterwarf und lernte und schließlich allesamt bewußt dann kreiste, der Vollendung nahe nachher, um die Achse eines sicheren Weltgefühls. Es gibt heute keine Schüler mehr und keine Belehrer, nur seltsame Meister ohne Boden und ohne Himmel.
Man muß ihnen zeigen, was ist, diesen armen unbelehrbaren Menschen. „Ich werde Euch lehren den Arm, ein Bein, mit Grazie zu biegen,“ sagte Boucher zu seinen ungelenken begabten Schülern. Hokusai, der seit dem fünften Jahre unendlich viel zeichnete, verwarf, was er vor dem siebenzigsten Jahr geschaffen und glaubte, mit Dreiundsiebzig etwas von der Farbe der Dinge zu begreifen. Ronsard empfiehlt in seiner Poetik den Dichtern, zu Schlossern und Goldschmieden zu gehen, um zu lernen die Sprache zu ziselieren. Ingres empfahl, wenn man für hunderttausend Francs Handwerk habe, keine Sekunde zu zögern noch für einen Sou dazuzukaufen. Und Flaubert, der es wissen mußte, wie keiner, schrieb nachts an Madame X. von Croisset nach Paris, er habe auf hunderttausend Arten einen Ausdruck gesucht, behauen, gegraben, gewendet, durchstöbert, gebrüllt, bis er ihn unter Garantie endlich habe und nun, nachts um ein Uhr stehe er mit fieberndem Kopf und brennender Kehle seiner Geliebten zur Verfügung.
Sie wußten alle, daß Talent nichts sei als lächerliche Voraussetzung und daß bei genauer Prüfung schließlich wohl jedermann ein Talent habe, und daß ohne die grauenvollste Arbeit nach einem Ziel, das man sehe, im Sinne aller Meister jedes Geschreib und Gemale nur ein dilettantischer Schmus und ein zweckloser Unfug sei. Sie wußten, man müsse den Menschen zeigen, wie sie arbeiten sollten, wo die Quellen lägen und wohin sie ihre vom Übermaß der Bemühung geröteten Gesichter freudig wenden sollten.
Ein Glockengeläute gibt zuerst, weil der Klöppel eine Seite lediglich berührt, einen hellen dünnen Ton. Erst wenn er die andere Seite unter geschickter Führung dazu noch erreicht, überbaut den ersten Anschlag die dunkle Kraft des zweiten . . . . und so, voneinander nehmend und sich überbietend, baut sich die Stufe der Melodie immer breiter dröhnend in den Himmel.
Man darf nicht zögern, das Seil zu führen, wenn man Musik liebt. Man will das nicht wissen? Man kann es nicht sehen? Um so besser. Ist niemand da, der die Kontrolle führen will . . . . hier ist er. Vergessen Sie die Kerzen nicht, Mijnheer. Der Sturm hat ein Rad über die Gletscher geschlagen. Er vergißt uns nicht.