Aus den weichen Schatten, mit denen die Wolken über die Ähren wanderten, am bläulichen Grün des Saftes in den meilengroßen Ebenen, im Wind der Weiler, die aus Baumspalieren mittaglich träumten, aus der fetten Kraft und sprudelnden Wucht des Bodens spürte ich die Heimat. Hier haben meine Ahnen, die Lanzen im Arm, gewohnt. Durch diese Täler sind sie von ihren Burgen gezogen. Meine Mutter hatte etwas von dem besinnlichen braunen Glanz alter Wildheit im Auge. In Friedberg, das am Horizont blieb wie ein Starnest, habe ich sechsjährig auf den Burgzinnen Dohlen gejagt und unter den Sommerbüschen der Schwarzdorne und gelben Ginster habe ich die Platten der Rittergräber mit dem Finger abgefahren. In Büdingen hängt in der Schloßkapelle die Isenburger Kriegsfahne, gegen die sie gezogen. Am Schloßportal erfuhr ich die Ermordung des Ministers, die Lakaien standen am Schloßgraben und schwatzten, der Pförtner in einer sagenhaften Uniform öffnete das Tor.
Ich bin den Mittag weiter durch meine Heimat gefahren, die Störche saßen auf allen Giebeln, die Schwalben sangen sich über den Eichen, die wie Pappeln gewachsen sind, in klarem Sang herauf und herunter, und an den Enden des Horizonts zogen sich violette Schatten, die langsam den Himmel wie große Zeichen der Festlichkeit heraufkamen.
Um uns rauschte das reifende Korn geheimnisvoll in den mittaglichen Glanz, und die Felder mit farbigem Mohn bogen verführerisch in die Stille der Hänge. Wie ein roter Regen flogen die Alleen mit den satten Kirschen über uns, als wir nach Gelnhausen kamen und sofort die Pfalz des besten Hohenstaufen suchten. Während seine Vorgänger und seine Nachfolger den Dom bauten, setzte er in den Sumpf für eine Geliebte die Pfalz von wunderbarer Wucht, den Pallas von einer Brust der leichtesten Säulen gegliedert. Der Jasmin flutete mit dem Geruch des weißen Hollunders durch die Ruinen und umdampfte das steinerne Gesicht des Barbarossa.
Sein Kopf springt aus der Wand über dem Eingang hervor und läßt keinen, der eintritt, ohne Blick. Der Bart ist gespalten und nach außen in die Höhe gezogen, bis er die Höhe seiner Augen erreicht. Auf den Spitzen des Bartes tanzen da zwei kleinere Köpfe, der des Hundes, der ihn in die weiten Jagdfelder führte, der jenes Weibes Gela, die er liebte wie ein Toller, die ihn zwanzigmal von italienischen Fahrten und deutschen Revolten an ihre Wärme zurückriß. Aus der Tiefe dieser Schatten kam mir manches ins Blut geschossen, als sich die Hollunderbüsche teilten.
Ich bin wie trunken, gesättigt vom Atem aller großen Zeiten durch meine Heimat gefahren und die Bäume hatten etwas Erkennendes in ihrem Dunklerwerden und die Vögel in ihrem Schweigen und die Felder in ihrem helleren Rauschen und die Wolken selbst, die den satten Ton der Dämmerung auf ihre lila Segel genommen, erstiegen die Höhe des Himmels mit grüßendem Triumph. Ich sah die Rehe flüchten und den Mond über den Barockschlössern aufgehen, deren Spiegel die Nacht silbern erhellten, ich sah die Nymphen der Dächer fester in ihre Hörner blasen, wenn die Nachtwinde aus den Feldern sie trafen und ich sah den Main mit seinen Schiffen heraufkommen in der weißen Nacht mit einer Größe und Verwandtheit, die ich aus den Jahrhunderten, die wir hier verbrachten, sofort verstand.
Ich bin durch die Empfänglichkeit meines romantischen Blutes wie ein zu dem Stern der großen Kaiser und adliger Erinnerungen Verführter durch die Nacht meiner Heimat gefahren, in deren Landschaft deutsches Schicksal und deutsche Welt sich durch Generationen entschied und Ausdruck und Figur erhielt bis an ihre besten Maße. An diesem Tage wurde Rathenau als der vierhundertste wehrlos, von hinten, erschossen. Ich bin für die Republik.
Ich bin für die Republik, Mijnheer, wir sind angelangt bei politischen Dingen und haben sie schon überwunden, indem wir es erkannten. Denn Sie wie ich werden bemüht sein, ich von dem Ihren und Sie von meinem Herzen aus die Gegenwart zu sehen. Und wir sind beide genug voll innerer Distanz zu den Dingen, um nicht zu verstehen, das Saubere von dem Gemeinen und das Echte vom Gefälschten zu unterscheiden. Sonst ist nichts von Belang. Welches Volk aber von Barbaren, Mijnheer! Man kann mit diesen Leuten nicht sein, die den Mord heiligen, um zu Monarchien zu kommen, deren Absurdheit Sie wie ich in jener Form verachten, wie vernarrte Jünglinge und verbissene Greise sie wollen. Das hat kein Band mit den Erinnerungen meines Blutes.
In meinem Wappen stehen unter dem springenden Löwen die sechs Punkte des Gleichgewichtes. Der Wahlspruch schrieb: „fidèle sans blâme“. In Ihrem ist das Segel der Fregatte, mit dem ein Ahn die Mauren jagte, ein späterer seinen König nach den Niederlanden führte und darunter steht: „Illum oportet crescere me autem minui“ wie bei dem furchtbaren Johannes des Grünewald, der vergehen wollte wie ein Blatt, damit der Nazarener aufschieße wie ein Baum. Ach, wenn die Könige Europas doch auch wie junge Heilige wüchsen! Auch Ihr Monarchismus hat eine Idee und es wäre Ihnen darum unmöglich, den Meuchelmörder zu rufen, wo ein Gedanke Sie erfüllt. Napoleon Bonaparte hat als Letzter die Monarchie einer europäischen Idee verfochten und ich gestehe, daß ich das Verführerische dieses Glaubens spüre. Ich sehe aber in diesem Europa meiner Jugend keinen Weg und keinen Führer dazu. Ich bin für die Republik.
Mijnheer, wir sind eingeschneit. Die Läufer, die zurückkehren, haben die Figuren von Tieren. Wir sind mit ihnen in dieser angenehmen Höhle eingesperrt. Sie wollen nunmehr mich in der Zwischenzeit veranlassen, mit der gleichen animalischen Unvoreingenommenheit der Kunst nicht nur die Knospen des Busens zu bewundern und den zitternden Elan der Schenkel zu bestaunen, sondern der schönen Gejagten den Bauch zu beklopfen und alle Sehenswürdigkeiten aber auch alle Fehler ihres Baues in unser Entzücken und in unser Urteil aufzunehmen. Die Wertungen ihrer Schönheit fällt allerdings erst die spätere Geschichte.
Aber die Göttlichkeit des Augenblicks, die versteckte Herrlichkeit einer ihrer sekündlichen Bewegungen und den Schatten der Sonne auf ihrer schlanken Hüfte bringt keine Ewigkeit zurück. Es lebe der Augenblick!